Unterwegs für die Deutschland-Saga

Drehbericht von Gero von Boehm

Gero von Boehm war als Autor und Reggiseur der Reihe natürlich ganz nah dran am Geschehen und gewährt Einblicke in das, was sich auf der wochenlangen Reise quer durch Deutschland alles zugetragen hat.

Christopher Clark kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wir sind am Mittelpunkt Deutschlands, in Niederdorla. Hier siedelte vor mehr als 2000 Jahren ein Germanen-Stamm. "Das soll eine Göttin sein?", fragt der gebürtige Australier und Cambridge-Professor und betrachtet ungläubig die Astgabel, die über ein germanisches Opfermoor wacht. Natürlich kennt Clark die bewegte Geschichte der Deutschen in- und auswendig. Aber er hatte nur selten Zeit, dieses Land zu bereisen. Mit der "Deutschland-Saga" ändert sich das. Viele Wochen sind wir mit dem roten Käfer-Cabrio, Baujahr 1971, unterwegs, das er mit Leidenschaft fährt. Wir entdecken Orte der Geschichte ebenso wie deutsche Eigenschaften und Gewohnheiten und gönnen uns nach Drehschluss manchmal vorzüglichen deutschen Wein.

Vielfalt der Landschaften

Die Reise geht quer durchs Land und mit jeder Station wird das Bild, das sich Christopher Clark von unserem Land macht, kon­kreter. "Was ich besonders bewundere, ist die Vielfalt der Land­schaften", sagt er, als wir im Eselsburger Tal mit seinen bizarren Felsen auf der Schwäbischen Alb drehen. Dort kamen einst die ersten "Deutschen" an – Homo sapiens-Stämme, die eine lange Reise hinter sich hatten. Sie waren bereits äußerst erfinderisch. Clark nennt sie "Cleverles" und ihre Höhlen, in denen sie nützli­che Instrumente und den Klebstoff erfanden, "think tanks". Er fragt sich, ob diese ersten Bewohner deutschen Bodens – abge­sehen vom Neandertaler – auch schon Eigenschaften aufwiesen, die heute als "typisch deutsch" gelten. Über unsere Pünktlichkeit und Ordnungsliebe lächelt er immer wieder auf dieser Reise. Auch über Sprüche wie "Ordnung ist das halbe Leben" amüsiert er sich und fragt "Ist das Leben dafür nicht zu kurz?" Vor dem Berliner Dom, der auch "Pickelhaube Gottes" genannt wird, erklärt er den Ursprung dieser Kopfbedeckung, die unter Kaiser Wilhelm I. im 19.Jahrhundert aufkam. Er weiß, dass der Kaiser die Haube bei seinem Verwandten, dem russischen Zaren, auf dem Schreib­tisch gesehen hatte und begeistert in Deutschland einführte.

VW Käfer unterwegs für die Deutschland-Saga
Lange Fahrten blieben dem 43 Jahre alten Käfer Cabrio erspart. Quelle: zdf/Alexander Hein

Dem über 40 Jahre alten VW Käfer kann man keine ganz langen Strecken mehr zumuten. Deshalb gibt es einen ausgeklügelten Plan für seinen Transport zwischen den Drehorten. Ein Techniker, der für das Wohl unseres "Maskottchens" zuständig ist, reist im­mer mit. Manchmal überschneiden sich szenische und dokumentarische Dreharbeiten, weil wir Moderationen im Set aufzeichnen. Das gefällt Christopher Clark, der auch stark in Bildern denkt. Unsere "Faust-Stube" mit ihren zahllosen, von der Ausstattung liebevoll ausgewählten Objekten und Fausts (echtem) schwarzen Pudel begeistert ihn. "So ähnlich hat sich Goethe die Werkstatt dieses Urtypus des Deutschen Forschers sicher vorgestellt", sagt er. Wir arbeiten an diesem Tag in einem mittelalterlichen Gemäuer vor den Toren Berlins. Heute muss alles etwas schneller gehen, denn abends wollen wir noch auf der Fanmeile am Brandenburger Tor drehen.

Mitten unter den Fans

Es ist Fußball-Weltmeisterschaft und wir werden mit Christopher Clark, einem eingefleischten Sportfanatiker, das legendäre Spiel Deutschland-Brasilien erleben. Unser Moderator hat sich mitten unter die Fans gemischt und ist genauso eupho­risch wie sie. Die Kamera ist natürlich dabei. Clark wendet sich ihr zu, als nach dem dritten Tor für Deutschland tausende von Plastikstangen aneinandergeschlagen werden und alle schreien – auch Clark: "So ähnlich muss es gewesen sein, als Varus vor der Schlacht im Teutoburger Wald seine Truppen sammelte."

Auf dem Rhein, an Bord des Dampfschiffs "Goethe" begeben wir uns auf die Suche nach der deutschen Romantik. Und wir besu­chen eine Schrebergarten-Kolonie, die Clark ebenso fasziniert wie die Dialekte, denen wir auf der Reise begegnen.

Witz, Wissen, Charme und Neugier

Christopher Clark und Gero von Boehm
Ein tolles Team: Christopher Clark und Gero von Boehm Quelle: Alexander Hein

Für mich als Autor und Regisseur ist die Arbeit mit Christopher Clark ein reines Vergnügen. Als Moderator bringt er bestes BBC-Niveau mit und passt deshalb perfekt zum ZDF. Einem Peter Ustinov oder Michael Palin oder Kenneth Clarke steht er in nichts nach. Mit seinem Witz und Wissen, mit seinem Charme und einer schier unstillbaren Neugier bereist er Deutschland und ist nicht zuletzt der legitime Nachfolger von Mark Twain und Madame de Staël, die im 18. und 19. Jahrhundert ihre Reiseeindrücke be­schrieben (beide kommen natürlich in unserer Reihe vor und werden inszeniert).

Und Christopher Clark ist offen für alle spontanen Eindrücke, die wir auf dieser Reise sammeln. Als Australier, als einer der wich­tigsten britischen Historiker und als höchst gefragter Bestseller-Autor, der mit Preisen überhäuft wird, muss er nicht allzu viel Rücksicht auf "Political Correctness" nehmen. Das würde auch seiner Einstellung nicht entsprechen. Er kann uns Deutschen den Spiegel vorhalten, uns loben und kritisieren. Und wenn einer das mit so viel Kenntnis und Witz tut, ist es umso erhellender. Die ZDF-Zuschauer werden das zu schätzen wissen.

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