Der Unterwasser-Pionier

Alfred Merlin begründete eine neue Archäologie-Sparte

Lange Zeit hielt es niemand für möglich, auf dem Meeresboden Archäologie zu betreiben. Doch der Fund eines Marmorkopfes vor der tunesischen Küste im Mai 1907 sollte das alles ändern. Auch das Leben eines jungen Archäologen. Seit seiner Kindheit ist Alfred Merlin (1876 bis 1965) fasziniert von den Überresten antiker Städte. Der ehrgeizige Forscher leitet bereits mit 31 Jahren die Antikenverwaltung im französisch beherrschten Tunesien.

Alfred Merlin (Spielszene)
Alfred Merlin (Spielszene)

Im Sommer 1907 erfährt Alfred Merlin von antiken Statuen, die auf den Basaren in Tunis von Händlern unter der Hand angeboten werden. Sie stammen von griechischen Schwammtauchern. Merlin ist sofort Feuer und Flamme: Vielleicht liegt am Meeresgrund vor Mahdia eine versunkene Stadt. Das legendäre Atlantis womöglich? Dies wäre eine Sensation - und ein weiterer Schub für seine Karriere. Merlin entwirft einen verwegenen Plan: Er will den Meeresgrund wissenschaftlich erforschen. In Paris bittet er dafür um Geld. Atlantis ist sein Köder, denn keiner weiß, woher die Funde vor Mahdia stammen. Das Alter der ersten Funde schätzt Merlin spontan auf knapp 2000 Jahre.

Hinweise auf Atlantis?

Behauene römische Steine
Behauene römische Steine

Was Merlin damals instinktiv ahnte, weiß man heute genauer: Auf dem Meeresgrund vor Mahdia liegen Objekte aus der turbulentesten Zeit der römischen Republik. Damals gewannen die Römer mehr und mehr an Macht, breiteten sich aus und eroberten Stadt um Stadt am Mittelmeer. 146 vor Christus vernichteten die Römer die Heimatstadt Hannibals endgültig und gliedern die Provinz Afrika ihrem Herrschaftsbereich ein. Der junge Archäologe vermutet an Ausgrabungsorten in Nordafrika die Sommersitze reicher Römer. Kann es sein, dass Teile dieser Städte einst im Mittelmeer versanken und sich ihre Ruinen auf dem Meeresboden erhalten haben? Nur weitere Funde können helfen, das Rätsel zu lösen. Um das herauszufinden, braucht Merlin die Hilfe der griechischen Schwammtaucher, denn Alfred Merlin kann selbst nicht tauchen.

Im Juli1908 legt sein Boot ab. Mit seinem Plan betritt er wissenschaftliches Neuland: Er will archäologisch auf dem Meeresgrund arbeiten. Diese aberwitzige Idee könnte sein Durchbruch sein, aber auch seinen Untergang bedeuten, wenn es schief geht. Wie gefährlich es ist, unter Wasser zu forschen, unterschätzt Alfred Merlin. Immer wieder brechen die Griechen ihre Suche vorzeitig ab. Die komplizierte Tauchausrüstung lässt ein längeres Arbeiten unter Wasser nicht zu. Bis zu zehn Mal pro Tag gehen die Männer herunter, um den Meeresboden abzusuchen, verzeichnet er in seinem Expeditions-Tagebuch. Langsam droht, das Geld auszugehen. Und Nachschub aus Paris gibt es nur bei einem großen Fund. Merlin bleibt wenig Zeit.

Vornehme Objekte

Nach vielen vergeblichen Tauchgängen vermelden die Helmtaucher erste Funde. Jetzt kann Merlin die Ausgrabung der Fundstelle unter Wasser angehen. Mit diesem Schritt begründet Merlin die Unterwasser-Archäologie. Die Funde sind wertvoll: Reliefs aus feinstem Marmor, die Statue eines jungen Mannes, außerdem Lampen, Möbel und Vasen - Objekte, die in eine vornehme Villa passen würden: griechischer Stil - römischer Pomp. Und mehr als 60 große Säulen wollen die Männer auf dem Meeresboden gezählt haben. Noch fehlen Hinweise, ob Merlins Taucher auf eine versunkene Stadt oder ein untergegangenes Handelsschiff gestoßen sind.

Zeichnung Lage der Säulen
Zeichnung Lage der Säulen

Der Franzose entwickelt einen für die damalige Zeit tollkühnen Plan: Er will die Säulen bergen und an Land bringen lassen. Trotz gravierender Einschränkungen schaffen es Merlins Taucher, im Juli 1908 Säulen, Kapitelle und Kunstwerke zu bergen. Mit Hilfe seines Pariser Mitarbeiters Louis Poinssot lässt er die Gegenstände wissenschaftlich untersuchen. Poinssot ist ein Experte auf diesem Gebiet und macht auch gleich eine entscheidende Entdeckung: uralte Holzreste. Das Holz stammt von einem Schiffsdeck. Vor Mahdia liege ein havarierter Lastensegler, schlussfolgert Merlin. Damit sind alle bisherigen Theorien hinfällig.

Merlins neue Theorie

Merlins gute Kenntnisse der römischen Geschichte lassen in ihm eine neue Theorie reifen. Er erinnert sich an einen Brief des berühmten Staatsmanns Cicero, der wie alle reichen Römer gern mit der Kunst Griechenlands prunkte. "Auf Deine Hermen mit den Bronzeköpfen freue ich mich, drum schick' sie mir", schrieb er an einen Freund in Athen. Möglicherweise war das Schiff ein Kunsttransporter aus Athen. Aber mit welchem Ziel? Alfred Merlin weiß damals nur wenig über die Routen antiker Schiffe. Bis heute gibt das Wrack von Mahdia in dieser Hinsicht Rätsel auf.

Merlin hofft auf weitere Unterstützung aus Paris. Im Frühjahr 1913 kommt es in Tunis zu einem Treffen mit einem Regierungsvertreter. Paris will das Geld für eine weitere Expedition nach Mahdia streichen. Die politische Lage in Europa spitzt sich zu - alle Gelder gehen jetzt ans Militär, die Archäologie rangiert unter ferner liefen. Merlin bleibt nur eine letzte Möglichkeit. Der Franzose glaubt, dass ein erneuter, spektakulärer Erfolg weitere Gelder aus Paris fließen lassen wird, und wagt dafür noch einmal alles. Wieder schickt er die griechischen Taucher in die Tiefe. Will Merlin seine Geldgeber in Paris überzeugen, braucht er schnelle Erfolge.

Niederschmetternde Antwort

Von den Kunstwerken fehlt jedoch zunächst jede Spur. Mit jedem Tauchgang, der nichts zu Tage fördert, wird Merlin mutloser. Dann geschieht das Undenkbare: In 40 Meter Tiefe finden die Helmtaucher die Bronze-Figur eines Gottes. Umgehend telegrafiert er hoffnungsvoll nach Paris: "Wunderschöne Merkur-Statuette gefunden - wäre dankbar, wenn Akademie Fortsetzung der Arbeiten ermöglichte - vielleicht 5000 Francs? - Hochachtungsvoll - Merlin". Die Antwort lässt nur wenige Tage auf sich warten. Sein größter Triumph wird zu seiner größten Niederlage. Paris versagt ihm jede finanzielle Unterstützung.

Sieben Jahre nach seinem spektakulären letzten Fund kehrt Alfred Merlin doch noch im Triumph nach Frankreich zurück: als hoch dekorierter Forscher und Begründer der Unterwasser-Archäologie. Er wird Leiter der Abteilung für griechische und römische Altertümer am Louvre in Paris. Merlin ist ein gefragtes Mitglied der französischen Wissenschaftselite. Seine Leidenschaft aber gilt nach wie vor den Schätzen von Mahdia. Stolz berichtet er über die erste Ausgrabung unter Wasser. Dennoch gerät das berühmte Wrack bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Vergessenheit.

Alfred Merlin stirbt im Jahr 1965 in Paris. Er hat das Tor zur Unterwasser-Archäologie aufgestoßen - ohne jemals selbst getaucht zu sein. Bis heute gilt das Wrack von Mahdia als einer der aufregendsten und wegweisendsten Funde überhaupt. Es gibt nur wenige, die sich mit ihm messen können.

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