Der Takt des Lebens

Von inneren Uhren und äußeren Einflüssen

Die Erde als Lebensraum ist durch eine Vielzahl von regelmäßigen zeitlichen Abläufen geprägt. Bei fast allen lebenden Organismen finden sich Rhythmen, die mittels eines inneren Zeitmessers gesteuert werden: innere Uhren, die sich von äußeren Einflüssen dirigieren lassen. Doch die Zeit tickt nicht für alle gleich.

Blüte neben Ziffernblatt
Blumen haben eine innere Uhr.

Woher kommen eigentlich die zyklischen Abläufe? Durch die Rotation der Erde entsteht der Wechsel von Tag und Nacht. Gleichzeitig kreist die Erde auch um die Sonne, wodurch sich die Jahreszeiten ergeben. Auch der Mond produziert Rhythmen. Seine Schwerkraft lässt die Gezeiten der Meere wechseln. All diese Konstellationen gelten als Zeitgeber der Natur, die nicht nur höher entwickelte Tiere, sondern auch Insekten, Pilze und sogar einzellige Algen offensichtlich beeinflussen.

Die Krabbenuhr

Den Lebensrhythmus der Soldatenkrabben beispielsweise bestimmen die Gezeiten. Wie auf ein geheimes Kommando treten sie bei Ebbe ihren Weg zum Futterplatz an, ist die Flut im Anzug, krabbeln alle Tiere gleichzeitig wieder zurück. Aber woher wissen die Krabben, wann Zeit ist für den Start und wann für den Rückzug? Ein Experiment soll das Rätsel lösen. Dafür werden Krabben in einen blickdichten Eimer verfrachtet. Sobald die Flut kommt, fallen die Tiere in eine Starre, genau so, wie sie sonst im Sand verharren würden. Bei Ebbe beginnt wieder das rege Treiben.

Soldatenkrabben
Sobald die Flut kommt, treten die Soldatenkrabben den Rückzug an.

Der Versuch zeigt, dass die Krabben dem Gezeitenspiel instinktiv folgen. Sie haben den Rhythmus der Natur verinnerlicht und gehorchen einer inneren Uhr. Die Macht des Mondes bewirkt den Wechsel der Gezeiten. Krabben können diese Kraft jedoch nicht wahrnehmen. Sie reagieren auf irdische Taktgeber: Vielleicht spüren die Tiere Luftdruckänderungen, die die Flut ankündigen. Was genau die "Krabbenuhr" immer wieder stellt, ist Forschern noch ein Rätsel.

Frühaufsteher und Langschläfer

Der mächtigste Dirigent für den Takt des Lebens ist die Sonne. Es gibt Blumen, deren innere Uhr die genaue Tageszeit vermittelt. Wann sich die Blüte öffnet, bestimmt der Lauf der Sonne. Der Grund dafür sind die Insekten, die genau diese Blüten bestäuben. Es gibt Hummeln, die sehr früh am Morgen unterwegs sind. Die angesteuerten Pflanzen, wie etwa die Prunkwinden, öffnen deshalb ihre Blüten für den Besuch schon bei Sonnenaufgang.

Die südafrikanische Mittagsblume dagegen wird erst viel später aktiv. Ihr Bestäuber ist ein Langschläfer. Erst nach einigen warmen Sonnenstunden ist der massige Körper des Blatthornkäfers flugbereit. Die Fähigkeit der Pflanzen, ihre "Blüten-Uhren" entsprechend der Tageslängen zu eichen, sichert ihre Bestäubung durch die passenden Besucher.

Subjektives Zeitgefühl

Pflanzen und Tiere lassen sich von den natürlichen Rhythmen dirigieren. Sie wissen instinktiv, was die Uhr geschlagen hat, und kommen nie in Zeitnot. Wir Menschen dagegen rennen der Zeit förmlich hinterher. Die Zeit scheint zu rasen, so als ob unser natürlicher Rhythmus einem langsameren Takt gehorchen würde, als ihm unser Alltag vorgibt. Das Lebenstempo bestimmt das Zeitgefühl. Während die Schnecke in unseren Augen eher eine gemächliche Lebensweise pflegt, scheinen andere Tiere mit Höchstgeschwindigkeit durchs Leben zu jagen.

Schnecke auf Autobahnbrücke
Die Geschwindigkeit ihrer Umgebung nimmt die Schnecke gar nicht wahr. Quelle: dpa

Für die Fliege ist die Reaktion auf schnelle Bewegungen überlebensnotwendig. Sie verarbeitet in derselben Zeit viel mehr Details und hat daher eine erheblich kürzere Reaktionszeit als wir. Aus der Sicht einer Fliege läuft unser Leben wie in Zeitlupe ab.

Fliegenkino

Erst im Gehirn werden die Informationen je Zeiteinheit zu einem Ganzen verbunden. Für eine Fliege wäre ein Kinobesuch sicher kein beeindruckendes Erlebnis. Uns vermittelt ein Film die perfekte Illusion. Die einzelnen Bilder verschmelzen zu einer fortlaufenden Bewegung. Für die Fliege mit ihrer viel kürzeren Verarbeitungszeit zeigt der Film sein wahres Gesicht: Die Sequenzen lösen sich in ihre Einzelbilder auf.

Das menschliche Gehirn ist an dieses Tempo nicht angepasst. Es wäre durch die Fülle der Eindrücke überfordert. Doch es gibt Extremsituationen, in denen wir fast "ticken" wie eine Fliege. Zum Beispiel bei einem Unfall. Urplötzlich scheint die Zeit stillzustehen. Ein Notfallprogramm, mit dem und das Gehirn die Chance gibt, schneller zu reagieren und zu handeln.

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