Der Umbau der Welt

Aus Entdeckern werden Eroberer

Der Umbau der Welt um 1500 ist in der Geschichte ohne Beispiel. Nicht einmal die germanische Völkerwanderung in der Spätantike reicht an ihn heran. Allenfalls lässt sich der Seevölkersturm, der um 1200 v. Chr. einen verheerenden Dominoeffekt im gesamten Mittelmeerraum auslöst, mit seinen epochalen Folgen vergleichen.

Aufteilung der Welt zwischen Spaniern und Portugiesen
Aufteilung der Welt zwischen Spaniern und Portugiesen Quelle: ZDF

September 1493 wird Kolumbus zu einer zweiten Reise über den Atlantik auf brechen. 17 Schiffe und 1500 Mann - Seeleute, Soldaten, Siedler, Missionare - lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass aus dem kühnen Navigator, dem "Vizekönig" und "Admiral des Weltmeeres" - Titel, die er sich von der spanischen Krone garantieren ließ - inzwischen ein Eroberer geworden ist. Die Logik der Okkupation und die Gier nach Gold sind längst über die Rücksichten und Absichten des Entdeckers hinweggegangen. Seine Nachfolger werden furchtbare Verbrechen an den Menschen der Neuen Welt begehen.

Muster zur Unterwerfung

"Ich kam, um Gold zu holen, nicht um den Boden zu pflügen wie ein Bauer", soll Hernán Cortés, der Zerstörer der Azteken-Kultur, gesagt haben. Damit gab er die Losung und das Muster vor, wonach die Unterwerfung Mittel- und Südamerikas ablief. Ab 1531 eroberte der Spanier Francisco Pizarro das zweite und größte Reich im alten Amerika, das sich über weite Teile des heutigen Perus und Boliviens erstreckte: das Imperium der Inka. Pizarro agierte wie eine Kopie von Cortés. Er erpresste vom Inka-Herrscher Atahualpa ein Lösegeld in Gold und Silber im heutigen Wert von 150 Millionen Euro - und tötete ihn anschließend dennoch.

Das Erkunden und Erschließen ferner, fremder Territorien ist so alt wie das Erobern schon bekannter oder benachbarter Ländereien. Immer schon hat der eine Mensch dem anderen etwas weggenommen. Aber die Reichweite der Eroberer war begrenzt, so dass die Kenntnis fremder Länder und Kontinente sogar wieder verloren gehen konnte. Die Wikinger wussten von der Nordostküste Nordamerikas, die Antike kannte die Kanaren, Madeira und die Azoren. Die Kanarischen Inseln werden 1341, Madeira 1419 und die Azoren 1427 nicht neu, sondern nur wiederentdeckt.

Teilung der Neuen Welt

Erst nach und nach wächst ein geografisches Bewusstsein für die Weite der Erdoberfläche im Verhältnis zum eigenen Horizont. Portugal und Spanien wissen, was sie tun, als sie mit dem Vertrag von Tordesillas die Neue Welt schon frühzeitig unter sich aufteilen. Mit einem Federstrich bestätigt der Borgia-Papst Alexander VI. die Demarkationslinie, die einen westlichen spanischen Teil mit Nord-, Mittel- und Südamerika (außer dem noch unentdeckten Brasilien) von einer östlichen "Welthälfte" trennt, die die portugiesische Einflusssphäre umfasst.

Die Portugiesen waren es gewesen, die das maritime Wettrüsten eingeleitet und im Laufe des 15. Jahrhunderts allmählich einen deutlichen Vorsprung vor den Spaniern erzielt hatten, bevor diese später durch Kolumbus gewissermaßen gleichzogen. Die Eroberung Ceutas an der Nordspitze Afrikas durch Portugal im Jahr 1415 war das erste Ausgreifen auf einen Kontinent außerhalb Europas und eine Stützpunktbildung in einem fremden Kulturkreis gewesen.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Nach einer Periode des langsamen Vordringens portugiesischer Seefahrer an der afrikanischen Westküste umrundete schließlich Bartolomeu Diaz 1488 die Südspitze des Kontinents, die der portugiesische König Johann II. nach Diaz' Rückkehr als "Kap der guten Hoffnung" betitelte. Um welche Hoffnung es sich dabei handelte, unterlag keinem Zweifel: Sie galt dem Seeweg nach Indien auf der Ostroute um Afrika herum.

All diese Aktivitäten, die schließlich zur Jahrtausendmitte zu einem spanisch-portugiesischen Kopf-an-Kopf-Rennen auf den Weltmeeren eskalierten, wären nicht denkbar gewesen ohne die Konstruktion eines neuen Schiffstyps: der Karavelle. Durch ihre Bauweise und Besegelung erlaubte sie das Kreuzen hart am Wind und gab damit der europäischen Hochseeschifffahrt einen entscheidenden Schub. Der große Inspirator, "Architekt" und Organisator der portugiesischen Seefahrt, Prinz Heinrich der Seefahrer (1394 -1460), hatte diese Entwicklung vorangetrieben und gilt deshalb bis heute als Vater des Zeitalters der Entdeckungen.

Monopol auf Gewürzhandel

Es kulminiert - zumindest aus portugiesischer Sicht - in der erneuten Umrundung Südafrikas und der nachfolgenden Erschließung des Ostweges nach Indien durch Vasco da Gama 1498. Ihm wird in Lissabon ein triumphaler Empfang bereitet. Er darf sich "Admiral des Indischen Meeres" nennen und sichert seinem Land mit einer zweiten Reise ein Jahrhundert lang die Seeherrschaft und das Monopol auf den Gewürzhandel in dieser Weltgegend.

Gewürze - sie vor allem, die kleinsten und feinsten Handelsgüter, wertvoll wie Edelmetalle, sind es, die die Westeuropäer nach Ostasien locken. Nicht nur mit Teak- und Sandelholz, sondern auch mit Pfeffer, Zimt und Ingwer hatte Vasco da Gama seine Schiffe bei der Rückkehr von der ersten Reise beladen. Schon Phönizier, Griechen, Römer, Perser und Araber haben mit Gewürzen gehandelt. Pfeffer war so kostbar, dass er oft mit Gold aufgewogen wurde.

Ertragreiches Überseegeschäft

Als nun endlich auch Europa nicht nur weiß, wo der Pfeffer wächst, sondern auch, wie und wo man sich ihn holen kann, blüht das Geschäft - so sehr, dass es Kriege um den Gewürztransport und das Know-how der Portugiesen geben wird. Gewürze, das bedeutet, dass das Essen besser schmeckt und sich vor allem länger konservieren lässt, dass man es als Medizin gebrauchen und dass man damit reich werden kann. Portugal macht es vor - mit Ingwer, Vanille, Zimt, Muskatnuss, Nelken, Safran, Anis, Pistazien. Und Pfeffer natürlich.

Auch in der spanischen Einflusssphäre brummt das Überseegeschäft. Die Transportrouten sind für damalige Verhältnisse dicht befahren. Der Atlantik ist zum Mittelmeer geworden. Kartoffeln, Kaffee, Kakao und Kautschuk, Zucker, Tabak, Tomaten, Erdnüsse, Mais, Baumwolle und auch der Truthahn kommen aus den amerikanischen Ländern. Rind, Pferd, Esel, Schaf, Huhn und Haushund, Weinstöcke, Ölbäume, Apfel und Orange, Weizen und andere Getreide führen die Eroberer als Importgüter aus Europa ein.

Kolonialisten diktieren die Regeln

Das sieht nach einem Geschäft auf Gegenseitigkeit, einem Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen aus. Aber ausschließlich die Kolonialisten diktieren die Regeln, und allein die Unterdrückten zahlen den Preis. Und das schmutzigste Geschäft läuft gerade erst an: der sogenannte Dreieckshandel, bei dem die Europäer bis ins 19. Jahrhundert hinein zehn Millionen Farbige als Sklaven aus Afrika nach Amerika verschleppen.

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