Dichtung und Wahrheit

Vom falschen Mythos des zotteligen Wilden

Mit der Überheblichkeit der Hochkultur sahen die Römer in den Germanen nur rauf- und sauflustige, zottelfellige Wilde. Und da sie die germanischen Sprachen nicht verstanden, nannten sie sie "Barbaren", was soviel bedeutete wie Stotterer, Stammler. Sie seien gänzlich unzivilisiert, stinkend und schmutzig. Eine Geringschätzung, die sich rächen sollte.

Wenn in den Wintermonaten der Treck ruhte, war es war schwierig Unterkunft zu finden. Da wurden selbst Höhlen zum Palast. Was die Reinlichkeit betraf, forderte das Wanderleben seinen Tribut. Dennoch wurde auf Körperpflege geachtet, wie Funde aus dem Moor heute beweisen.

Jeder Kimber führte eine Art Reisenecessaire mit sich. Ein Kulturbeutel, wie ihn jeder Mann am Gürtel trug: mit Hölzern für die Zahnpflege, mit einer Schere, um die Haare zu schneiden, mit einem Messer für die glatte Rasur. Am Ring eine Pinzette für die Nasenhaare. Und sogar eine Art Q-Tipp, um die Gehörgänge zu reinigen. Ebenfalls dabei, der obligate Kamm für kunstvolle Frisuren, wie zum Beispiel der Suebenknoten des Osterby-Mannes.

Auferstehung nach 1500 Jahren

Auferstehung nach 1500 Jahren Für die Römer waren die Germanen ungeschlacht und Furcht erregend. Aber wie sahen sie wirklich aus? Wie Helden aus Wagneropern? Wie Typen aus dem arischen Rassekundebuch?

Die ungarische Anthropologin Kustár rekonstruiert das Gesicht eines Schädels, der in Sachsen gefunden wurde. Zum ersten Mal wird zu sehen sein, wie ein Germane - 1500 Jahre nach seinem Tod - sein Antlitz wiederbekommt. Das biometrische Verfahren haben Gerichtsmediziner entwickelt, um unbekannte Tote zu identifizieren. Kenntnisse aus der Anatomie überträgt Agnès Kustár auf den Schädel: Danach modelliert sie die Muskeln, und folgert, wie die Nase und wie die Ohren gebaut waren.

Aristrokatische Züge

Wie stark mögen die Muskeln sein, wo sitzen die Augen im Schädel, wie dick sind die Weichteile? Bei tausenden Leichensektionen wurden Durchschnittsmaße ermittelt. Ágnes Kustár überträgt sie gewissenhaft auf den Abguss des Germanenschädels. In wochenlanger Arbeit entsteht unter ihren Händen das Antlitz: So sah dieser Germane zu Lebzeiten aus.

"Der Germane" hätte man ihn genannt, als man Menschen in verbrecherischer Absicht nach Rassen unterschied. Aber es ist immer nur ein individuelles Gesicht unter vielen verschiedenen. Dieses hatte feine, aristokratische Züge, wie man sie auch von Senatoren kennt. Und eines fernen Tages werden selbst Germanen zum Establishment Roms gehören. Aber soweit waren die Kimbern noch nicht.

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