Von Down under nach Good old Germany

Vorwort von ZDF-Kulturchef Prof. Peter Arens

Die Deutschen waren bass erstaunt, als die BBC im Jahr 2013 anhand einer von ihr in Auftrag gegebenen internationalen Um­frage bestätigte, Deutschland sei das beliebteste Land der Welt. Es war eine völlig neue Erfahrung, dass man uns anscheinend mit Wohlgefallen betrachtet. Auch wenn diese überraschende Sym­pathiewelle eine kurze Haltbarkeit haben kann, ist auffällig, dass das internationale Interesse an Deutschland zugenommen hat.

Dem entspricht auch der Befund innerhalb unserer Grenzen, be­ginnend mit den 90er Jahren nach der Wiedervereinigung und kulminierend in der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Die Deut­schen interessieren sich immer mehr für ihre Geschichte, auch jenseits des "Geschichtsfelsen Nationalsozialismus" (Hagen Schulze), der sich jahrzehntelang vor unsere ältere Geschichte gelegt und für einen Bruch gesorgt hat zwischen einem Deutsch­land vor und einem Deutschland nach der Hitler-Diktatur. Umfra­gen belegen, dass viele Deutsche ihre Geschichte mit dem Dritten Reich beginnen lassen, andere mit Bismarck, und dass die Zeit vor 1870 seltsam fern ist.

Ein Australier erkundet die deutsche Geschichte

An diesem Thema setzen wir im ZDF wieder an. Der große Erfolg unserer Reihe " Die Deutschen" hatte auch damit zu tun, dass 2008 der richtige Zeitpunkt war für eine Erst- oder Wieder­begegnung unseres Publikums mit früheren Epochen unserer Geschichte. Wir erreichten mit dem Auftaktfilm über Otto den Großen damals 6,5 Millionen Zuschauer. Unser neues Programm nun widmet sich nicht den großen politischen Figuren der deut­schen Vergangenheit, sondern will insbesondere erzählen von den Leitmotiven unserer Kultur, Geschichte und Wissenschaft, auch von unserem Seelenleben und unseren Befindlichkeiten – Saga schien uns ein passender Begriff dafür zu sein.

Nachdem die Projektidee gefunden war, fragten wir uns, wer die letzten rund 2000 Jahre beobachten, werten und präsentieren sollte? Schließlich fiel uns der Historiker Christoper Clark ein, den wir gerade bei Precht im ZDF kennen gelernt hatten – und je mehr wir ihn uns vor Augen führten, wie er den Deutschen einen Seelenspiegel vorhalten könnte, desto perfekter kam er uns in dieser Rolle vor. Als Australier mit einem schon frühkindlichen Interesse für das Deutsche könnte er wunderbar von außen auf uns schauen, mit unverbrauchten Formulierungen, könnte er un­befangen über uns urteilen, ohne jemals des Teutonischen und Vaterländischen verdächtigt zu werden. Vielleicht würde er es so hinbekommen, dass wir Grübler uns am Ende etwas anders se­hen, und – gar nicht auszudenken – vielleicht sogar ein wenig mehr mögen würden.

Was ist deutsch?

Grübler, weil wir einfach nicht aufhören wollen, unsere Kultur immer wieder auszuleuchten, sie auf ihre großen und kleinen Momente hin zu untersuchen, zu schwelgen und zu hadern. Nietzsche hat das auf den Punkt gebracht: "Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ‚Was ist deutsch?’ niemals ausstirbt." Unsere Nachbarn haben unsere Selbstbespiegelung stets mit einer Mischung aus Faszination und Sorge betrachtet, wobei der Humor nicht zu kurz kommt, besonders wenn sich Engländer über den Tiefsinn der Deutschen lustig machen: "Die Deutschen tauchen vielleicht tiefer ab – kommen dafür aber auch trüber wieder hoch", so der Journalist und Historiker Henry Wickham Steed.

Problematische Zuweisungen gibt es aber vor allem aus dem eigenen Lager zuhauf, insbesondere die Klage ob der sogenannten "verspäteten Nation", die sich in der Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts verlor, ohne politischen Ehrgeiz, bieder und pathetisch. Andererseits entstanden gerade aufgrund der vielen Fürstentümer mehr Universitäten, Theater- und Opernhäuser als anderswo, und war Deutschland führend auf vielen Gebieten: in der Musik, der Philosophie und den Naturwissenschaften, bei Telegrafie, Telefon oder Automobil. Es gibt also viel zu erzählen.

Mit Wissen und Humor

Was ist denn nun deutsch, typisch deutsch? Von den Germanen über die Märchen und die Loreley bis zum Oktoberfest: Sind wir wirklich so tiefgründig, gedankenschwer und geheimnisvoll? Christopher Clark mit seinem beeindruckenden Wissen und seinem klugen Humor scheint uns genau der Richtige, um uns unaufgeregt und amüsiert zu betrachten – gegebenenfalls zu entmystifizieren, vielleicht sind wir ja doch ein ganz normales Land. Dabei geholfen hat ihm, neben der Geschichtsredaktion des ZDF, insbesondere der Autor, Regisseur und Produzent Gero von Boehm, neben jenem Mann aus Cambridge ebenfalls ein Gentleman, ein Homme de Lettres, ein Dokumentarist, den wir im Fernsehgeschäft dringend brauchen. Diese Saga über deutsche Traditionen und Mentalitäten in sechs Teilen fürs Fernsehen: Leicht war sie nicht, aber glücklicherweise lässt sich sagen, dass ein solches Unterfangen so viele vor uns nicht versucht haben.

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