Die ältesten Abbildungen

Beeindruckende Figuren und Malereien aus der Zeit vor 35.000 Jahren

1991 macht der Tauchlehrer Henry Cosquer 1991 bei einer seiner vielen Unterwaser-Expeditionen eine Aufsehen erregende Entdeckung. In 37 Metern Tiefe stieß er vor Marseille auf einen Felstunnel, der während der Eiszeit trockenen Fußes erreichbar war. Im Inneren befinden sich 27.000 Jahre alte Felsbilder. Doch nur drei Jahr später entdeckte ein Landsmann noch ältere Werke.

Höhlenmalerei Chauvet Quelle: ,ZDF,Wolfgang Ebert

Die Eismassen speicherten so viel Wasser, dass der Meersspiegel einst bis zu 120 Meter tiefer lag. Als Henri Henri Cosquer nach Durchquerung des Tunnels in der Tropfsteinhöhle auftauchte, erschienen die eiszeitlichen Felsbilder im Lampenlicht wie Geister aus unendlich fernen Zeiten. Der Franzose zählte eine Menagerie von 145 Motiven. Die Altersbestimmung erbrachte, dass die jüngsten Kohlezeichnungen vor 18.000 Jahren entstanden. Die Handabdrücke bringen es sogar auf ein Alter von unvorstellbaren 27.000 Jahren. Es sind die ältesten Darstellungen, die bis zu diesem Zeitpunkt gefunden wurden. Die Höhle, die den Namen ihres Entdeckers trägt, wurde also über die enorme Zeitspanne von 9.000 Jahren besucht. Henris Freude über seinen Rekord, in der wahrscheinlich ältesten Bilder-Grotte aufgetaucht zu sein, wurde bald getrübt.

Computeranimation Chauvet-Höhle Quelle: ZDF

32.000 Jahre alte Darstellungen

Schon 1994 machte sein Landsmann Chauvet in der Ardèche-Schlucht in Südfrankreich einen weitaus sensationelleren Fund. Hinter den Felsen verborgen liegt eine der eindruckvollsten prähistorischen Galerien überhaupt. Die Bilder der so genannten Chauvet-Höhle stellen alle bisherigen Datierungsmodelle über die Geburt der Malerei auf den Kopf. Die Untersuchung winziger Holzkohle-Proben brachte es an den Tag: Einige Darstellungen sind 32.000 Jahre alt. Über Nacht avancierten sie zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit. Wegen eines andauernden Rechtsstreits sind Filmaufnahmen nicht erlaubt. Dank moderner Computeranimation kann ein breites Publikum die ersten bewegten Bilder aus der Höhle sehen. Jetzt kann jeder die Ansammlung von 447 Tieren wenigstens virtuell bewundern.

Doch nicht nur das hohe Alter verblüfft. Bisher gingen die Forscher von einer allmählichen Entwicklung der Formensprache aus - von einfachen Strichzeichnungen zu komplexen Darstellungen. Um so mehr staunten die Experten, dass sich die Herden in der gleichen Perfektion präsentieren, wie die fast halb so alten Bilder von Lascaux oder Altamira. Offenbar beherrschten die Eiszeitler alle Herstellungsverfahren von Anfang an - vor allem das Wissen um die Perspektive.

Höhlenbild Fruchtbarkeitsgottheit Quelle: ZDF

Eine Art Fruchtbarkeitsgott

In der Chauvet-Höhle überwiegen nicht Pferde und Rinder. Die frühen Künstler malten 60 Nashörner und Rudel mähnenloser Höhlenlöwen, die sonst eher selten vorkommen. Sie erscheinen auf den Wänden, weil die gefährlichen Tierarten die Steppe vor 35.000 Jahren in großer Zahl durchstreiften. Ein Grund für die Menschen, sie zu verehren. Für besonderes Aufsehen sorgte ein geheimnisvolles Bild. Das rund 30.000 Jahre alte Motiv zeigt einen Bison, eine Vulva und einen Löwen. Einige Stimmen meinen, der Bison symbolisiere das männliche und der Löwe das weibliche Prinzip. Vielleicht eine Art Fruchtbarkeitsgott. Auf der schwäbischen Alb - 600 Kilometer von der Ardèche-Schlucht entfernt - entsteht in der gleichen Epoche ein ähnlicher Zwitter. Der Löwe muss im Kult der Jäger eine große Rolle gespielt haben.

Mammut-Miniatur aus Elfenbein Quelle: ZDF

Die jüngste Sensation stammt aus dem Jahr 2007. Archäologen präsentierten der Öffentlichkeit die älteste, von Menschenhand geschaffene Figur. Ein Mammut aus Elfenbein: 35.000 Jahre alt. Das kostbare Objekt liegt streng gesichert im Tresor der Universität Tübingen. Den großen Coup landete der Urgeschichtler Nicholas Conard in der Vogelherd-Höhle bei Ulm. Er grub die 3,7 Zentimeter lange Plastik aus einem Abfallberg früherer Forscherteams aus. Gerne wird nun verkündet, dass die Wiege der Kunst am Oberlauf der Donau stand. Zum Beweis, dass der Südwesten Deutschlands kulturell hoch entwickelt war, präsentiert Conard auch die älteste Flöte der Welt.

Seltsames Ensemble

In der Höhle Tuc d`Audoubert knetet ein Schamane eine Wisent-Familie. Die Gruppe ist vermutlich ein Sinnbild für den ewigen Kreislauf des Lebens. Womöglich belegt das seltsame Ensemble die These, während der Eiszeit habe es schon die Vorstellung von der Dreiteilung der Welt gegeben. Dann entspräche die Platzierung der Tiere der mittleren Ebene im Glaubenskosmos der Eiszeitler. Über der kleinen Familie wacht ein Mischwesen - halb Tier, halb Mensch. Es könnte in die jenseitige Welt gehören, in die Welt der Götter, die höchste Ebene. Vielleicht aber zeigt es einen Schamanen im Tierfell.

Das große Bilderrätsel der Eiszeit ist noch lange nicht gelöst. Aber mit jeder neuen Theorie fällt helleres Licht auf eine faszinierende Phase der menschlichen Entwicklung. Die Geburtsstunde der Kunst und der Urreligion. Und damit die Geburt des modernen Menschen. Vor 12.000 Jahren schmelzen plötzlich die Eismassen. Die Steppen verschwinden mit ihren Tieren und damit auch die Jägerkulturen, die sich in grandiosen Felsbildern verewigten. Europa wird ein Kontinent der Wälder. Völlig neue Religionen entstehen und damit auch neue Ausdrucksformen.

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