Wie man Vögeln das Fliegen beibringt

Drehbericht von Filmemacher Freddie Röckenhaus

Ganz besonders ans Herz gewachsen ist uns eine Bande junger Waldrappe – drollig aussehende Ibis-Vögel, die in Deutschland eigentlich seit dem 17. Jahrhundert ausgestorben sind. Bei Anif, zwischen Berchtesgaden und Salzburg, werden seit einigen Jahren in jedem Frühjahr Waldrappe großgezogen und von zwei menschlichen Ersatz-Müttern auf ihr Leben in freier Wildbahn vorbereitet, inklusive des Vogelzuges von Bayern in die wärmere Toskana und im kommenden Frühjahr wieder zurück zu uns.

Dazu muss man ihnen aber erstmal das Fliegen beibringen. Da die menschlichen Mütter selbst nicht recht flugfähig sind, geschieht das mit einem motorisierten Ultraleichtflieger. Die täglichen Übungsflüge, bei denen die kleinen Ibisse irgendwann brav hinter dem an ein Fliewatüüt erinnernden Gerät herfliegen, wollten wir für " Deutschland von oben 4" drehen und mit einem Hubschrauber und unserer Spezialkamera parallel mitfliegen.

Hubschrauber als Kollege

Die Sorge bei den Wissenschaftlern des Projekts war groß, dass der riesige, laute Helikopter die Waldrappe erschrecken könnte. Es stellte sich aber schnell heraus: Unser Hubschrauber war überhaupt kein Problem. Irgendwie schienen die jungen Waldrappe, die aus Eiern von in Zoos lebenden Waldrapp-Mamas geschlüpft sind, den Hubschrauber als weiteren Kollegen zu betrachten. Einen, der fliegen kann und obendrein auswendig den Weg kennt. Die Probleme waren dann ganz andere.

Für den Übungsflug ging es in die Schönau, mitten im Berchtesgadener Land, zu Füßen des fast 3.000 Meter hohen Watzmann-Massivs. Beim ersten Flug mit der Vogelgruppe im Schlepptau des Ultraleicht-Gefährts fiel jedoch unterwegs die Stromversorgung unserer Kamera aus, die am Bauch des Hubschraubers montiert ist. Als wir das repariert hatten, war es zu spät, um weiterzufliegen. Beim zweiten Versuch, zwei Wochen später, stürzte sich unversehens ein Steinadler, der am Untersberg sein Revier und seinen Adlerhorst hat, auf unsere Waldrapp-Truppe und mischte sie dermaßen auf, dass alle Reißaus nahmen und jeder Vogel, seelisch etwas zerzaust, irgendwann einzeln im Trainingscamp wieder eintrudelte.

Voller Bauch fliegt nicht gern

Beim dritten Versuch dachten wir, dass wir den Adler überlisten könnten, indem wir das gewaltige Untersberg-Massiv andersherum umfliegen wollten. Weit gefehlt: Ein anderer Steinadler griff an und scheuchte die verdatterten Ibisse aus seinem Luftrevier. Einem ärgerlichen Steinadler möchte man nicht mal als Mensch begegnen, geschweige denn, wenn man ein vier Monate alter Waldrapp ist. Den armen Jungvögeln war nach der Adler-Attacke nicht mehr nach einem weiteren Versuch zumute, denn mittags überkommt sie immer der große Hunger und sie verlangen Futter. Und nach dem Essen wird – mit vollem Bauch – nicht mehr geflogen.

Rappe im Flug
Rappe im Flug

Sie können es sich denken: Beim vierten Mal klappte es. Die Adler vom Untersberg waren anderweitig beschäftigt, der Luftraum gehörte den Waldrappen und uns. Ein blauer Sommertag, mit dem Blick auf Watzmann und Hochkalter und alle anderen majestätischen Berge von Berchtesgaden. Und die Waldrappe brav hinter dem Ultraleichtflieger, mit einer der Ibis-Mütter auf dem Sozius-Sitz des Fliegers. Und nach dem langen Ausflug gab es wieder was zu futtern und es durfte mit den menschlichen Ersatz-Mamas ordentlich rumgespielt werden.

Die Waldrappe des Jahrgangs haben am Ende alle ordentlich fliegen gelernt! Gerade sind sie in der Nähe von Florenz. Aber das ist eine andere Geschichte, die wir im nächsten Jahr erzählen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet