Der Stoff, aus dem die Träume sind

Glückliche Verbindung aus Mythos und wahren Begebenheiten

Die erste Fassung des Märchens hieß "Das arme Mädchen". Eine seltene Münze aus ihrem Besitz inspirierte die Brüder Grimm dann aber zu einer Neuschöpfung. Der Silbertaler von 1776 hat zwar nichts mit Regenbogenschüsselchen zu tun, glänzte aber mit einem markanten Namen.

Friedrich II. von Hessen, der Landesvater der Autoren, ließ die Geldstücke prägen. Als Vorbild diente der strahlende Stern des Ritterordens "Goldener Löwe", den der Fürst gegründet hatte. Die Leute nannten die auffälligen Silberlinge liebevoll "Sterntaler".

Stille Hoffnung auf das eigene Glück




Seit der 2. Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1819 lautet die Geschichte "Die Sterntaler". Eine glückliche Verbindung zwischen mythischen Sternen und realem Geldsegen. Unter dem neuen Titel erobert die Erzählung die Herzen von Kindern und Erwachsenen rund um die Welt. Die Wandlung der Heldin aus ärmsten Verhältnissen zur Multimillionärin weckt die stille Hoffnung der Menschen auf das eigene große Glück.



Die Erfolgsstory des Mädchens ist damals wie heute ein aktueller Stoff, aus dem Träume sind. Gespickt mit der Moral: Um etwas zu erreichen, muss man sein Leben in die Hand nehmen, ohne dabei das Herz vor der Not anderer zu verschließen. Ein romantisches Lehrstück, das gerade bei den Jüngeren auf der Beliebtheitsskala ganz oben steht. Die stille Handlung beflügelt die Phantasie der Zuhörer - obwohl sie kaum Action-Szenen bietet. Doch umso eindringlicher spiegelt sie elementare Ängste und Sehnsüchte wider. Der Blick in die Sterne verbindet sicht stets mit der bangen Frage, was die Zukunft wohl bringen mag. Eine Antwort geben die Grimms: Dem Gottgefälligen winkt der Lohn aus dem Himmel.

"Dunkle Erinnerung"

Aufgeschrieben haben sie die Geschichte aus "dunkler Erinnerung", wie sie in den Anmerkungen notieren. Die Brüder verweisen auf einen Text von Achim von Arnim, einem berühmten Schriftsteller und guten Freund. Darin schildert er ein notleidendes Mädchen, das die himmlische Mutter mit Silbermünzen beschenkt. Auch Jean Paul erzählt von einem armen Waisenkind, das eine überirdische Macht mit Talern überschüttet. Weitere Vorlagen für den Sterntaler fanden die legendären Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm im reichen Fundus der Überlieferungen nicht - trotz sorgfältiger Recherche.


In der Kleinen Ausgabe erscheint der Sterntaler als krönender Abschluss. Ein Paradestück, das die Lust des Menschen am Wunderbaren stillt. So sahen es die Autoren selbst. "Die Sterntaler" ist die kürzeste Erzählung der Brüder Grimm. Und dennoch stecken darin Botschaften, die Bände füllen. Sie künden von Hunger und Armut. Und der schweren Not von Waisenkindern, die den Trost ihrer Eltern schmerzlich vermissen und die der Welt schutzlos ausgeliefert sind. Sie geben den Blick frei auf tief verwurzelten Volksglauben, der die vielfältigen Naturerscheinungen zu überirdischen Mächten erhob. Als oberste Instanz befanden sie über das Schicksal eines jeden Einzelnen.

Universelle Erkenntnisse

Die Geschichte vom Sterntaler führt aber auch zu handfesten Begebenheiten aus der Vergangenheit. Bei nüchterner Betrachtung enthüllen manche von ihnen sogar universelle Erkenntnisse. Oder berichten von alten Kulturen - so wie die sagenumwobenen Goldmünzen aus der Erde. Die Alchimisten des Mittelalters erkannten zwar die Heilkraft des edlen Metalls, wussten aber nichts von seiner keltischen Herkunft.


Ein reicher Wissensschatz - in wenigen Zeilen von den Brüdern Grimm zu einem religiösen Gleichnis gestaltet. Das Schicksal des armen Mädchens, das die Prüfungen des Lebens mit grenzenloser Barmherzigkeit besteht, erfüllt sich im himmlischen Goldregen. Gib und Dir wird gegeben. Vielleicht regnet es nicht immer harte Taler, aber die Kraft des Schenkens und die Macht des Wünschens verheißen zumindest eine glückliche Seele. Und da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

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