„Die Vielfalt Deutschlands beeindruckt mich“

Christopher Clark im Interview

Historiker Christopher Clark ist mit seinem Witz und Wissen, mit seinem Charme und einer schier unstillbaren Neugier hervorragend geeignet, um Deutschland und uns Deutsche mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber woher stammt eigentlich sein besonderes Interesse an Deutschland?

ZDF: Sie sind gebürtiger Australier, leben und arbeiten aber seit vielen Jahren in England. Wie kommt es, dass Sie sich aus­gerechnet für die Deutschen so interessieren?

Christopher Clark: Wie lernt man ein Land kennen? Ich bin in Australien aufgewach­sen und erst im Alter von 21 Jahren überhaupt ins Ausland ge­reist. Aber schon damals hatte ich von Deutschland vieles mitbe­kommen. Zuerst die Musik: Die ersten deutschen Worte, die ich auswendig gelernt habe, waren die Texte von Bach-Kantaten und Schubert-Liedern: "So geh herein zu mir, du mir erwählte Braut!" Oder: "Wie schön bist Du, freundliche Stille, himmlische Ruhe."

Und dann natürlich die Nazis: Das Dritte Reich haben wir in der Schule gründlich studiert – als Jugendliche auf dem Gymnasium kannten wir uns mit der Verbrecherbande um Hitler besser aus als mit den Kabinetten der australischen Regierungen des 20. Jahrhunderts!

Und natürlich auch das Kino der "neuen deut­schen Welle" – die Filme von Werner Herzog (leidenschaftlich, gequält) Wim Wenders (cool, spielerisch, distanziert), Helma Sanders-Brahms (melancholisch, verzweifelt) und Margarethe von Trotta (kritisch, politisch engagiert) waren besonders wichtig. Meine kinophilen Freunde und ich haben diese Filme durch das Goethe-Institut in Sydney kennen gelernt – wir waren fasziniert. Also: Ein ungemein interessantes aber auch höchst widersprüch­liches Bild, ein Mysterium, das es zu entschlüsseln galt.

ZDF: Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, als Erzähler der "Deutschland-Saga" im deutschen Fernsehen mitzuwirken?

Clark: Das Kommunikative am Erzählen interessiert und reizt mich sehr. Dazu auch die Gelegenheit, mit kreativen und begeisterten Menschen zusammenzuarbeiten – Gero und Christiane von Boehm und das Interscience-Team. Es herrscht bei ihnen ein fantastischer esprit de corps – das macht einfach Spaß.


ZDF: Bei Ihrer Reise durch Deutschland sind Sie an viele berühmte und geschichtsträchtige Orte gekommen. Welcher Ort hat Sie persönlich am nachhaltigsten beeindruckt?

Clark: Der Aachener Dom. Die geschichtliche Tiefe dieses Ortes ist beeindruckend, die Überlagerung verschiedener Zeitalter und Erinnerungsebenen.


ZDF: Welche Erkenntnisse konnten Sie auf Ihrer Reise durch die deutsche Geschichte gewinnen? Gab es etwas, das Sie noch überrascht hat?

Clark: Es ist vor allem die Vielfalt Deutschlands, die mich beeindruckt. Man weiß das natürlich als abstraktes Faktum, muss aber immer mit Erstaunen davon Kenntnis nehmen, wie unterschiedlich die deutschen Landschaften und die Menschen, die sie bevölkern, sind. Manchmal wundert man sich, dass die Deutschen es über­haupt mal geschafft haben, einen Nationalstaat zu bilden.


ZDF: Wenn Sie einem Australier in einer Minute erklären müssten, wie die Deutschen "ticken", was würden Sie sagen?

Clark: Ich möchte keiner Nation und keinem Land das Unrecht antun, sie oder es in einer Minute erklären zu wollen.

"Mahlzeit, Herr Kollege"

ZDF: Was ist für Sie "typisch deutsch"?

Clark: Die Redewendung "Mahlzeit, Herr Kollege" greift schon tief in diesen Bereich, wobei man nicht vergessen darf, dass viele Deutsche diesen Ausdruck genauso ulkig finden wie ich.

ZDF: Welches Symbol ist für Sie das "deutscheste": Der Garten­zwerg oder der Schrebergarten? Das Bier, das Abendbrot oder die Germania?

Clark: Das Bemühen um solche Wahrzeichen des Deutschseins ist ei­gentlich ein Symptom der Vielfalt. Man greift nach ihnen eben nur deswegen, weil der Stoff der Identität so diffus ist.


ZDF: Wie haben Sie auf Ihrer Deutschlandreise die Deutschen er­lebt? Haben sich bestimmte Klischees, wie Ordnungssinn, Pünktlichkeit, Fleiß oder Humorlosigkeit, bestätigt?

Clark: Humorlos sind die Deutschen nicht. Ich habe sie auf dieser Reise als freundlich, herzlich, komisch und hilfsbereit erlebt. Unfreund­liche und Humorlose gibt es hier sicherlich auch wie in allen Län­dern, aber die lassen sich auf ein Gespräch mit einem Fernseh­team wohl eher nicht ein.


ZDF: Auf Ihrer Reise sind Sie manchem Großen der deutschen Vergangenheit begegnet. Wer ist Ihr persönlicher "Held der Geschichte"?

Clark: "Helden der Geschichte" gibt es für mich nicht. Dafür aber viele sympathische, unsympathische und selbstverständlich auch interessante Gestalten, die vor großen Herausforderungen stan­den und sie entweder gemeistert haben oder von ihnen gemeis­tert wurden.


ZDF: Eine Umfrage der BBC aus dem vergangenen Jahr kürte uns Deutsche zur beliebtesten Nation der Welt. Was macht uns plötzlich so beliebt?

Clark: Die Tatsache, dass Deutschland an den großen Nahost-Kriegen der letzten Jahre nicht beteiligt war, mag das vielleicht zum Teil erklären, jedenfalls in der außereuropäischen Welt. Der zurück­haltende, sachliche Ton der deutschen Außenpolitik kommt im Ausland gut an. Frau Merkel wird in Großbritannien und Amerika als force tranquille in der europäischen Politik – abregend, menschlich, nüchtern – hoch angesehen. In Europa spielt das allmähliche Abebben von Ressentiments aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges vielleicht auch eine Rolle.


ZDF: 25 Jahre in Einheit und Freiheit, stabile Wirtschaftszahlen und nun auch noch eine gewonnene Fußballweltmeister­schaft. Warum sind die Deutschen im Moment so erfolgreich?

Clark: Planung und Teamarbeit.


ZDF: Was an den Deutschen gibt Ihnen immer noch Rätsel auf?

Clark: Heino.

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