Die Auswanderungs-These

Siedler-Trecks auf dem Weg nach Osten

Den Brüdern Grimm ist es zu verdanken, dass alle Motive der jahrhundertealten Rattenfängersage in ihrer Version "Die Kinder zu Hameln" enthalten sind. Die Autoren schöpften aus elf verschiedenen Quellen.

Dabei betonen die Grimms in ihrer Vorrede ausdrücklich, dass sie die Hilfsmittel sorgfältig ausgewertet haben - nach der Devise "so wahr wie möglich". Doch mit der akribischen Zusammenstellung aller Informationen haben sie die Geschichte noch undurchschaubarer gemacht. So steht der "Rattenfänger" neben dem "Pieper" und der "Berg" neben der "Höhle", die nach "Siebenbürgen" führt.

Quälende Frage



Vielleicht beantwortet die flüchtige Erwähnung des Ortes die quälende Frage nach dem endgültigen Verbleib der 130 Kinder. Vielleicht waren sie gar keine Opfer, die ein teuflischer Pfeifer ins Verderben lockte. Sondern junge Städter, die ihre Siebensachen packten und die Heimat in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft freiwillig verließen. Aber wohin sind die entschlossenen Auswanderer gezogen? Bekannt ist, dass im 13. Jahrhundert ein großer Treck von Siedlern den Weg nach Osten antrat.

Der einzige Namensforscher Deutschlands, Professor Udolph, glaubt sogar zu wissen, wo die Hamelner ein neues Leben anfingen. Er unternahm eine sorgfältige Analyse der Orts-, Flur und Personennamen im Weserbergland und suchte auf der Karte nach Entsprechungen im Osten. Das Resultat ist erstaunlich.

Historisches Ereignis




Ein historisches Ereignis stützt die Auswanderungs-These. Das Verschwinden der Hamelner fiel in die Zeit, als die dänische Vormachtstellung vorüber war und der Weg nach Osten offen stand. Rund eine Million Menschen machten sich im Mittelalter auf den Weg ins Ungewisse. Meist junge Erwachsene, die noch Mut zum Risiko zeigten. Sie wollten der Enge in den überfüllten Städten entfliehen und waren dafür bereit, Eltern und Verwandte zurück zu lassen. Im Gepäck nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch die Erinnerung an ihre Wurzeln.

Um sich in der Fremde schneller heimisch zu fühlen, nannten sie die neu gegründeten Niederlassungen häufig genauso oder ähnlich wie den Ort, aus dem sie stammten. Die Namen haben sich demnach zwar nicht immer buchstabengetreu erhalten. Aber der Ursprung ist nicht zu verleugnen. So wurden aus Beverungen und Hamelspringe knapp 500 Kilometer weiter östlich die Städte Beveringen und Hammelspring. Im Licht des Siedler-Dramas erhält auch der Kinderfänger eine völlig neue Bedeutung.

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