Bis man selbst "einfährt"

Über die Dreharbeiten in der Zeche Prosper Haniel

Nach der erfolgreichen und preisgekrönten Reihe "Deutschland von oben" begeben sich die Filmemacher Freddie Röckenhaus und Petra Höfer in die Unterwelt. "Deutschland von unten" eröffnet einen neuen Blick auf unser Land. Im Folgenden eine Liebeserklärung an das Bergwerk und das Ruhrgebiet.

Es gibt so viele Dinge, die wir als Selbstverständlichkeit nehmen. Dass wir fast überall telefonieren oder Filme auf winzigen Geräten mit Bildschirm gucken. Oder dass wir im Bauch des größten Passagierflugzeugs, des Airbus 380, zusammen mit fast neunhundert Menschen gleichzeitig in die Luft gehen und dann 15 Stunden lang mit fast 1 000 Stundenkilometern dahinrasen. Alles ganz normal. Ticket kaufen, einsteigen, eindösen.

Sind Bergwerke wirklich banal?

Prosper-Haniel ist eine der beiden letzten aktiven Zechen des Ruhrgebietes.
Prosper-Haniel ist eine der beiden letzten aktiven Zechen des Ruhrgebietes Quelle: ZDF/Tobias Kaufmann

Im Vergleich zu solchen offensichtlichen Unmöglichkeiten aber, deren Machbarkeit wir im Alltag nicht mehr bewundern, werden die meisten den Abbau von Steinkohle, den seit hunderten von Jahren Bergleute erledigen, als ziemlich gewöhnliche, profane Sache nehmen. Sozusagen: Nicht der Rede und des Gedankens wert. Selbstverständlicher als selbstverständlich. Außerdem: Wer wollte da schon hin? „Unter Tage“, wo es schmutzig ist, wie man ja an den gelegentlichen Bildern von Bergmannsfolklore sieht, von den schwarzgesichtigen Männern in einem Förderkorb, wie man den Aufzug der Bergleute nennt. Die meisten, zumal wenn sie nicht aus dem Saarland oder dem Ruhrgebiet kommen, halten Steinkohle für eine Sache aus der Steinzeit. Ein Kohlebergwerk halten die meisten für banal. Bis man dann selbst "einfährt", wie der Kumpel sagt.

Zugegeben: Die Stille von großen Naturhöhlen, wie der grandiosen Schellenberger Eishöhle am Untersberg im Berchtesgadener Land, hat uns total in ihren Bann gezogen. Die 300 Kilogramm schwere Kameraausrüstung mit dem Hubschrauber hinauf zum Eingang der Höhle auf 1 570 Meter Höhe einfliegen zu lassen, im Lastennetz unter dem Heli, der Aufstieg und dann der Abstieg hinein - ein einziges Naturerlebnis. Die Kameras und uns selbst, das Drehteam, zu sichern, um nicht in die tückischen Eisspalten abzustürzen und uns den Hals zu brechen, bei 31 Grad Außentemperatur im Berchtesgadener Hochsommer und minus einem Grad im Schlund des ewigen Eises. Oder die Magie des Salzbergwerks in Bernburg, mit ihren weiß glänzenden, haushohen Abbaukammern.

Kein Platz für Zartbesaitete

Aber ganz ehrlich: Das ist alles nichts gegen die unglaubliche Welt aus ewiger Dämmerung und Geräuschen, von der man in dem Augenblick verschlungen wird, in dem man den Förderkorb auf Zeche Prosper-Haniel in Bottrop besteigt. Ein Gefährt aus grobem Eisen, dem man ansieht, dass hier tagein tagaus tonnenschweres Material, Bagger, Lokomotiven, gigantische Vortriebhämmer in die Tiefe abgeseilt werden. Kein Platz für den Zartbesaiteten. Kein Griff zum Festhalten, keine Sicherheitsgurte, kein ABS. Dass dahinter eine hochelektronisierte Extremtechnik steckt, wird man erst viel später sehen.

Dann rast der Korb in die Tiefe von Schacht 10, dem tiefsten vertikalen Loch in der Geschichte des Kohleabbaus im Ruhrpott. Gerade erst ist auf Zeche Prosper-Haniel die siebte Sohle eröffnet worden, die tiefste Etage bisher. Mit 16 Metern pro Sekunde stürzen wir hinab, bis auf 1 157 Meter. Elfundertsiebenundfünfzig Meter heißt: Sieben Mal die Höhe des höchsten Kirchturms der Welt, am Ulmer Münster. Nur, dass man hier ins Schwarze fällt.

Im Reich der Abkürzungen

Unten, am "Füllort", wie die Bergleute sagen, einer Art Bahnhof und Umschlagplatz der siebten Sohle, taucht man erst recht ein: Zwölf Meter Raumhöhe, der stumpfe Duft von Erde und Staub, und das Gefühl, dass man zugleich in die Stille der Tiefe eingedrungen ist, in den tiefsten Bauch von Mutter Erde - und dennoch lauter technische Geräusche hört: Gedrungene gelbe Zwergen-Dieselloks mit flachen eisenfarbenen Anhängern, Personenzüge für Zwerge, ohne Fenster, die im Ernstfall Schutz bieten, an den Decken des Tunnels fauchen dieselbetriebene Schwebebahnen, genannt "Einschienenhängebahn", oder wie der Kumpel sagt: "EHBs". Wir sind in einem Reich der Abkürzungen.

Eine steife Brise weht hier unten, denn um in dieser Welt sein und überleben zu können, müssen die "Strecken", wie die 140 Kilometer unterirdischer Stollen bergmännisch genannt werden, „bewettert“ werden: Durch einen Schacht nach oben wird die Luft aus der Tiefe abgesogen, durch den anderen strömt frische Luft nach. Wenn es oben, in über einem Kilometer vertikaler Entfernung also, nur zwei Grad hat und der Nordseewind im nördlichen Ruhrgebiet bläst, dann friert man hier unten. Der Bergmann fährt in den warmen Schoß der Erde ein - aber trägt am liebsten lange Unterhosen und Thermofleecejacken. Ein paar Streckenwindungen weiter aber, wo der Luftstrom von den Schächten schwächer wird, kann es so warm werden, dass die Kumpels am liebsten im himmelblauen Unterhemd malochen.

Wie in einem Sciencefictionfilm

Mischhallle in der Zeche Prosper-Haniel im Ruhrgebiet
Science Fiction oder Jules Verne? Mischhallle in der Zeche Prosper-Haniel Quelle: ZDF/Tobias Kaufmann

Bis dahin, wo dann wirklich die Kohle gefördert wird, rumpelt man eine halbe Stunde mit der Grubenbahn, die über Schienen poltert, deren Schwellen vom Berg, wie sie das Gestein hier nennen, in dem sie sich bewegen, ständig in andere Richtungen geschoben werden. Dann läuft man eine halbe Stunde, durch fahl beleuchtete Strecken, an monoton klappernden Förderbändern entlang. Man kommt an Streckenenden vorbei, in denen gewaltige Meißelhämmer einen neuen "Vortrieb" machen, also eine neue Strecke zu neuen Kohleflözen ins Gebirge fräsen. Zehn Meter im Durchmesser. Alles hier erinnert an einen Sciencefictionfilm oder an einen Roman von Jules Verne. Auf der Reise zum Mittelpunkt der Erde wird es auch nicht anders aussehen.

Am Kohlehobel angekommen, im flachen "Streb", also der rund 400 Meter langen Strecke mitten in der Kohle, sind die Arme längst schwer. Die einzige Kamera, mit der wir hier unten arbeiten dürfen, ist eine Spezialanfertigung. Das Gehäuse ist explosionsgeschützt, ebenso alle Scheinwerfer und die Tonausrüstung. Trotz bester Bewetterung und Belüftung: Fast überall hier unten bewegen wir uns in „Schlagwettergefährdeten Zonen“. Das Öffnen der Gesteine führt im Nebeneffekt dazu, dass aus der Kohle Methangas ausdunstet. Wenn es einen gewissen Prozentsatz in der Luft unter Tage erreicht, etwa 5 bis 15 Prozent, kann jeder noch so kleine Funke zur Explosion führen. Elektronische Geräte sind deshalb tabu. Oder sie müssen, wie unsere Kamera und die Scheinwerfer, in schwere, explosionsgeschützte Gehäuse verbaut werden.

Nebel aus Wasserpartikeln und Staub

Der Kohlehobel jagt an der Kohle im niedrigen Flöz vorbei. Hier kann man an vielen Stellen nur noch kriechen und nicht mehr stehen. Gegen den Staub düsen die Schilde, die das Deckgebirge von unseren Köpfen wegstemmen, aus tausenden von Öffnungen Wasser. In diesem Nebel aus Wasserpartikeln und Staub drehen wir, wie der Kohlehobel grobe Scheiben aus dem Kohleflöz bricht, die krachend zusammenstürzen, manchmal keinen Meter vor unserer Nase. Über uns halten hunderte von nebeneinandergesetzten Schilden das Gebirge. Mit jeder Hobelrunde rücken die Schilde ins Flöz nach. So frisst sich das Streb, im Normalfall vollautomatisiert, in das Kohlevorkommen.

Die Kamera ist unhandlich wie ein Stück Felsen. Die Technik drinnen ist ein wenig überholt, im Vergleich zu unserer hochgezüchteten Hightech-HD-Kamera, mit der wir die meisten anderen Bilder für "Deutschland von unten" drehen. Die Bedienung, über ein paar wenige Tasten im globigen Schlagwettergehäuse, ist für jeden Kameramann eine Qual. Die schweren Scheinwerfer mit ihren jeweils zehn Kilogramm schweren Akkus daran lassen sich nur mit einem schweißtreibenden Kraftakt ins Streb voranschleppen. Die Ladung der Akkus reicht nicht einmal für 30 Minuten Licht. Es gibt nur vier davon. Jede Minute Dreh will wohl wohlüberlegt sein. Denn hier schlucken die schwarzen Wände jedes Licht, saugen den Strom aus unseren Akkus, wie es sich für ein schwarzes Loch gehört. Nichts ist hier unten so, wie wir es gewohnt sind. Nicht nur, was das Filmen angeht, sondern auch das pure Existieren. Bisweilen stehen knietiefe Pfützen in den Strecken, die von Tauchpumpen im Zaum gehalten werden. Die Luft ist hier dünner, man spürt, wie sich der Kohlestaub an den Härchen in den Nasen, in den Augenbrauen, einfach überall festmacht. Nirgendwo ist es so, wie hier unten.

Die Welt der Ruhrkohle muss man mögen

Wer beim Ausfahren, bei der Seilfahrt nach oben, nicht sämtliche Knochen spürt, hat tief in der Erde sicher nicht gearbeitet. Im Förderkorb wird Schnupftabak angeboten, eine Prise, gegen den Staub in der Nase. Man muss das nicht mögen. Aber die Grube, die Menschen die hier malochen, die Welt der Ruhrkohle, über einen Kilometer tief, muss man mögen. Daran führt kein Weg vorbei.

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