Der Tod des Arminius

Germanien wird bedeutungslos

Kaiser Augustus hielt in seinem politischen Testament fest: "Ich habe Germanien bis zum Ozean und zur Mündung des Elbstroms unterworfen." Bei Tiberius liegt der Fall anders. Aufgrund seiner eigenen defensiven Germanienzüge zwischen 10 und 13 n. Chr. ist glaubhaft, dass er nicht noch mehr Opfer und Kosten in diesem verlustreichen Krieg hinnehmen wollte. Man solle die Germanen am besten ihren eigenen, den Römern höchst willkommenen Streitigkeiten überlassen, das sei ergiebiger, als ihnen in ihren Wäldern und Sümpfen nachzujagen.

Tiberius sollte mit seiner Hoffnung auf eine innergermanische Lösung des römischen Problems recht behalten. Arminius, der, ohne die Fakten zu sehr beugen zu müssen, behaupten konnte, den Freiheitskrieg gegen Germanicus gewonnen zu haben, wird eine Führungsrolle bei den Cheruskern und den sie umgebenden Stämmen beansprucht haben. Ihm könnte sogar ein eigenes Königreich, wie Marbod es anführte, vorgeschwebt haben.

Cherusker gegen Markomannen

Mit Marbod hatte Arminius noch eine Rechnung offen, da dieser den Kopf des Varus nach Rom geschickt hatte, um der Weltmacht seine Unterstützung zuzusichern. Im Jahr 17 n. Chr. griff Arminius den markomannischen Konkurrenten in Böhmen an. Obwohl keiner der beiden die Oberhand behielt, zog sich Marbod zurück, auch weil Teile seiner Truppen in ihrer Loyalität zu ihm wankten. Da Marbod die Römer ein Jahr zuvor gegen die Cherusker nicht unterstützt hatte, waren ihm diese gegen Arminius nicht zu Hilfe geeilt. Sie ließen ihn fallen, so dass Marbod 18 n. Chr. stürzte. Er erhielt Asyl in Ravenna und starb im Jahr 36 n. Chr.

Eine germanische Staatenbildung unter Marbod war damit gescheitert, und auch Arminius sollte es nicht gelingen, ein germanisches Königreich zu etablieren. Er wurde den Gegnern in der cheruskischen Führungsschicht, die sich mithilfe der Chatten gegen ihn stellten, zu stark. Vielleicht spielte auch noch immer eine Rolle, dass Arminius Thusnelda zur Frau genommen hatte, obwohl diese einem anderen Mann versprochen gewesen war. Jedenfalls wurde Arminius 19 n. Chr. ermordet, er fiel 37-jährig "durch Heimtücke seiner Verwandten" (Tacitus), wohl durch den Dolch oder durch Gift. So lakonisch das Attentat an Arminius in der Ereignischronik auch anmutet, handelt es sich im Grund um einen rätselhaften Vorgang.

Keine römische Verschwörung

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Rom an der Verschwörung aktiv beteiligt war. Im Gegenteil: Den Quellen ist zu glauben, dass der römische Senat das Angebot eines Chattenfürsten, Arminius zu beseitigen, ablehnte - das schien ihnen unter ihrer Würde. Warum entledigten sich seine Landsleute ihres brillanten Kopfes? Eines Mannes, dem es mit seinen Kriegern gelungen war, den überlegenen Römern richtig gefährlich zu werden. Der eine solch unbändige Kraft entfesselt hatte, dass sie einem Imperium erfolgreich trotzen konnten, dessen Stärke zu dieser Zeit legendär war und nichts mit jenem morschen Spätrom zu tun hatte, das die Goten, Vandalen und Franken im 4. und 5. Jahrhundert mühelos erobern konnten.
Dennoch scheint es nach den Quellen am plausibelsten zu sein, dass Arminius das Opfer innergermanischer Zwistigkeiten wurde. Der Adel stellte sich gegen den Plan einer zentralen Herrschaft. Man ist versucht, den Mord an Arminius als Beginn der deutschen Kleinstaaterei durch Ränke machtbewusster Fürsten zu sehen - die Germanen als erste Anhänger eines gelebten Partikularismus.


Herrschaft in lokalen Strukturen

Das Scheitern von Marbod und Arminius verdeutlicht, dass an eine germanische Nationen- oder Großmachtbildung zu jener Zeit nicht zu denken war. Herrschaft war nur in lokalen Strukturen realisierbar, für eine überregionale Herrschaftsbildung war die Zerstrittenheit unter den Stämmen zu groß. Daher neigt die Forschung der Auffassung zu, dass es sich bei dem Kampf gegen die Legionen des Varus und Germanicus nicht um eine nationale Erhebung handelt. Es war ein Freiheitskampf unter cheruskischer Führung, und die Solidarität untereinander hielt nur, bis die Gefahr abgewendet war.

Auch nach dem Mord an Arminius fanden die Cherusker, die angesichts ihrer Dominanz im römisch-germanischen Krieg eigentlich eine Führungsrolle unter den nord- und westgermanischen Stämmen hätten übernehmen können, keine Ruhe. Die inneren Konflikte blieben so virulent, dass sie 47 n. Chr. gar einen Exilgermanen zum König erklärten: Italicus, Sohn des romtreuen Arminiusbruders Flavus, der wie sein Vater und Onkel in Rom aufgewachsen war, sollte nun die Cherusker führen. Er versuchte sich erfolglos an dieser explosiven Aufgabe, und einige Jahrzehnte später versanken die Cherusker als "ein elender Haufen" (Tacitus) in der Bedeutungslosigkeit.


Unterschiedliche Kulturstufen

Die Römer hatten Italicus in seinem Amt nicht unterstützt. Sie schienen überhaupt das Interesse an den streitlustigen Nordmenschen verloren zu haben, die alles unternommen hatten, um die Segnungen des Imperiums schnöde zu ignorieren. Als der römische Schriftsteller Plinius der Ältere im Jahr 52 n. Chr. die "elenden Hütten" der Chatten erlebte, meinte er achselzuckend: "Und solche Völker behaupten doch tatsächlich, wenn sie heute vom römischen Volk besiegt würden, würden sie Sklaven! So ist es in der Tat: Das Schicksal verschont manche, um sie zu strafen."


Durch den 30-jährigen Krieg war das dunkle Germanien mit seinen Wäldern, Mooren, Flüssen und Gebirgen den Römern ein Begriff geworden, und siehe da, nun verschmähten sie die spröde Germania, die Braut, um die sie so heftig geworben hatten. Sie wandten sich einer neuen Geliebten zu, nämlich Britannien, das sie ab 43 n. Chr. besetzten. Rom riegelte Germanien von seiner Welt regelrecht ab: es zementierte die Grenze zu den Barbaren mit einer erhöhten Militärpräsenz am Westufer des Rheins sowie dem Bau des Limes, der ab 84 n. Chr. die natürlichen Grenzen von Rhein und Donau miteinander verband. Hiermit waren zwei unterschiedliche Kulturstufen für lange Zeit festgeschrieben.

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