Die Aunjetitzer Kultur

Aufstieg, Reichtum und Ende einer Gesellschaft

Vor mehr als viertausend Jahren entfaltet sich in der Mitte des heutigen Deutschland eine bäuerliche Kultur. Auf guten Böden gedeihen Frieden und Wohlstand über einen Zeitraum von 700 Jahren. Wissenschaftler sichern Spuren einer verschwundenen Gesellschaft, die die Himmelsscheibe von Nebra hervorbrachte.

Siedler zur Zeit der Himmelssscheibe
Siedler zur Zeit der Himmelssscheibe Quelle: ZDF/Susanne Dittmann

Ein böhmischer Arzt und Freizeitarchäologe legt 1879 in der Nähe von Prag zwei Friedhöfe aus vorgeschichtlicher Zeit frei. Vorbildlich dokumentiert er seine Funde und veröffentlicht ausführliche Berichte. Aufgrund dieser Arbeit können andere Forscher ähnliche Funde einordnen. Sie entdecken eine eigenständige Kultur, die sie nach dem böhmischen Dorf benennen, bei dem der Arzt gegraben hatte: Aunjetitzer Kultur.

Nur in Befunden fassbar

Über die Menschen, die in der Zeitspanne von 2300 bis 1600 vor Christus diese Kultur geschaffen und mit Leben erfüllt haben wissen wir wenig. Nur in den Befunden der Archäologen werden sie für uns fassbar. Nach der Häufigkeit ihrer Hinterlassenschaft lag das Siedlungsgebiet der so genannten Aunjetitzer im Wesentlichen in den fruchtbaren Regionen des Ostharz, im heutigen Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Gefäße zu Zeiten der Himmelsscheibe
Keramikgefäße zu Zeiten der Himmelsscheibe

Ein deutliches Merkmal der im Kern bäuerlichen Bevölkerungsgruppe ist die Gemeinsamkeit ihrer Grab- und Beerdigungsformen. Verstorbene wurden in flachen Gräbern auf der rechten Körperseite und in Hockstellung wie zum Schlaf beigesetzt. Ihr Blick geht nach Osten zur aufgehenden Sonne, die in Ihrer Vorstellung eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Das Hockergrab und die beigefügten Keramikgefäße weisen auf die Verbindung mit der älteren jungsteinzeitlichen Kultur der Schnurkeramiker hin.

Entwicklung der Keramik

In den Gefäßen wurden den Verstorbenen Speise und Trank auf den Weg ins Jenseits mitgegeben. Da diese Sitte über 700 Jahre beibehalten wurde, bietet die Entwicklung der Keramik eine sichere Orientierungshilfe für die Datierung zum Beispiel in Siedlungen oder bei Hortfunden. Neben allen möglichen Gefäßformen sind besonders die Aunjetitzer Tassen typisch. In der Frühzeit noch gerundet und kugelbäuchig, werden sie zunehmend kantiger im Profil. In der letzten Phase besitzen sie einen scharfen Knick zum abgeflachten Boden hin.

Über das Alltagsleben in den Häusern und Dörfern wissen Forscher bisher nur wenig. Doch wenn Siedlungsreste in Zusammenhang mit dem Braunkohleabbau oder bei Verkehrsplanungen aufgefunden werden, können Archäologen im Wettlauf mit der Zeit und oft in Notgrabungen wichtige Funde sichern. Demnach besaßen die Menschen der Aunjetitzer Kultur eine Art Standard-Haustyp: Ein Langhaus, meist mit zweischiffigem Grundriss. Die Breite betrug selten mehr als sieben Meter, die Länge variiert zwischen 20 und 25 Metern. Doch es sind auch wesentlich längere Häuser bekannt.

Zunehmend Metallfunde

Viele Gerätschaften und auch Speichergebäude, Abgrenzungen und Brunnen warten in den Magazinen auf schlüssige Bearbeitung durch die Wissenschaftler. Aus der Zeit nach dem Jahr 2000 treten zunehmend auch Metallfunde auf. Bei den Gräbern spiegelt sich eine Ausdifferenzierung der Bevölkerung in Arm und Reich. Neben schlichten, später einfachen Bestattungen entstehen für Einzelne reich ausgestattete "Fürstengräber", Zeugen vom herausragenden Rang, den sie in der Gemeinschaft besaßen.

Zahlreiche Hortfunde

Händler zur Zeit der Himmelsscheibe
Händler zur Zeit der Himmelsscheibe Quelle: ZDF/Susanne Dittmann

Die Mehrzahl der Menschen arbeitete in der Landwirtschaft. Doch durch das Kerngebiet der Aunjetitzer führen bedeutende Fernhandelsrouten, besonders zwischen Südosteuropa und dem Norden. Mit den Händlern kommen neue Waren, besonders Rohkupfer und später die begehrte Bronze. Und es kommen Menschen, die wissen, wie das Metall verarbeitet wird. Viele gefundene Metallgegenstände beweisen den wirtschaftlichen Reichtum der Aunjetitzer Kultur. Sie stammen weniger aus Gräbern, sondern in der Mehrzahl aus Hortfunden, auch Depotfunde genannt.

Hortfunde gibt es in ganz Nordeuropa. Doch in der Region um Halle an der Saale und an Ostrand des Harz ist die Funddichte vergrabener Schätze besonders auffällig. Horte bestehen aus bronzenem Werkzeug, Ringen, Waffen, Barren und später auch aus Metallbruch. Forscher vermuten: Die Depots waren Lager reisender Händler oder einfach eine Art "Sparkasse", die "Notgroschen" derer, die sie angelegt haben.

Opfer für die Götter

Doch: Wie bei der Keramik gibt es auch bei den Horten eine zeitliche Entwicklung. Und: Horte wurden nicht wahllos zusammengestellt. Am Anfang, zur Blütezeit der Aujentitzer Kultur, waren es besonders kostbare Gegenstände von großem auch symbolischem Wert, sorgfältig gearbeitete Beile etwa, die im Depot vergraben wurden. Und oft war es nicht nur ein Beil, sondern mehrere gleiche, was den Wert entsprechend vergleichbar erhöhte. Heute sind die Archäologen überzeugt: Horte waren Opfer für die Götter.

Ein Angebot und Gegenwert für erwarteten Schutz und Hilfe. Depotfunde aus der späteren Bronzezeit stützen diese Vermutung. In ihnen spielt der Symbolgehalt der Gabe keine Rolle mehr, sondern nur das Gewicht, der messbare Wert des Metalls. In Ihrer Gesamtheit geben die Hortfunde auch Auskunft über die Entwicklung des Zahlungsmittels im Tauschverkehr. Steht zu Beginn ein hoher ideeller Wert des Gegenstands, so zählt später das reine Gewicht des Metalls und am Ende stehen Spiralen und Ringe aus Bronze, beinahe standardisierte Zahlungsmittel im Handel zwischen Menschen und Göttern.

Der Himmel wird begraben

Grabbeigaben Fürst von Leubingen
Grabbeigaben Fürst von Leubingen

Mit dem vermehrten Aufkommen von Bronze beginnt die über einen langen Zeitraum stabile Gesellschaft der Aunjetitzer sich zu verändern. Aus dem Gleichmaß der Bestattungen fallen jetzt einige so genannte "Fürstengräber" heraus, die sich durch überreiche Ausstattung von den üblichen Gräbern abheben. Der "Fürst von Leubingen" wird aufgrund der Schmiedeutensilien, die seinem Grab beilagen mit der Bronzeverarbeitung in Verbindung gebracht. Sein Todesjahr: 1942 vor Christus. Er könnte an der Herstellung der Himmelsscheibe von Nebra beteiligt sein. Nebra und Leubingen liegen nahe beieinander.

Einerseits steigt der Reichtum in der Region durch die Verarbeitung der Bronze. Der Export der gefertigten Waren geht weit über die Grenzen der Aunjetitzer Region hinaus. Doch zugleich setzt eine Umbruchzeit und Niedergang ein, die sich auch am Schicksal der Himmelscheibe ablesen lässt. Nach wenigen Generationen der Nutzung wird sie den Göttern geopfert und in einem Hort beigesetzt. Der Beifund weist in seiner Art und Anzahl Ähnlichkeiten mit dem Grab von Leubingen auf. Doch diesem Grab fehlt der Tote.

Handel mit den Göttern geht nicht auf

Der größte Schatz, den die Aunjetitzer Kultur hervorgebracht hat wird den Göttern geopfert. Doch die Götter halten ihren Teil des Handels mit den Menschen nicht ein. Die Landwirtschaft leidet unter einer Klimaverschlechterung. In der Ausprägung der Bronzegeräte macht sich die Formensprache einer neuen Leitkultur bemerkbar, die Hügelgräberkultur der mittleren Bronzezeit. Mit ihr geht auch die Zahl der Hortfunde zurück. Während die Aunjetitzer Kultur nach 1600 vor Christus in ihrem Kerngebiet beinahe spurlos verschwindet, bleiben die von ihr geprägten Techniken der Bronzebearbeitung im Alpenbereich erhalten.

Im Norden, der seine Metalltechnologie durch Handel über den Ostharz bezogen hatte, begründete die Aunjetitzer Kultur eine reiche eigenständige Entwicklung. Das Ende des Volkes der Himmelsscheibe bleibt im Dunkeln. Bisher fanden sich keine Anzeichen eines gewaltsamen Untergangs. Vielleicht haben sich die Menschen auch einfach nur von ihren Göttern abgewandt und der neuen Kultur angeschlossen. Doch sie hinterließen Spuren und mit der Himmelsscheibe von Nebra einen großen Schatz, einen Datenchip aus der schriftlosen Frühzeit, auf dem verschlüsselt ein großes Wissen verzeichnet ist.

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