Die Aufstellung von Provinzialflotten

Sicherung des "nassen Limes" mit modernen Schiffstypen

Angesichts der großen strategischen Bedeutung für den Warenverkehr galt es schon in der Antike, die Wasserwege abzusichern. Neben allgemeinen Verteidigungsanliegen war gerade dies ein Grund für die Etablierung ständiger Flottenpräsenz an den Nordgrenzen des Imperiums.

Römisches Ruderboot auf dem Rhein
Römisches Ruderboot auf dem Rhein Quelle: ZDF

So wurde bald schon nach der Varuskatastrophe die classis Germanica, eine Provinzialflotte zur Überwachung der Rheingrenze, geschaffen. Ähnlich handelte das römische Oberkommando auch an der Donau, wo gleich mehrere Flotten aufgestellt wurden. Die Marineeinheiten übernahmen nun Aufgaben der Grenzsicherung wie etwa die Kontrolle der aus dem Barbaricum kommenden, in die großen Ströme mündenden Flüsse.

Marinespezialisten aus dem Osten

Römischer Soldat mit Armbrust im Boot
Römischer Soldat mit Armbrust im Boot Quelle: ZDF

Die Präfekten, die diese Flotten befehligten, hatten eine ihrer Bedeutung angemessene Stellung in der römischen Militärhierarchie. Einer von ihnen, Publius Helvius Pertinax, gelangte später sogar auf den Kaiserthron. Als Offiziere wurden anfangs Marinespezialisten aus dem Osten des Imperiums eingesetzt wie der aus Alexandria stammende proreta (Bugoffizier) mit dem einschlägigen Namen Horus, Sohn des Pabecus, dessen Grabstein (CIL XIII, 8322) in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nahe der Flottenbasis in Köln-Alteburg aufgestellt wurde.

Die Mannschaften kamen ursprünglich wohl aus den Legionen, sehr bald aber finden wir einen hohen Anteil an Einheimischen, die sich für gutes Geld und die Aussicht auf das römische Bürgerrecht nach 25 Dienstjahren rekrutieren ließen, wie dies etwa viele Mitglieder des niedergermanischen Stammes der Bataver taten. Diese stellten auch acht Kohorten bestens ausgebildeter Hilfstruppen. Im Bürgerkrieg nach Neros Tod unterstützten sie Vitellius auf seinem Weg zum Kaisertitel, doch dann fühlten sie sich von ihm benachteiligt und schritten zur offenen Meuterei. Als schließlich eine am Niederrhein stationierte Flotteneinheit gegen die Aufständischen eingesetzt werden sollte, kam es im Sommer 69 zu einer der wenigen Katastrophen der maritimen Grenzverteidigung.

Streitkräfte der Germanen

Nach der Übernahme jener Schiffe verfügte nun auch Iulius Civilis, der Anführer der Bataver, über beachtliche maritime Streitkräfte, die er stolz präsentierte. So ungünstig sich in diesem Fall die Ereignisse für die römische Seite auch entwickelt haben, zeigt der Bericht doch zugleich, dass Civilis nur auf diese Weise in den Besitz einer schlagkräftigen Flotte gelangen konnte. Auf germanischer Seite gab es lediglich am Niederrhein nennenswerten Schiffbau, den römischen Einheiten hatte man jedoch nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Letzten Endes blieb der Aufstand der Bataver ein Intermezzo, das nach einem Jahr schwerer Kämpfe beendet werden konnte. Damit war auch die kurzzeitige Gefährdung der Schifffahrtswege durch Civilis beseitigt.

Römische Soldaten rudern im Boot
Römische Soldaten rudern im Boot Quelle: ZDF

Als dann in den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts unter den Kaisern Vespasian und Domitian die Reichsgrenze am Oberrhein nach Osten vorgeschoben und die Anfänge des Obergermanisch-Raetischen Limes gelegt wurden, konzentrierten sich die Aktivitäten der Rheinflotte auf Niedergermanien. Dort, wo der Rhein noch Grenzfluss war, also in dem Stromabschnitt zwischen Bad Breisig - wo der Limes vom Rhein weg seinen Ausgang nimmt - und dem Delta, erstreckte sich jetzt das Hauptoperationsgebiet der römischen Marineeinheiten. An der Donau war dagegen eine deutlich längere Distanz zu kontrollieren, für die gleich zwei Flotten, die classis Pannonica und classis Moesica aufgestellt wurden, benannt nach den angrenzenden Provinzen Pannonien und Moesien. Ab der Gegend von Ulm wurde in der Antike die Donau befahren, und dies sollte für die schiffsarchäologische Forschung zur frühen und hohen Kaiserzeit gravierende Folgen haben.

Spektakuläre Neufunde

Lange beschäftigte sich die Wissenschaft weitaus mehr mit dem römischen Landheer und seinen Funktionen als mit der Flotte. Dies lag nicht zuletzt an der ungünstigen Quellenlage, die sich erst im Lauf der 80er und 90er Jahre durch die Verfeinerung der archäologischen Methoden sowie spektakuläre Neufunde grundlegend gewandelt hat. Zwei Fundkomplexe auf deutschem Boden haben hier bahnbrechenden Charakter. Mit den Wracks, die beim Bau eines Mainzer Hotels zutage traten, konnte der spätantike Schiffstyp der lusoria wieder gefasst und rekonstruiert werden. Und wenige Jahre später tat sich auch an der oberen Donau ein Befund auf, der Schlagzeilen machte.

Viele Jahrzehnte schon war das römische Kastell von Oberstimm in der Nähe von Ingolstadt bekannt, erste Grabungen hatten hier bereits 1968 bis 1971 stattgefunden. Als aber 1984 ein neuer Bebauungsplan Teile des Lagers tangierte, wurden die Untersuchungen noch einmal aufgenommen. Und wirklich stieß man zwei Jahre später einen Steinwurf weit entfernt von den Befestigungsanlagen auf die Reste einer hölzernen Anlegestelle. Vor dieser Pier entdeckte man die Wracks zweier römischer Schiffe, die augenscheinlich zum gleichen Typ gehörten.

Sensationell guter Zustand

Experten mit Wrack eines römischen Schiffs
Experten mit Wrack eines römischen Schiffs Quelle: ZDF

Offensichtlich handelte es sich um Militärschiffe, die in römischer Zeit ohne Ladung beziehungsweise Ballast gefahren wurden. Infolgedessen blieben die meisten auch nach der Außerdienststellung oder Zerstörung an der Wasseroberfläche und sanken nicht wie havarierte Handelsschiffe wegen einer schweren Ladung in den schlammigen Grund, wo Holz unter Sauerstoffabschluss über viele Jahrhunderte erhalten bleiben kann. Daher sind solche Exemplare aus der Antike sehr selten. Angesichts eines derartigen Handicaps befanden sich die beiden Schiffe aus Oberstimm in einem geradezu sensationell guten Zustand, ihr Wert für die Erforschung der antiken Schifffahrt kann deshalb kaum überschätzt werden. Der Vorsicht der Archäologen ist es zu danken, dass man den Fund erst einmal im nassen Boden ruhen ließ, bis ein Absinken des Grundwasserspiegels die Bergung notwendig machte.

Römerschiff auf Fluss
Römerschiff auf Fluss Quelle: ZDF

Im Mai 1994 wurden die Wracks dann nach allen Regeln der Kunst geborgen und von den Spezialisten des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz in mehrjähriger Arbeit analysiert und konserviert. Endlich konnte man ernsthaft an die Erforschung eines Schiffstyps vom Ende des 1. Jahrhunderts gehen, der bei der Verteidigung der Stromgrenzen Roms, des "Nassen Limes", eine Rolle gespielt hat. Beide Wracks lassen sich mit dendrochronologischen Methoden auf etwa 100 n. Chr. datieren. Heute befinden sich die Überreste im neu geschaffenen Kelten-Römer-Museum in Manching, wo sie nahe der Pier, die fast 1900 Jahre ihren "Liegeplatz" darstellte, ein Glanzstück der Dauerausstellung bilden.

Leistungsvermögen auf dem Prüfstand

Bei einer Länge von circa 16 Metern mit einer Reihe von Riemen auf jeder Seite wurden diese Schiffe von 18 bis 20 Ruderern angetrieben, bei günstigem Wind konnte ein Segel gesetzt werden. Die Nut- und Federbauweise kennen wir aus dem Mittelmeerraum. Bis dato war jedoch die Frage nach dem Leistungsvermögen derartiger Schiffe völlig offen. Niemand war in der Lage zu sagen, wie schnell eine Besatzung lernen konnte, mit einem so hochentwickelten Fahrzeug umzugehen, welche Geschwindigkeiten zu erzielen waren, wie gut es zu manövrieren war und wie effektiv das Segel auf den Strömen des alten Germanien eingesetzt werden konnte.

Antworten auf diese Fragen könnten weitreichende Erkenntnisse über die Etablierung der römischen Herrschaft auf germanischem Boden geben. Dies war schließlich der Anreiz für Wissenschaftler der Universität Hamburg in Kooperation mit Kollegen anderer Forschungsinstitute, ein solches Schiff in Originalgröße zu rekonstruieren. Da die herkömmlichen Quellen schweigen, lassen sich neue Ergebnisse hier eben nur mit den Mitteln der Experimentellen Archäologie gewinnen.

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