Diamantenfieber in Deutsch-Südwestafrika

Kolmanskuppe – von der Boomtown zur Geisterstadt

Vor rund 100 Jahren bot Kolmanskuppe seinen Bewohnern alle erdenklichen Annehmlichkeiten des modernen Lebens: Badewannen, Grammophone, Kühlaggregate, Schwimmbad, Kegelclub, Limonadenfabrik und ein Elektrizitätswerk, das seinerzeit als das leistungsfähigste der südlichen Hemisphäre galt. Heute ist die Siedlung verlassen, ihre Überreste sind halb begraben vom Wüstensand. Sand, mit dem die abenteuerliche Geschichte einst begann.

14. April 1908: Bahnarbeiter Zacharias Lewala zeigt seinem Vorarbeiter einen funkelnden Stein. Er hat ihn beim Befreien der Gleise vom Flugsand an der Bahnstrecke von Aus nach Lüderitz entdeckt. Bahnmeister August Stauch, der sich 1907 von Thüringen nach Namibia, dem damaligen Deutsch-Südwestafrika, versetzen hat lassen, sieht sich den Stein genauer an und testet dessen Härte auf dem Glas seiner Uhr. Sein Verdacht wird bald von Fachleuten bestätigt: Der hübsche kleine und ungemein harte Stein ist ein Diamant.

Diamanten bringen den Aufschwung

In den Wochen nach der Entdeckung nutzt August Stauch die anfängliche Skepsis seiner Landsleute, um in aller Ruhe Claims rund um Kolmanskuppe abzustecken und Schürflizenzen bei der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika zu erwerben. Wenige Monate später wird auch das Mutterland vom Diamantenfieber ergriffen. Immer mehr Abenteurer machen sich auf den Weg in die Wüste von Deutsch-Südwest, um ihr Glück zu suchen. Die Reichsregierung erklärt schließlich einen 100 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Küstenstreifen zum Sperrgebiet, um dort das alleinige Schürfrecht wahrzunehmen. Stauch hat zu diesem Zeitpunkt bereits seine Claims gesichert und Minengesellschaften gegründet.

Diamantenförderung in Kolmanskuppe (zeitgenössische Aufnahme)
In nur drei Jahren wurden knapp fünf Millionen Karat aus dem Sand geholt.

Im Jahr 1909, auf dem Höhepunkt des Diamantenrausches, holten die Arbeiter jeden Monat im Schnitt 70.000 Karat aus dem Sand, ein Fünftel der gesamten Weltproduktion. So wuchs die ursprüngliche Behelfssiedlung Kolmanskuppe zur zeitweilig wohlhabendsten Kleinstadt Afrikas heran, berechnet nach Pro-Kopf-Einkommen. Sie verfügte über alles, was das Herz der deutschen Siedler begehrte: Bäckerei, Metzgerei, Gemischtwarenladen, eine Limonaden- und Sodawasserfabrik, eine Grundschule, Polizeistation und Postamt, ein Freizeitzentrum mit Casino, Turnhalle, Tanzsaal, Kegelbahn und Theater. Wohl die größte Herausforderung war die Wasserversorgung der Siedlung. Süßwasser wurde von weither in die Stadt geleitet und in der Anfangszeit zusätzlich per Schiff von Kapstadt transportiert. Später deckte eine Meerwasserentsalzungsanlage den erhöhten Wasserbedarf der Bevölkerung und des Minenbetriebs. Mit Strom versorgt wurde sie durch ein in Lüderitz neu errichtetes Elektrizitätswerk.

Blüte und Niedergang

Geisterstadt Kolmanskuppe: Blick durch die Fenster einer herrschaftlichen Villa
Einst eine Traumlage: Blick vom Haus des Arztes

Das Krankenhaus von Kolmanskuppe wurde als erstes im südlichen Afrika mit einem Röntgengerät ausgestattet – allerdings diente es, statt verborgene Leiden sichtbar zu machen, in erster Linie dazu, Diamantendiebe zu überführen, die ihre wertvolle Beute verschluckt hatten. Die soziale Hierarchie in der Diamantengräberstadt war deutlich sichtbar: Oben auf dem Hügel residierte das Management der Minengesellschaften in vornehmen Jugendstilvillen mit Giebeldächern und verglasten Veranden, während der Mittelstand einfachere Häuser bewohnte und die zahlreichen schwarzafrikanischen Arbeiter in Holzbaracken untergebracht waren.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kam die Diamantenförderung zum Erliegen. Am 9. Juli 1915 kapitulierten die deutschen Streitkräfte in Südwestafrika vor den Truppen der Südafrikanischen Union, die als Mitglied des britischen Empire dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatten. Damit endete de facto die deutsche Kolonialherrschaft in Südwestafrika, was der Versailler Vertrag 1919 besiegelte. Die Schürfrechte fielen an südafrikanische Minengesellschaften. Dennoch wurde in Kolmanskuppe weiter gesucht, und die deutsche Siedlung hatte bis in die 1930er-Jahre Bestand. Doch als an der Mündung des Oranje-Flusses, nahe der Grenze zu Südafrika, ertragreichere Diamantenfelder entdeckt wurden, verlagerte sich die Edelsteinsuche weiter in den Süden. 1931 galt das Gebiet um Kolmanskuppe als weitgehend ausgebeutet. 1956 wurde der Ort endgültig verlassen.

Dornröschenschlaf in der Wüste

In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich die verlassene Diamantengräbersiedlung in eine Geisterstadt. Der Sand, den der Wind in dieser Gegend stetig heranträgt, ist durch Fenster und Türen in die Häuser eingedrungen, hat sich zu Dünen aufgetürmt und so fast surreal anmutende Interieurs geschaffen. Verspielte Wandfriese, Tapeten und Sprossenfenster aus Kaisers Zeiten, malerisch verwittert unter dem Einfluss von Wind und Sand, machen heute den besonderen Zauber des Ortes aus. In den 1980er-Jahren hat man ihn für den Tourismus wiederentdeckt.

Und August Stauch? Der Begründer des Edelsteinrausches in Namibia wurde reich, stieg 1924 aus dem Diamantengeschäft aus, verbrachte lange Jahre mit seiner Familie in Südwestafrika, besaß mehrere Farmen, verlor einen Großteil seines Vermögens infolge der Weltwirtschaftskrise  – und starb 1954 infolge einer Krebserkrankung verarmt in seinem Heimatdorf Ettenhausen in Thüringen.

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