Der unbekannte Kontinent

Afrika wird das letzte Ziel britischer Expansion

Unter Queen Victoria erstreckt sich das British Empire von den Fluten des Ganges bis zu den Wasserfällen Neuseelands, von den unberührten Weiten Australiens bis zu den schneebedeckten Gipfeln der Rocky Mountains. Fast 100 Länder, Protektorate und Gebiete umfasst das britische Weltreich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit Afrika fehlt nur noch ein Kontinent auf der Landkarte der Eroberungen: Er wird das letzte Ziel britischer Expansion.

Sonnenuntergang in Afrika
Sonnenuntergang in Afrika Quelle: ap

Mitte des 19. Jahrhunderts gerät mit Afrika ein neues Terrain in den Fokus der Kolonialmächte. Die Eingeborenen haben gegen die weißen Eindringlinge mit ihren Maschinengewehren nicht die geringste Chance. Es ist ein Kampf mit ungleichen Mitteln. An den Grenzen des Empire lassen 1898 in der Schlacht im Sudan 400 Briten ihr Leben - und fast 10.000 Aufständische sterben vor den überlegenen britischen Waffen. In einem populäreren Lied jener Jahre heißt es zynisch über die Wunderwaffe Maschinengewehr: We have one, they have none, "Wir haben eins, sie haben keins!" 500 Schuss pro Minute auf einen Gegner, der mit Schwertern oder Speeren angreift. Man kann damit Schlachten gewinnen - aber keine Herzen. Der Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung.

Soldaten feuern mit Maschinengewehr (Spielszene)
Soldaten feuern mit Maschinengewehr (Spielszene) Quelle: ZDF

Zurückgezogen in der Idylle

Weit entfernt von den Schlachtfeldern kolonialer Kriege liegt das Lieblingsschloss von Queen Victoria auf der idyllischen Isle of Wight. Osborne House ist ein friedlicher Familiensitz. Während der 60-jährigen Herrschaft der Königin verändert sich dort wenig - obwohl doch draußen die ganze Welt in Bewegung ist. Die Queen selbst sitzt jeden Tag an ihrem Schreibtisch und widmet sich den Herausforderungen des Weltreichs. Portraits und Fotos erinnern sie an ihre Familie. Um ihre neun Kinder kümmert sie sich ungewöhnlich liebevoll.

Victoria mit ihren Beratern (Spielszene)
Victoria mit ihren Beratern (Spielszene) Quelle: ZDF,Martin Papirowski

Aus den Salons ihrer Paläste verfolgt die Königin das stete Wachstum ihres Weltreichs. Von der Macht, den politischen Entscheidungen, hat sie sich immer weiter zurückgezogen. London und Buckingham Palace sucht sie nur noch ungern und selten auf. Ihre Minister und Berater entscheiden für sie über Krieg und Frieden, über Eroberungen und Kolonien und über die Zukunft eines gigantischen Imperiums. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Innere von Afrika nur ein weißer Fleck, der letzte unbekannte Kontinent auf dem Globus. Berichte aus alten Zeiten erzählen von mächtigen Königen, von fremden Kulturen und sagenhaften Reichtümern. Das weckt die Begehrlichkeit vieler Menschen und Mächte in Europa.





Afrika in europäischer Hand

Um 1850 stellen immer neue Entdecker in London ihre Pläne vor und skizzieren neue Routen durch unbekanntes Terrain. Es werden Reisen wie im Fiebertraum, und viele werden nicht von ihnen zurückkehren. Jene, die es schaffen, erzählen von ihren unglaublichen Erlebnissen in der Einsamkeit. Bis heute haben die Entdecker im Auftrag der englischen Krone das Bild von Afrika geprägt. Bald zeigen die Karten viele Wege, gebahnt von britischen Abenteurern. In wenigen Jahrzehnten haben die europäischen Mächte den ganzen Kontinent unter sich aufgeteilt. Ohne Rücksicht auf die Bewohner ziehen sie immer neue Grenzen. Auch in Afrika sichern bald britische Truppen ihr neues Herrschaftsgebiet. Ihr Weg führt bis in die entlegensten Gebiete des Regenwaldes.

Aufstand in Afrika gegen britische Kolonialherren
Aufstand in Afrika gegen britische Kolonialherren Quelle: ZDF

Währenddessen macht sich die Kolonialverwaltung daran, Afrikaner nach britischem Vorbild auszubilden. Afrika soll zu einer Kopie Europas werden. Die Briten sind nicht die schlimmste Kolonialmacht, aber aus dem verordneten Leben unter ihrer Herrschaft werden sich erste Aufstände ergeben.

Gandhi als Vorbild des Widerstands

Zu Beginn des neuen 20. Jahrhunderts flammt der Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft auf - an vielen Orten des Imperiums zur selben Zeit. Einfach Niederknüppeln kann die Kolonialmacht die Menschen nicht - das widerspricht ihren eigenen Prinzipien. Vorbild des Widerstands überall im British Empire wird der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi.

Die Zeichen der Zeit erkannt

Queen Victoria muss den Untergang ihres Weltreichs nicht mehr erleben. Sie stirbt 1901, im Alter von 81 Jahren, auf dem Höhepunkt britischer Macht. Längst ist sie zum Symbol einer ganzen Epoche geworden. Man nennt es das viktorianische Zeitalter. Ihr Tod wird nicht den Kollaps des größten Weltreichs der Geschichte bedeuten, aber den Beginn eines langsamen Niedergangs. Das Empire ist an seiner Größe gescheitert - und an den Prinzipien seiner Königin.


Durch die zwei großen Weltkriege wird die politische Landkarte so umgebaut, dass für ein britisches Weltreich kein Platz mehr ist. Die Briten selbst haben die Zeichen der Zeit erkannt, und nach und nach entlassen sie alle ihre Kolonien in die Selbständigkeit. Doch die Wunden, die der Kolonialismus geschlagen hat, vernarben nur langsam. Viele Länder tragen bis heute schwer an diesem Erbe. Der Kolonialismus ist überwunden, seine Folgen aber noch lange nicht.

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