Der Totenkult der Syrer

Üppige Feste und ausgewählte Gaben

Die Unordnung in den Räumen der Gruft müssen die Bewohner des Palastes selbst verursacht haben. Die Erklärung dafür hängt mit dem Totenkult zusammen.

Im ersten Sarkophag liegen menschliche Gebeine, Tierknochen und Essgeschirr. Im angrenzenden Raum steht der zweite Sarkophag. Der massive Trumm bietet das gleiche Bild. Es sieht so aus, als sei in der geheimnisvollen Gruft ein Gelage gefeiert worden.

"Straße ohne Wiederkehr"

Bisher gibt es nur spärliche Quellen über syrische Bestattungszeremonien, doch weiß man, dass Essen und Trinken in Anwesenheit der Toten zum festen Ablauf gehörten. Sobald ein König für immer die Augen schließt, verlangt das Ritual seine sofortige Beisetzung. Der älteste Sohn geht an der Spitze der Prozession. Gleichzeitig beklagen die Frauen des Hofes den verwaisten Thron. Ein Priester und der Erbe geleiten den verstorbenen Vater bis zur "Straße ohne Wiederkehr". So heißt das Totenreich in der Mythologie des alten Syrien. Dann beginnt das eigentliche Fest in der königlichen Grabanlage. Ein Vogelopfer soll die Götter gnädig stimmen, damit sie die Seele des Heimgegangenen aufnehmen ins jenseitige Reich.

Belege für die Kulthandlung vor viertausend Jahren entdeckt das deutsche Team in einer Nebenkammer. Kurioserweise nicht in dem offenen Sarkophag, sondern auf einer einfachen Bahre. Versteckt in einer bräunlichen Masse - eine Ansammlung organischen Materials: Holz- und Pflanzenreste, Knochen und Stofffasern. Auf dem Boden der Grabkammer legen sie schließlich die relativ gut erhaltenen Knochen einer Taube frei. Als sie auf der Bahre auch noch eine Lage Pflanzengeflechte ausmachen und außerdem Beschläge aus oxidierter Bronze finden, kommen sie der Antwort endlich ein Stück näher. Zum weiteren Baustein wird ein unscheinbarer Fetzen. Der violett-blaue Wollstoff stammt womöglich von einem königlichen Gewand. Eine prächtige Kette aus Gold und Edelsteinen bringt die Untersuchung zum krönenden Abschluss. Das kostbare Objekt - schmückendes Beiwerk für einen Herrscher.

Identitätsbestimmung

Die These der Forscher lautet: In einem Holzsarg mit Beschlägen wurde der Körper aufgebahrt, eingewickelt in feines Tuch. Um die Hüfte trug der Tote eine Kette.
Das Geschlecht des Toten soll im Labor ermittelt werden. In Dünnschliffen der Knochen soll die Antwort liegen. Die so genannten Trabekel, ein Netzwerk feinster Strukturen im Knochenzentrum, sind angegriffen und braun verfärbt. Zum Teil haben sie sich sogar aufgelöst. Ein sicheres Indiz für Osteoporose. Eine Krankheit, die Knochenmasse schwinden lässt. Und an der vor allem Frauen jenseits der Fünfzig leiden. Der Leichnam aus dem Königsgrab von Qatna ist also weiblich.

Traten in der Gruft demnach nicht nur die Regenten ihre Reise ins Jenseits an, sondern auch die Angehörigen? Der Pathologe Dr. Carsten Witzel teilt die Knochen in anatomische Gruppen ein. Er diagnostiziert einen Mann, eine Frau und drei Jugendliche. Darüber hinaus sicherte der Deutsche die Gebeine von zwölf weiteren Höflingen.

Genetischer Defekt

Der Verdacht auf ein Familiengrab erhärtet sich, als Witzel den Schädel eines Jungen untersucht. Die Nahtstellen am Hinterkopf waren viel zu früh fest verwachsen. Die Folge: Der Schädel wächst in die Länge, ein so genannter Kahnschädel bildet sich aus. Das Gehirn trägt dauerhafte Schäden davon, der Mensch erreicht kein hohes Lebensalter. Ursache ist ein genetischer Defekt. Die Erbkrankheit kommt vor allem in Dynastien vor, die über viele Generationen hinweg Inzucht betreiben.

Das Königsgrab von Qatna - eine Gemeinschaftsgruft im besten Sinne. Sogar die Sarkophage werden geteilt, und die Toten bleiben nicht lange allein. Regelmäßig zu Neumond besuchen die Lebenden die Ahnen, um für sie ein üppiges Festmahl abzuhalten und ihrer zu gedenken. So gebietet es die Religion. Der König hat stets den Vorsitz und verteilt Brot und Fleisch unter die Seinen. Kispum heißt die ehrwürdige Zeremonie im Alten Orient.

Molekularer Fingerabdruck

Was genau auf dem Speisezettel der edlen Herrscher von Qatna stand, darüber geben Mikrospuren Auskunft - selbst nach Jahrtausenden. Professor Richard Evershed von der Universität Bristol in England untersucht Hunderte von Proben aus der Grabkammer. Aus den Innenwänden der Krüge filtert der Chemiker jede noch so kleine organische Substanz und bestimmt sie in einem aufwändigen Verfahren. Der molekulare Fingerabdruck - wie die Methode heißt - gibt präzise Auskunft über die Zusammensetzung von Stoffen. Und damit über die Art der Speisen und Getränke.

Sein Befund: tierische Fette, Säurereste und Farbpartikel. Indizien für Milch und Wein. Wohl ausgewählte Gaben - als Grundversorgung für die beschwerliche Reise der Verstorbenen in die jenseitige Welt.
Höhepunkt des Kispum ist das so genannte Trankopfer-Ritual - eine symbolische Reinigung der Toten. Dargebracht vom Priester. Eine goldene Hand dient dabei als Kultgerät. Sie hält eine Schale mit geweihtem Wasser. So ausgerüstet tritt der weise Mann vor die Gebeine der Ahnen. Nach Anrufung der Götter gießt er das kostbare Nass über die Knochen - zum Wohl der Herrscherdynastie.

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