Der Verfall des Königs

Vom Frauenheld zum Schwächling

Mit fast 50 ist Heinrich, so scheint es, am Ziel seiner Wünsche: Seine dritte Frau, Jane Seymour schenkt ihm endlich den lang ersehnten Erben. Aber zu welchem Preis: Jane ist von der Geburt so geschwächt, dass sie wenige Tage später stirbt. Auch Heinrichs Gesundheitszustand verschlechtert sich dramatisch.

In Eilschreiben wird nach Frankreich und Spanien berichtet: "Unser Prinz ist wohlauf und saugt kräftig, ganz wie es sich für sein Alter gehört." Nicht nur Heinrich - ganz England ist glücklich über die Geburt Prinz Edwards: Die Tudor-Dynastie scheint gesichert. Aber er selbst ist bereits von einer schweren Krankheit gezeichnet.

Zunehmend paranoid

Nach dem Tod von Jane Seymour verändert sich Heinrich VIII. massiv. Auf den Porträts aus dieser Zeit sieht er fett und aufgedunsen aus. Er isst maßlos, sein Wein- und Bierkonsum ist enorm. Dazu wird er zunehmend paranoid, wild und unberechenbar. Er verurteilt Menschen ohne ersichtlichen Grund zum Tode. Sein Gesundheitszustand hält ihn aber nicht davon ab, noch dreimal zu heiraten - aber alle Ehen enden im Desaster. Seine vierte Ehe wird annulliert; sie wird nicht einmal vollzogen, weil Heinrich seine deutsche Frau zu hässlich findet. Seine fünfte Frau wird wegen Ehebruchs hingerichtet. Nur seine sechste Frau überlebt ihn.
Angenehm wird es an der Seite des fetten, nach Wundfäulnis riechenden Königs nicht gewesen sein. Heinrich ist zu einem Koloss angeschwollen, kann sich kaum noch bewegen. Er ist den Ärzten ausgeliefert, die eine Therapie nach der anderen an ihm ausprobieren. Manch ein Arzt hat Angst vor der Launenhaftigkeit des königlichen Patienten, die ihn den Kopf kosten könnte. Apothekerrechnungen belegen: Innerhalb kürzester Zeit steigen Heinrichs monatliche Ausgaben für Medikamente von fünf auf 6300 Pfund.

Unsägliche Schmerzen

Ein beliebtes Allheilmittel damals war der Aderlass. Was den König am meisten quält, ist seine seit Jahren nicht verheilende Beinwunde, die ihm unsägliche Schmerzen bereitet. Aus dem Frauenheld Heinrich ist ein bemitleidenswerter Schwächling geworden, der sogar auf die Hilfe seiner Frau angewiesen ist.
Ob Syphilis oder die Kopfverletzung von einem Reitunfall für seine Persönlichkeitsveränderung verantwortlich waren? Inzwischen glaubt man an eine viel einfachere Ursache.

Heinrichs Testament

Im Winter 1546 verschlimmert sich Heinrichs Zustand. Fiebervisionen quälen ihn, nur noch selten ist er bei Bewusstsein. Seine wichtigsten Berater hat er umbringen lassen. Zwei seiner sechs Ehefrauen starben auf dem Schafott. Von seinen Weggefährten ist kaum einer mehr am Leben. Wird er Reue empfunden haben?

Widersprüchliches Urteil

Heinrichs Tage sind gezählt. Er macht sein Testament. "Unser Sohn Edward", heißt es darin, "soll die königliche Krone und das Königreich England und Irland und unsere Anrechte auf Frankreich erhalten." Stößt Edward etwas zu, soll erst Mary - die Tochter Katharinas - und nach deren Tod Elisabeth - die Tochter Anne Boleyns - Englands Oberhaupt werden. Heinrich kann schon nicht mehr sprechen, als sein Priester ihm die Sakramente erteilt. Er bittet den König, ihm mit Augen oder Hand ein Zeichen zu geben, dass er auf die Gnade Christi vertraut. Sehr fest soll der Sterbende die Hand des Bischofs gedrückt haben, bevor er verschied.
Das Urteil der Nachwelt ist ebenso widersprüchlich wie sein Leben. Die einen verachten ihn als "Blut- und Fettfleck der englischen Geschichte", während ihn die anderen als einen Herrscher preisen, der England mit starker Hand zu einem Platz unter den Mächtigen Europas verhalf.

Die Entwicklung zum modernen England aber sollten weder Prinz Edward noch Mary vollenden. Ironie der Geschichte: Nach deren frühem Tod wird Elizabeth, die Tochter Anne Boleyns, die Geschicke des Landes bestimmen. Die gloriose Zeit ihrer Regierung, die als Elisabethanisches Zeitalter in die Geschichte einging, machte durch die Blüte ihrer Kultur, das Theater Shakespeares, durch Entdeckungen und die Herrschaft über die Ozeane, England zu dem, was es bis heute ist: eine der Großmächte der Welt.

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