Die Arroganz der Macht

Was Griechen und Römer über ihre Nachbarn denken

Sowohl die Griechen als auch ihre Nachfolger als führende antike Macht, die Römer, waren stets bestrebt, ihr Reich so weit wie möglich auszudehnen. Umso erstaunlicher ist es daher, wie wenig sie über angrenzende Völker und Stämme wussten, und welche Fehlinformationen sich in zeitgenössischen Quellen finden lassen.

Deutscher Urwald
Teutoburger Wald Quelle: ZDF/Gruppe 5

Bereits Aristoteles teilt im vierten vorchristlichen Jahrhundert die ihm bekannte Welt in fünf Klimazonen ein. Deren gesündeste befindet sich - selbstredend für ihn und alle antiken Griechen - im Mittelmeerraum. Die Gunst der Götter schützt diesen Raum durch hohe Gebirge (Balkan und Alpen), hinter denen, geplagt vom ständigen Schmuddelwetter, nur noch Barbaren leben. Die Römer ergänzen diese Theorie später noch durch die "Erkenntnis", dass ihre südlichen Nachbarn zu wenig Blut hätten, was sie feige mache. Die nördlichen Nachbarn dagegen hätten zu viel Blut, was ihren Mut begründe - aber auch ihre Beschränktheit. Kein Wunder also, dass insbesondere die Nordvölker nicht einmal ansatzweise ein staatsähnliches Gemeinwesen aufgebaut haben, wohingegen die Römer sogar ein Imperium geschaffen haben.

Die Ignoranz der Römer reicht soweit, dass sie es für unnötig halten, die barbarischen Völker differenziert zu betrachten: Lange Zeit gibt es für sie nur östlich des Dons die Skythen und westlich davon die Kelten, jenseits dieser bekannten Völker nur noch Fabelwesen: pferdefüßige Hippopoden oder Panotier, die sich mit ihren riesigen Ohren sogar zudecken können. "Germanen" werden erst um 80 v. Chr. erstmals erwähnt, obwohl das römische Imperium 113 und 105 v. Chr. zwei empfindliche Niederlagen gegen die germanischen Stämme der Kimbern und Teutonen hat einstecken müssen.

Milch zum Frühstück

Zitatgalerie: Römische Ansichten über Germanen
Römische Ansichten über Germanen Quelle: ZDF

Die Kämpfe gegen die Kimbern und Teutonen zeigen den Charakter der Barbaren: Furchtlos stellen sie sich den römischen Truppen, unter Verzicht auf jedwede Rüstung stürmen sie gegen den Feind, militärische Disziplin ist ihnen fremd. Schlimmer noch als die Krieger sind deren Frauen: Mit Äxten treiben sie ihre fliehenden Väter, Brüder und Männer zurück in die Schlacht. Und bevor sie sich versklaven lassen, bringen sie lieber sich selbst und ihre Kinder um. Trotzdem - oder gerade deswegen - fügen sie dem mächtigsten Militärapparat dieser Zeit schreckliche Verluste zu. Der "Furor Teutonicus", die Angst vor den barbarischen Nordvölkern, setzt sich fest in den Köpfen der Römer.

Erschreckend wie ihre Art zu kämpfen, ist für die Römer auch das Land der Germanen und ihre Lebensart. Selbst Tacitus beschreibt noch um 100 n. Chr. Germanien als wildes, unwirtliches Land, voller "schauriger Wälder, grässlicher Sümpfe", rauer Gebirge, in dem es eigentlich Tag für Tag nur regnet und stürmt. Ein trostloses Land, bewohnt von einem kulturlosen, allenfalls menschenähnlichen Wesen. Dieses ist nicht einmal in der Lage, Oliven und Wein anzubauen und verfügt über keinerlei Ess- oder Tischsitten. Der Germane an sich isst gebratenes Fleisch in großen Brocken schon zum Frühstück, trinkt dazu Milch und puren Wein - obwohl doch selbst der einfachste römische Bürger weiß, dass Wein mindestens im Verhältnis eins zu drei zu mischen und Milch das Getränk der Barbaren ist!

Kulturlose Kampfmaschinen

Selbst als die Römer längst Hilfstruppen, so genannte Auxiliartruppen, aus Bewohnern der eroberten Gebiete zusammenstellen, legen sie ihren Hochmut nicht ab. Sie weigern sich einfach, fremde Völker besser kennen zu lernen und Vorurteile abzubauen. So soll auch Arminius diese Arroganz und den Dünkel römischer Offiziere am eigenen Leib erfahren haben - für manche Historiker ein Grund für dessen Frontenwechsel. Es herrscht ein Zweiklassensystem in der römischen Armee: Die Auxiliarsoldaten sind ganz selbstverständlich zuständig für die Drecksarbeit, erhalten weniger Sold und am Ende der Dienstzeit keinerlei Abfindung.

Römer, die erstmals das Gebiet rechts des Rheins betreten, fühlen sich wie in einer anderen Welt. Selbstverständlichkeiten wie Städte, von Straßen durchzogen und miteinander verbunden, Häuser aus Stein, versehen mit Fußbodenheizung, Theater, öffentliche Bäder - Fehlanzeige in Germanien, es existieren keinerlei urbane Strukturen. Der Germane lebt in kleinen Dörfern, in einem Langhaus gemeinsam mit seinem Vieh, frisst, säuft und prügelt sich. Er hasst geregelte Arbeit, bestellt seine Felder nur notdürftig und geht lieber jagen oder Krieg führen - doch bei aller, aus römischer Sicht, berechtigten Abscheu, eines kann er wirklich: tapfer kämpfen, und das macht ihn gefährlich.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet