Der Super-Stahl

Ein Geschenk aus dem All?

Die Wunden der Natur sind bereits nach etwa fünf Jahrzehnten verheilt. Was lange niemand wusste: Der Bote aus dem All hat ein einzigartiges Geschenk mit auf die Erde gebracht. Im 2000 Quadratkilometer großen Streufeld des Kometen machen Experten eine erstaunliche Entdeckung.

Wissenschaftler von der Universität Würzburg finden im Sand kristallklarer Gebirgsseen rätselhafte Eisenkügelchen. Keiner von ihnen hat ähnliches Material je zuvor gesehen. Doch schon bald wagen sie die Vermutung, es sei außerirdischen Ursprungs.

Seltsamer Honig

Möglicherweise waren die Kügelchen einst Bestandteil der Gesteinsbrocken, die der Chiemgau-Komet mit sich führte. Doch erst ein Bienen-Monitoring im Chiemgau verhilft zum entscheidenden Durchbruch. Im Sommer 2002 lassen die Behörden sechzig Honigproben von unterschiedlichen Imkern nehmen. In einer Untersuchung wollen sie etwaige Umweltverunreinigungen im Landkreis feststellen.


Doch statt üblicher Schadstoffe analysieren die Forscher exotische Teilchen. Der Honig enthält Aluminiumsilizid, Xifingit und Titancarbid. Und zwar genau die Proben aus den Gebieten, in denen auch die Eisenkügelchen geborgen wurden. Zusammen kommen die Stoffe auf der Erde nicht vor. Sie stammen aus interstellaren Staubnebeln und sind teilweise älter als das Sonnensystem. Das heißt: Es handelt sich um präsolare Materie. Das vermuten zumindest die Wissenschaftler aus Würzburg.

Rückkehr zum Chiemsee

Die kleinen Partikel bilden sich in den Hüllen roter Riesengestirne oder entstehen bei der Explosion von Sternen, einer Supernova. Wenn die gigantischen Gestirne im Universum zerbersten, verbinden sich Überreste zu neuen Sternen. Auf diese Weise hat sich das Sonnensystem formiert, aber auch Kometen entwickeln sich so. Also führen sie Material der verloschenen Himmelskörper mit sich. Wenn mit dem außerirdischen Gestein präsolare Stoffe auf die Erde gelangt sind, dann halten die Experten die ältesten geologischen Zeugnisse aus dem Universum in ihren Händen - eine Sensation.



Rund 200 Jahre nach dem Inferno kehren keltische Stämme an die Ufer des Chiemsees zurück und bauen dort neue Siedlungen. Berühmt in der gesamten antiken Welt werden ihre Schmiedekunst und ihre Waffen aus Stahl, dessen herausragende Qualität sich auch heute noch Experten nicht erklären können. Hat dieser Super-Stahl, "ferrum noricum", etwas mit dem Einschlag aus dem Jahre 465 vor Christus zu tun?

Zufallsfunde




Die ausgefeilte und aufwändige Technik seiner Herstellung hüten die Schmiede wie ein Staatsgeheimnis. Und jeder hat sein eigenes Verfahren. Seit vielen Jahren versuchen Fachleute, die Zusammensetzung des norischen Stahls zu bestimmen. Trotz intensiver Studien und zahlloser Experimente kamen sie bislang zu keinem brauchbaren Resultat.

Eventuell spielte bei der Entwicklung des Stahls der Zufall eine Rolle, wie bei vielen Erfindungen in der Menschheitsgeschichte. Vielleicht stießen die Schmiede bei der Suche nach Eisenerzen und eisenhaltigem Sand auf Gestein, das rund 200 Jahre zuvor vom Himmel gefallen war. Da seine Farbe und Beschaffenheit dem Eisenerz ähneln, landeten die Funde in den Körben der Sammler.

Entwicklungshilfe aus dem All

Das Gütesiegel für guten Stahl ist sein Kohlenstoffgehalt. Die Zutaten der norischen Mixtur enthalten einen weit höheren Kohlenstoffanteil als die Grundstoffe anderer Schmiede. In hohen Dosen enthalten ist er in einer Kohlenstoffverbindung, die überall im Chiemgau gefunden worden und nach Meinung der Forscher außerirdischen Ursprungs ist.


Noch laufen die Untersuchungen, welches Material aus dem Einschlagsgebiet präsolarer Herkunft ist. Wenn sich aber herausstellt, dass die Noriker ihre Erfolgswaffe einem interplanetaren Technologietransfer verdanken, dann öffnet sich in der Geschichte der Kelten ein neues Kapitel.

Härte und Elastizität

Die Qualität des Ausnahmeprodukts spricht sich schnell herum. Als die Römer davon hören, schicken sie ihre Händler zu den Norikern. Der Absatz an Spitzbarren und Schwertern aus dem neuen Spezialstahl floriert. Die hervorragenden Waffen sollen den Herren vom Tiber die nötige Überlegenheit im Kampf verschaffen.


Die Klingen übertreffen alle Erwartungen. Sie überzeugen durch besondere Härte bei gleichzeitiger Elastizität und geringer Rostanfälligkeit. Wie hoch die Römer die Kunst der Schmiede vom Chiemgau schätzten, dokumentiert eine historische Tatsache: Die Noriker waren der einzige keltische Stamm, den sie nicht unterwarfen. Vielmehr verbündeten sie sich mit ihnen zu Handelspartnern - dank der ungeahnten Durchschlagskraft eines Schwertes.

Zukunftsvisionen

Der Chiemgau-Komet bescherte womöglich präsolares Material mit kristallinen Strukturen. Sie könnten eines Tages bei der Entwicklung von transparentem Metall von großem Nutzen sein. Die winzigen Kohlenstoffkügelchen, die den keltischen Schmieden einst zur Wunderwaffe verhalfen, besitzen Eigenschaften, die das Team von der Würzburger Universität auf weitere spektakuläre Erkenntnisse hoffen lassen.


Die Kügelchen reagieren wie ein Magnet und sind elektrostatisch aufgeladen. Noch können die Experten die Bedeutung des Phänomens nicht erklären. Fest steht nur, die unglaubliche Wucht des Einschalgs verteilte die seltsamen Gebilde über ganz Europa. Es wird sicher noch Jahrzehnte dauern, bis der feurige Drache aus Eisen, Eis und Methan sein letztes Geheimnis preisgibt.

Streit unter Gelehrten

Der schicksalhafte Tag, an dem die Kelten im Chiemgau vom Einschlag eines Kometen überrascht wurden, löste eine Kettenreaktion aus, die über Jahrhunderte nachwirkte. Der Unglücksbote, am Anfang unseres Sonnensystems entstanden, brauchte Lichtjahre, um zur Erde zu gelangen.


Er brachte vielen Menschen Tod und Verderben - und eine fremdartige Materie, die mit ihrer Entdeckung einen erbitterten Streit unter Gelehrten verursachte: Denn keineswegs sind sich alle Wissenschaftler einig, dass der Stahl, dessen Qualität sich mit der von industriell hergestellten Materialien des 21. Jahrhunderts messen kann, aus präsolaren Stoffen besteht. Auch die Entstehung des Tüttensees und anderer "Donnerlöcher" wird nicht von allen Forschern mit dem Chiemgau-Kometen in Verbindung gebracht.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet