Der schwere Weg der Erkenntnis

Aus dem Tyrannen Gilgamesch wird ein guter Hirte

Als Gilgamesch das Meer des Todes erreicht, kommt er allein nicht mehr weiter. Zuerst besiegt er mythische Wesen aus Stein, dann zwingt er den Fährmann, ihn auf die Insel jenseits des Gewässers überzusetzen. Dort möchte er den uralten Uta-napischti treffen und um Hilfe bitten.

Gilgamesch Quelle: ZDF

Bevor sie ablegen, heißt es für Gilgamesch jedoch, die Arbeit der "Steinernen" zu verrichten. Er muss dreihundert Bäume fällen und gewaltige, dreißig Meter lange Stocherstangen für die Überquerung daraus fertigen. Nach einer strapaziösen Überfahrt erreichen sie endlich das Ufer der Insel. Dort wartet Uta-napischti, der Weiseste aller Weisen. Er erlangte Unsterblichkeit nachdem er mit seiner Frau eine Sintflut überlebte. Das Ereignis gilt als Vorlage für die Arche Noah-Erzählung im Alten Testament.

Harsche Kritik an Gilgamesch

Uta-napischti Quelle: ZDF

Sofort überfällt Gilgamesch den uralten Mann mit Fragen und schüttet ihm sein Herz aus. Der Weise antwortet mit harscher Kritik, tadelt die Selbstsucht und das Jammern des Jüngeren. Vielmehr solle er seine Fähigkeiten für die Menschen einsetzen, die ihm anvertraut seien und seine Fürsorge brauchten. Gilgamesch erhält eine Lektion: sieben Tage und Nächte soll er wach bleiben. Doch schon bald schläft er tief und fest. Jeden Tag legt Uta-napischtis Frau ein frisches Brot neben das Lager. Der Held merkt es nicht. Wenn er aber nicht einmal den Schlaf, den kleinen Bruder des Todes bezwingen kann, wie will der König aus Uruk dann jemals Unsterblichkeit erlangen?

Zum Trost verrät ihm der Weise, wo das Kraut ewiger Jugend wächst. Doch wieder versagt der Herrscher. Eine Schlange schleicht sich heran. Sie riecht den betörenden Duft der kostbaren Pflanze. Von der leisen Gefahr ahnt der Weltreisende nichts. Er hat sich nach der Anstrengung, das seltene Gewächs aus dem Süßwasserozean zu ergattern, zur Ruhe gebettet. Das Reptil frisst das Zaubermittel, wirft sogleich die Haut ab und verjüngt sich. Gilgameschs Träume scheinen für immer verloren. Den Standort des Zaubermittels kann er nicht mehr aufsuchen, ebenso wenig das Land des Sintfluthelden. Doch dann wendet sich das Blatt.

Schlange Quelle: ZDF

Vision von einer blühenden Stadt

Nachdenklich kehrt der Gebieter von Uruk in seine Heimat zurück. Hinter ihm liegt der schwere Weg der Erkenntnis, vor ihm seine eigentliche Bestimmung: seine Untertanen zu schützen und zu versorgen. Aus dem Tyrannen, der den Göttern gleichgestellt sein wollte, wurde ein guter Hirte, wie das Epos erzählt. Gilgamesch hat begriffen, dass er wie alle anderen Menschen sterben muss. Und nur durch große Taten Unsterblichkeit erlangen kann - und damit beginnt er sofort. In einem gigantischen Bauprojekt setzt er seine Vision von einer blühenden Stadt um. Milliarden von Lehmziegeln lässt er anfertigen. Alle Arbeiter des Reiches schuften im Akkord. Gebäude um Gebäude entsteht aus dem Material, das Mesopotamien berühmt machte.

Mauerbau bei Uruk Quelle: ZDF

Doch das Glanzstück ist eine Schutzmauer, die rund um Uruk verläuft. Über elf Kilometer lang und neun Meter hoch soll der Wall gewesen sein. Die größte Stadtmauer des Altertums - ein Weltwunder. Den Nachweis, ob Gilgamesch tatsächlich der Bauherr war, konnten Archäologen bisher nicht erbringen. Doch die verwitterten Fundamente der längst zerstörten Mammut-Architektur sind selbst nach 5000 Jahren noch deutlich zu sehen.

Überreste Mauerfundament Quelle: ZDF

Bollwerk aus Lehmziegeln

1936 beauftragte die deutsche Orient-Gesellschaft Archäologen mit der Ausgrabung der massiven Mauer. Was sich aus dem Sand schälte, übertraf alle Erwartungen. Alle neun Meter erhob sich ein Ausbau, alle hundert Meter ein Wachturm. Die Forscher konnten das Bollwerk aus Lehmziegeln zwischen 2900 und 2600 vor Christus datieren. In jene Epoche verweist eine sumerische Königsliste, auf der auch der Name Gilgamesch geschrieben steht. Der einzige archäologische Beleg für den Herrscher.

Über Jahrtausende diente das Epos als Vorlage zum Erlernen der Keilschrift. Kopien der spannenden Geschichte kursierten in Syrien, Palästina und der heutigen Türkei. Die Legende vom geläuterten König - über viele Generationen ein Lehrstück. Erst als andere Buchstabensysteme die Studierstuben eroberten, geriet der Bestseller des Alten Orients allmählich in Vergessenheit. Die Motive aber fließen in spätere Werke der Weltliteratur ein: in die Bibel, in Homers Ilias und in die Geschichten aus 1001 Nacht. Als König bleibt Gilgamesch vorerst ein Phantom. Doch als Held, der nicht sterben wollte, erlangte er Unsterblichkeit.

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