Der Trick mit der Lanze

Heilige Reliquie stärkt die Kampfmoral in Antiochia

Das aufgespießte Haupt des einstigen Statthalters von Antiochia ist für Kreuzfahrer Bohemund nur ein schwacher Trost. Ihm bereiten ganz andere Dinge Sorgen. Nur einen Tag nach Yaghi Siyans Tod erscheint am Horizont das seldschukische Entsatzheer, das er via Brieftaube alarmiert hatte.

Mit ihren starken Verbänden umstellen die Moslems die Stadt und schneiden sie von jeglichem Nachschub ab. Die Situation der eingeschlossenen Christen scheint ihnen aussichtslos, der Fall der Stadt nur eine Frage der Zeit.

Flehen um ein Wunder

Doch da unterschätzen sie die stärkste Kraft ihrer Gegner. In der Stunde größter Not, vereint im Glauben, flehen die Christen Gott um ein Wunder an - und ihre Gebete werden erhört. Der Priester Peter Bartholomäus erzählt von einer Erscheinung, vom heiligen Andreas, der ihm geoffenbart habe, er werde hier in der Kirche die heilige Lanze finden, mit der dem Erlöser am Kreuz die Seite geöffnet worden sei.


Die heilige Lanze ist seit Jahrhunderten verschollen. Ihr werden Wunderkräfte zugeschrieben. Sie jetzt, den Tod vor Augen, zu entdecken, wäre das Zeichen für die Verbundenheit zwischen den Kreuzrittern und Christus selbst sein. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde von der Vision in den Gassen Antiochas. Peter Bartholomäus wählt zwölf Helfer aus und eilt zu der kleinen Kirche, um dort die Lanze zu suchen. Einen Tag und eine Nacht lang graben die Männer vergeblich in dem Gotteshaus.

Rostiges Stück Metall

Peter Bartholomäus sucht selbst noch einmal alles ab und fördert tatsächlich ein rostiges Stück Metall ans Tageslicht. Der Priester behauptet, die heilige Lanze sei gefunden. Mit dem Jubel wächst die Gewissheit, mit Christus als Heerführer zu siegen. Ibn al-Athir sieht die Dinge freilich etwas anders.




Die Männer um Bohemund von Tarent fassen neuen Mut. Mit wiedererwachter Kampfmoral wagen sie den Ausbruch. Nur 200 Pferde sind den Kreuzrittern geblieben. Doch mit der heiligen Lanze in ihren Reihen fühlt sich die geschrumpfte Schar von Gotteskämpfern unverwundbar.

Wunderbare Erscheinung

Spätere Legenden sprechen von einer zweiten wunderbaren Erscheinung. Als die Christen sich den Belagerern entgegenwarfen, sollen zu ihrer Unterstützung unzählige weiße Ritter auf weißen Rössern mit weißen Bannern aus dem Nichts herangesprengt sein. Beim Anblick der himmlischen Heerscharen im Bodeneinsatz seien die geschockten Seldschuken in Panik geflohen. Dichtung oder Wahrheit - Antiochia gehört 1098 wieder den Christen. Allerdings: Entgegen dem Wort, das er Alexios einst gab, behält Bohemund die Stadt.

Die Kreuzfahrer verfügen nun über große Gebiete im Vorderen Orient. Balduin kontrolliert die Region um Edessa, Bohemund die Gegend um Antiochia. Die Männer haben sich finanziell saniert. Beide sind Ende 1098 mit der Festigung ihrer Macht vollauf beschäftigt. Den Marsch nach Jerusalem verschieben sie erst einmal.

Enttäuschte Kämpfer

Bei den christlichen Soldaten gärt die Unzufriedenheit. Die Ruinen von Maa'arat, einer Kleinstadt zwei Tagesmärsche von Antiochia entfernt, künden von den fatalen Folgen fehlender Entschlusskraft bei den Heerführern. Im November 1098 plündern christliche Verbände den kleinen Ort. Die Kämpfer sind enttäuscht von ihren Führern, glauben, die Befreiung Jerusalems sei in Vergessenheit geraten.


Schließlich entlädt sich der angestaute Unmut in einer Orgie aus nackter Gewalt. Alle Bewohner werden auf grausame Weise massakriert. Maa' arat al Numan ist der Ort eines unbegreiflichen Verbrechens während des Ersten Kreuzzuges. Wie konnte das geschehen? Was ist nur aus den christlichen Idealen geworden?

Verwahrloste Mannschaften

Die Ritter sind entsetzt über die Verwahrlosung ihrer Mannschaften. Der Marsch auf Jerusalem duldet keinen Aufschub mehr, soll ihnen das Unternehmen nicht gänzlich entgleiten. Im Juni 1099 erreichen 13.000 Kreuzfahrer - weniger als ein Viertel der ursprünglichen Truppenstärke - die Mauern der Stadt. Der Kampf um das Heilige Land hat gerade erst begonnen.

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