Der Stein von Rosette

Maßgebliche Hilfe zur Entschlüsselung der altägyptischen Schriftsprache

1798 marschierte Napoleon in Ägypten ein, um Großbritanniens Zugang nach Indien zu stören. Napoleon, als selbstverstandener Förderer der Aufklärung, nahm eine illustre Truppe von 167 Gelehrten auf seine Expedition mit. Der Stein von Rosette ist ein bekannter Fund jener Expedition.

Im Juli 1799, kurz vor Napoleons fluchtartiger Abreise aus Ägypten, rechneten die Franzosen mit einem türkischen Angriff auf das westliche Nildelta. Daraufhin wurden französische Soldaten zur Verstärkung der Verteidigungslinien von Fort Julian abkommandiert. Das Fort war die mittelalterliche Festung von Rosette, einer Hafenstadt im Nildelta, etwa 90 Kilometer Entfernung östlich von Alexandria.

Drei verschiedene Schriften

Bei Befestigungsarbeiten an der mittelalterlichen Wehrburg von Rosette im Nildelta machten Napoleons Männer eine außergewöhnliche Entdeckung: eine große, dunkelgraue, beschädigte Granittafel, die auf den ersten Blick nicht sehr interessant oder wertvoll zu sein schien. Die Tafel war auf einer Seite poliert und mit einem Text in drei verschiedenen Schriften versehen, damit es sowohl von den einheimischen Ägyptern als auch von den Griechen gelesen werden konnte.



54 Zeilen in griechischen Buchstaben, ein zweiter Teil mit 32 Zeilen in Demotisch, der obere 14 Zeilen in deutlich erkennbaren Hieroglyphen. Während Demotisch eine Sprache war, die von ägyptischen Priestern im alltäglicheren Unterricht verwendet wurde, bezeichnete man die Hieroglyphen als Schrift der Gottesworte. Die Griechen bezeichneten sie als "heilige Gravierungen", daher der Terminus "Hieroglyphen".

Dekret aus dem Jahr 196 vor Christus

Die heilige Bilderschrift aus der Zeit der Pharaonen konnten die französischen Forscher nicht verstehen. Ebenso wenig wie das Gekritzel im Mittelfeld. Allein das Griechische offenbarte den Inhalt: Die Inschrift ist ein Dekret aus dem Jahr 196 vor Christus und wurde von der Priesterschaft in Memphis aus Anlass des Jahrestages der Thronbesteigung von König Ptolemaios V. Epiphanes erlassen. In der Description de l'Egypte, einer reich illustrierten Zusammenstellung von Beobachtungen und Forschungen der französischen Expedition unter Napoleon, kann man eine kurze Beschreibung des Steins und seiner Inschrift lesen.




Von dem Granitblock existierten ursprünglich Hunderte von Kopien. Pharao Ptolemäus V. ließ die dreisprachigen Stelen in allen Tempeln des Reiches aufstellen, um der Bevölkerung seine ewige Macht bis in den letzten Winkel des Landes zu demonstrieren. Eine verzweifelte Propagandamaßnahme. Denn die goldene Ära Ägyptens war spätestens seit der Eroberung durch Alexander den Großen vorbei. Mit der Dynastie der Ptolemäer verlernten die Einheimischen allmählich Sprache und Schrift ihrer ruhmreichen Vorfahren. Demotisch wurde zur neuen Amtssprache. Und in griechisch unterhielten sich Adels- und Herrscherfamilien.

Füllmaterial beim Mauerbau

Archäologen vermuten, der Stein beziehungsweise die Stele müsse ursprünglich im nahe gelegenen Sais aufgestellt und im Mittelalter dann zum Füllmaterial beim Mauerbau degradiert worden sein. Nach dem Prinzip "Wer etwas findet, der darf es behalten" entstanden in Frankreich erlesene Privatsammlungen mit ägyptischen Antiquitäten. Auch der Kommandant General Menou wollte auf diese Weise den Stein für sich behalten, entschied sich aber doch anders. Vielleicht war der Stein ihm einfach zu groß und zu sperrig. So wurde er per Schiff nach Kairo gebracht, wo am 29. Juli 1799 die Nachricht von seiner Entdeckung beim Institut eintraf.

Die Bedeutung des Steins wurde sofort erkannt. Sprachwissenschaftler konnten die griechische Version des Dekrets lesen, und bestätigten, dass es sich bei den ägyptischen Inschriften um Kopien desselben Textes handelte. Obwohl man weder die Sprache noch die Schriften der ägyptischen Texte verstand, bot der Stein von Rosette eine gute Chance, das Geheimnis der Hieroglyphen endlich zu lösen. Kopien des Textes wurden angefertigt und nach Paris geschickt. Der Stein selbst sollte allerdings nach London gehen. Heute ist er in der Ägyptischen Sammlung des British Museum zu bewundern.

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