Deutschland von oben riecht nach Minze

Der Regisseur über Widrigkeiten und Schönes beim Dreh

200 Stunden über Deutschland mit dem Helikopter über Städte und Landschaften fliegen, neben fliegenden Störchen dahinrattern, das Leben als Schweben. Was für ein großartiger Job, werden Sie sagen, ich möchte sofort tauschen!

Doch wie so oft im Leben - alles hat seine Kehrseiten. "Deutschland von oben", das lernt man bei der Vorbereitung zu solch einer Reihe, hat eine doppelte Bedeutung: Denn vor beinahe jeder menschlichen Aktivität steht eine bürokratische Anstrengung und der Kontakt mit dem, was man früher "Obrigkeit" nannte. Und das gilt für die Dreharbeiten der wunderbaren Luftbilder in "Deutschland von oben" erst recht, denn nichts ist so umkämpft wie der Luftraum über unserem Land.

Durch den Wald der Behörden

Helikopterflug über Brücke
Helikopterflug über Brücke

Oder wie es einer unserer Helikopter-Piloten gern formulierte: "Die Menschen wohnen direkt neben Schnellstraßen, auf denen 50.000 Autos pro Woche gleich neben ihrer Schlafzimmerwand vorbeirauschen, und sie sagen: 'Jo mei, das ist halt so.' Aber wehe, am Himmel schrappt ein einziger Hubschrauber über sie hinweg, dann rufen sie sofort '110' an und drohen außerdem der Regierung mit der Vertrauensfrage."

Fluglärm ist für die Anwohner der Flughäfen natürlich ein ernstes Problem. Aber für unsere Dreharbeiten, bei denen wir die bestmöglichen Bilder für die Zuschauer drehen und bisweilen besonders tief fliegen wollten, war der Flugslalom durch den Wald der Luftfahrtbehörden, der oberen und unteren Naturschutzbehörden, der städtischen Ordnungsbehörden und der Nationalparkbehörden fast so kompliziert wie der ganze Rest der Dreharbeiten zu dieser außergewöhnlichen Doku-Reihe.

Kein Zuckerschlecken

Hubschrauberflug über der Zugspitze
Hubschrauberflug über der Zugspitze

Doch auch, wenn man es dann in die Luft geschafft hat und mit zeitlimitierten Sondergenehmigungen ausnahmsweise besonders tief fliegen darf - oder auch besonders hoch, was große Flughäfen in der Nähe verhindern möchten, weil unser Dreh-Hubschrauber dort angeblich die großen Flieger stört, - wenn man es also geschafft hat, Deutschland endlich von oben drehen zu dürfen, ist auch nicht alles Zuckerschlecken.

Bei den Dreharbeiten auf etwa 14.000 Fuß Flughöhe, wie der Flieger sagt, etwa 4500 Meter, trompete uns oberhalb der Zugspitze der Wind mit solcher Wucht von hinten ins Abgasrohr der Hubschrauber-Turbine, dass sie für einige Augenblicke wegen dieses Gegendrucks komplett aussetzte. Auch wenn uns Pilot Werner Greipl später beruhigen wollte, dass man gerade aus so großen Höhen besonders gut in Autorotation zu Boden gleiten könne, wirkte er selbst doch so beunruhigt, wie es auf 14 000 Fuß angemessen erscheint. In dem Hubschrauber, aus dem unsere Akteure, zwei Basejumper, mit Fallschirmen abspringen sollten, war die Stimmung in diesem Moment jedenfalls deutlich euphorischer als bei uns.

Unvergleichliche Erlebnisse

Aber zugegeben: Wenn man auf dem winzigen Kontroll-Bildschirm, den man als Regisseur in der Luft vor sich hat, die Kraniche dahin ziehen sieht, makellos bildstabilisiert von der fünffach gelagerten, eine halbe Million Euro teuren Kamera, die am Bauch des Hubschraubers befestigt ist und von innen gesteuert wird, dann schmilzt man dahin. Manchmal vergisst man fast die Regieanweisungen. Und natürlich ist es ein unvergleichliches Erlebnis, wenn man mit "Sky", dem Steinadler aus Lenggries an der Isar, durch die Lüfte gleitet. Man hört die Turbine des Hubschraubers dann kaum noch, weil man sich an dem eleganten Flug des Adlers gar nicht satt sehen kann. Und Sky hat auch seine Freude am Spielkameraden Hubschrauber.

Unser Hubschrauber-Kameramann Peter Thompson aus Neuseeland hatte das größte Kompliment für Deutschland parat: Manche Landschaften erinnerten ihn an Neuseeland oder Kanada. Das hätte er nicht im Traum erwartet von einem vermeintlichen Industrieland wie Deutschland. In der Nähe von Dortmund mit Hunderten von Kranichen dahinzufliegen, die sich weder von unserem Motorengeräusch und erst recht nicht von unserer Kamera stören ließen, war selbst für den hartgesottenen Tierfilmer ein neues Erlebnis. Die obere Isar hatte es ihm angetan - mir übrigens auch. Und das Wattenmeer, das an einem schönen Sommertag von oben so aussieht, als habe die Südsee große Teile der Sahara überschwemmt. Die Seehunde passten perfekt zu dieser Fatamorgana.

Nichts für nervöse Mägen

Wattenmeer an der Nordsee von oben
Wattenmeer an der Nordsee von oben

Um von diesem besonders dynamische Bilder drehen zu können, waren manch merkwürdige Flugmanöver nötig, die nichts für nervöse Mägen sind. Und es gibt auch Menschen, denen selbst beim Betrachten der Bilder im sicheren Schnittstudio flau wird. Mir persönlich machen die Bewegungen des Hubschraubers weniger aus - aber der Geruch von Kerosin in der Nase erzeugt bei mir fast sofortige Übelkeit. Ich bin damit offenbar nicht allein.

Einer netten bayerischen Co-Pilotin verdanke ich den Tipp, dass Sticks mit Pfefferminz-Aroma den Geruchssinn so radikal in Beschlag nehmen, dass man überhaupt nichts anderes mehr riecht als Minze. "Das arme Schwein", murmelte einst Obelix, als es bei den Briten Wildschwein in Pfefferminzsoße gab. Mir hat die Pfefferminze das Fliegen übers Land versüßt. Deutschland von oben riecht für mich nach Minze, egal, in welcher Flughöhe. Das hat mich mit allen Bürokraten versöhnt. Jedenfalls solange die ätherische Wirkung der Öle anhielt.

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