Die Bautechnik der Khmer

Neue Techniken mit strengen Vorgaben nach religiösen Gesetzen

Die Baupläne der Angkor-Tempel folgen streng geometrischen Mustern und berücksichtigen dabei religiöse Gesetze. Die Tempel stellen ein Abbild des Universums im Miniaturformat dar. Trotz aller architektonischen Neuerungen im Laufe der Geschichte des Khmer-Reiches hielt die Baukunst an heiligen Vorschriften fest. Vielleicht erklären sich dadurch auch manche erstaunlichen Eigenarten und Defizite der Bautechnik.

Steine werden flachgeschmirgelt
Steine werden geglättet Quelle: ZDF

Ihre Tempel bauten die Khmer aus Stein und Ziegel. Sie verwendeten keinen Beton wie die Römer, aber Putz und Kalkstuck, um die Mauern zu glätten und zu verzieren. In der Frühzeit des Khmer-Reiches stellte Ziegel das bevorzugte Baumaterial dar. Im Schwemmland um Angkor war ausreichend Ton als Grundstoff für die Herstellung vorhanden. Noch heute trifft man bei Fahrten durch das Land immer wieder auf Ziegeleien. Ein Klebstoff, wahrscheinlich aus Kalk und Pflanzensäften, die mit Ziegelmehl vermischt werden, klebt die Einzelziegel so zusammen, dass sie fast wie ein ganzes Teil aussehen.

Naturstein statt Ziegel

Noch heute, nach vielen hundert Jahren, sind die Ziegel oft sehr schwer zu trennen. Auf diese Weise konnten die Steinmetze der frühen angkorianischen Zeit die Ziegelwände nach dem Aufmauern wie ein Monolith mit Reliefs und Dekorationen schmücken und diese später mit Stuck überziehen. Architektonische Details wie Fenster- und Türgewände wurden schon früh aus Naturstein gefertigt und ebenfalls mit Steinmetzarbeiten verziert. Später verdrängte der Naturstein dann allmählich den Ziegel als Baumaterial.

Shiva-Relief in Angkor Wat
Shiva-Relief in Angkor Wat Quelle: ZDF

Die Khmer-Baumeister verwendeten fast ausschließlich zwei Formen des Natursteins: Laterit und Sandstein. Laterit ist ein Gestein, das in tropischen Gegenden durch die Verwitterung anderer Gesteine entsteht. Im Bereich von Angkor fanden ihn die Khmer fast überall. Sie konnten ihn leicht abbauen, da er in feuchtem Zustand gut zu schneiden ist. Aber er ist löchrig und uneinheitlich, kein Material für feine dekorative Elemente. Die sorgfältigen Baumeister der Angkor-Periode waren wählerisch mit dem Baumaterial: Sie verwendeten den leicht zu beschaffenden Laterit nur für die Außenmauern und Unterkonstruktionen der Tempel. Für die Fassaden und Wände der Tempel war ihnen nur das edle Material, der Sandstein, gut genug. Dieser lässt sich exakt bearbeiten, und die Fugen können glatt geschliffen werden - eine Vorbedingung für die Bauweise der Khmer. Als hervorragendes Material für Bildhauereien erlaubte der Sandstein den Khmer-Künstlern, ihre wertvollen Reliefs und Dekorationen auszuarbeiten.

Logistische Herausforderung

Einen Nachteil freilich hat das Material: Man findet es nicht im näheren Umkreis der Tempel, sondern erst 40 Kilometer in nordöstlicher Richtung, wo es in den Kulen-Bergen abgebaut werden kann. Außerdem ist der Abbau von Sandstein um einiges schwieriger als der des Laterits. Keine leichte Aufgabe für die Khmer-Bauherren. Wie konnten sie die gigantischen Kubaturen des begehrten Materials gewinnen und dann zur Baustelle transportieren? Schon 1609 machte sich der portugiesische Mönch João dos Santos Gedanken darüber: "Noch erstaunlicher aber ist die Tatsache, dass es in dieser ganzen Gegend keine Steine gibt, und um diese Bauten zu errichten, mussten sie aus einer Entfernung von dreißig Meilen herangeschafft werden."

Wie die gesamte Khmer-Kultur basierte auch ihre Bautechnik zunächst stark auf indischen Einflüssen, die während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung in das Land kamen. Allmählich aber lösten sich die Baumeister und Bildhauer der Khmer vom indischen Vorbild und entwickelten einen eigenen, unverkennbaren Stil. Anders als in Indien, wo viele Vorschriften für Sakralbauten erhalten sind, ist in Kambodscha bislang kein entsprechendes Regelwerk gefunden worden. Dennoch folgen die Baupläne der Tempel streng geometrischen Mustern und berücksichtigen dabei religiöse Gesetze. Ein Tempel der Khmer-Zeit stellt ein Abbild des Universums im Miniaturformat dar. Aber nicht nur die Tempel wurden nach genauen Bauvorschriften gestaltet, auch der Städtebau folgte strengen Regeln.

Defizite der Bautechnik

Trotz aller architektonischen Neuerungen im Laufe der Geschichte des Khmer-Reiches hielt die Baukunst an diesen heiligen Vorschriften fest. Vielleicht erklären sich dadurch auch manche erstaunlichen Eigenarten und Defizite der Bautechnik. So verwundert es doch, dass die in der Ingenieurkunst so hoch entwickelten Khmer-Baumeister Holzbautechniken in eine Steinarchitektur übernahmen und nicht anpassten. Schwer verständlich ist auch, dass sie nicht für eine ausreichende Verzahnung der Steinquader oder Ziegel sorgten.

Baumwurzeln
Baumwurzeln Quelle: ZDF

Warum sind ihre gigantischen Bauten so unzulänglich fundamentiert? Und warum kennt die Architektur der Khmer - sei es bei den Tempeln, sei es bei Profanbauten wie Brücken - keine richtigen Gewölbe, sondern nur die so genannten Kraggewölbe, bei denen die die Bausteine in jeder Lage weiter nach innen geschoben werden, bis sie in der Mitte zusammentreffen? Durch solche Baupraktiken ist der Grundstein für statische Instabilitäten und somit für den Zerfall der Bauten gelegt. Diese bautechnischen Defizite ebenso wie die archaisch erscheinenden Methoden des Steinabbaus stehen in einem krassen Gegensatz zu der hoch entwickelten Wasserbautechnik. Ist das wirklich nur Unvermögen? Es fällt schwer, das zu glauben.

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