Die Bibel ist kein Geschichtsbuch

... aber sie muss geschichtlich verstanden werden

Die Erzählungen der Bibel, insbesondere diejenigen, die sich in den so genannten fünf Büchern Moses finden, sind keine Aufzeichnungen von Augenzeugen, die geschichtliche Begebenheiten zu Papyrus gebracht haben. Im Gegenteil, die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob sind keine historischen Gestalten, sondern legendäre Figuren mit Hilfe derer das frühe Judentum der Perserzeit über seine Ursprünge nachdenkt.

Auch Moses und der Exodus sind für den Historiker schwer zu greifen. Der Auszug aus Ägypten, so wie er in der Bibel beschrieben ist, hat keinerlei historische Plausibilität. Er ist zudem in keiner ägyptischen Quelle greifbar. Sollte man deshalb davon ausgehen, dass diese Geschichten der Bibel einfach der Fantasie irgendwelcher Priester oder Schriftgelehrter entsprungen sind?

Bibel ist Traditionsliteratur

Prof. Thomas Römer, Bibelwissenschaftler
Bibelwissenschaftler Prof. Thomas Römer Quelle: ZDF/Ralf Gemmecke

Eine solche Annahme ist unhaltbar, und zwar aus dem einfachen Grund, dass die biblischen Erzählungen keine Autoren- sondern Traditionsliteratur sind. Die Erzählungen über Moses gehen auf alte Überlieferungen zurück, die zunächst mündlich und dann schriftlich tradiert wurden, wobei sie auch immer wieder Veränderungen und Aktualisierungen erfuhren. Das bedeutet, dass die Moseserzählungen mit der nötigen Vorsicht zumindest teilweise historisch ausgewertet werden können. Es ist zum Beispiel kaum plausibel anzunehmen, dass Moses Beziehungen zu den Midianitern frei erfunden seien, da diese in anderen Texten der Bibel als Feinde Israels beschrieben werden.

Daraus folgt, dass die Erzählung im Buch Exodus (Kapitel 18), in welcher Moses Schwiegervater, der midianitische Priester Jethro, dem Gott Jahwe Opfer darbringt, noch bevor sich dieser den Hebräern offenbart, eine Erinnerung daran bewahrt, dass der Gott Jahwe ursprünglich von midianitischen und verwandten Stämmen im Süden der Levante verehrt wurden. Diese Annahme wird auch von anderen poetischen Texten bestätigt, nach welchen Jahwe vom Süden kommt und erst dann zum Gott Israels wird, indem er von verschiedenen Stämmen als solcher akzeptiert wird (Deuteronomium 33,1-5).

Gestalt des Moses als Mittler stilisiert

Solche Rekonstruktionen bleiben natürlich hypothetisch. Die Erzählungen über Moses und die Offenbarung Gottes am Berg Sinai stammen in ihrer jetzigen Form frühestens aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (587 vor Christus), dem Ende des judäischen Königtums und der Zwangsumsiedlung bestimmter Bevölkerungsschichten nach Babylon, wurde die Gestalt des Moses dahingehend stilisiert, dass er als Mittler zwischen Gott und Jahwes Volk den König ersetzte, indem er in der Wüste in einem "No man's land" die göttlichen Gesetze übermittelte. Normalerweise werden im Alten Vorderen Orient die Gesetze von den Göttern dem König übermittelt. In der Bibel ist dies nicht der Fall.

Alle Weisungen Jahwes ergehen durch die Miitlerschaft Moses und sind nicht an eine politische Institution noch an ein bestimmtes Land gebunden. Damit erfindet das entstehende Judentum im Grunde bereits die Trennung von "Kirche" beziehungsweise "Synagoge" und Staat. Die Fünf Bücher Moses werden zu einem "portativen Vaterland" (Heinrich Heine), in dem die Juden, wo immer sie auch sind (Palästina, Babylon, Ägypten) eine Heimat und Identität finden können. Der Dekalog geht nicht auf Moses zurück, sondern wurde in der Perserzeit als eine Art Zusammenfassung aller Vorschriften des Pentateuchs konzipiert. Das zeigt sich bereits am Gebot der Sabbatruhe. Vor dem babylonischen Exil war der Sabbat das Fest des Neumonds und wurde erst im 5. Jahrhundert vor Christus zu einem wöchentlichen Ruhetag umfunktioniert.

Doppelte Bedeutung des Sabbats

Interessanterweise werden in den zwei Versionen des Dekalogs, die in der Bibel überliefert sind (Exodus 20 und Deuteronomium 5), zwei verschieden Gründe für die Einhaltung des Sabbatgebots angeführt. In Exodus 20 wird der Sabbat mit Gottes Ausruhen nach der Schöpfung der Welt begründet, in Deuteronomium 5 hingegen wird sozial argumentiert: Die Israeliten sollen auch die Sklaven ruhen lassen, waren sie doch selbst Sklaven in Ägypten. Die doppelte aber nicht identische Überlieferung schreibt die Vielfalt der Theologien und Interpretationen in die Bibel ein. Damit wird ein literalistisches Verständnis der heiligen Schrift unmöglich.

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