Die Damen aus Grab 35

Sind die Mumien die Mütter von Tutenchamun und Echnaton?

Ein Vergleich der beiden Schädel soll Aufschluss über die Identität der beiden Mumien aus Grab 35 geben. Die jüngere ist mit Sicherheit nicht Nofretete, doch wer die beiden Mumien sind - darauf haben die Wissenschaftler bisher noch keine Antwort. Im Labor startet das forensische Team mit dem Vergleich.

Zwei Mumien

Der Radiologe Dr. Ashraf summiert die offensichtlichen Merkmale. Erstens: Die Mumifizierung weist sie eindeutig als Mitglied des Königshauses aus. Zweitens: Eine Besonderheit springt sofort ins Auge - eine riesige klaffende Wunde in der Wange. Wann und von wem wurde sie so grauenvoll verletzt? Waren es Grabräuber lange nach ihrem Tod? Wollten sie die Mumie aus der Königsfamilie schänden? Sollte es Nofretete treffen?

Hinweise auf Verletzung vor dem Tod

Auch die Ergebnisse der Computertomografie (CT) deuten auf eine Verletzung vor dem Tod hin. Ein weiterer Hinweis ist der zerschmetterte Oberkiefer, doch es finden sich keine zugehörigen Knochen- oder Muskelstücke in den Binden. Stattdessen sehen die Radiologen auf den CT-Aufnahmen dass tief in der Nasennebenhöhle Knochenfragmente und Zahnstücke stecken. Der Hohlraum ist mit Material zum Einbalsamieren ausgefüllt, das die Wunde abdeckte.

Zuerst wurden Knochen und Zähne zerschmettert und erst dann die Mumie einbalsamiert. Das lässt den Verdacht zu, sie könnte ermordet worden sein. Ein Schlag mit einem harten Gegenstand muss sie am Kopf getroffen haben. Knochenfragmente sind nachweislich bis in ihren Schädel gedrungen. Die ägyptischen Einbalsamierer reinigten die Wunde und versteckten das Loch unter Harz und Füllmaterial. Das Team stößt noch auf eine weitere Verletzung neben dem Herzen. Bei der Betrachtung des Kiefers entdeckt Dr. Ashraf Anzeichen eines Blutergusses. Er kann sich nach einer Verletzung nur bilden, wenn die Person noch am Leben ist. Dies ist ein starker Hinweis auf einen tödlichen Schlag - es spricht tatsächlich für einen tragischen Unfall oder Mord.

Mehrere Besonderheiten

Wer könnte die Mumie gewesen sein? Der Schädel der jüngeren Dame ist nicht langgestreckt wie der von Echnaton. Doch auch er weist mehrere Besonderheiten auf. Auf der Rückseite ist er asymmetrisch. Links ist er unterentwickelt. Hinten im Schädel fällt ein ungewöhnlicher Knochen auf. Zwischen den beiden Platten erscheint er wie ein kleiner Sporn. Eine vergleichbare Anomalie ist nur von einem Mitglied des Amarna-Königshauses bekannt: Tutanchamun.

Ist die jüngere Dame die Mutter von Tutanchamun? Nofretete war nicht die einzige Frau von Echnaton. Wie die meisten Pharaonen nahm auch er eine Nebenfrau. Ihr Name war Kija, vielleicht eine Prinzessin aus einem fernen Land. Sie erhielt den Beinamen "Große Geliebte Frau". Wer weiß, was das Eintreffen der Neuen bei Nofretete und am Hofe auslöste. Schließlich hatten Echnaton und Nofretete zwar sechs Töchter - aber keinen männlichen Erben.

Ist Kija die jüngere Mumie...

Schon kurz nach ihrer Ankunft gebar Kija Pharao Echnaton einen Sohn. Ein gemeinsames Kind, das vielleicht zu Tutanchamun heranwuchs. Keiner weiß, wie Nofretete darauf reagierte. Möglicherweise sah sie Kija und ihren kleinen Sohn als Rivalen um die Herrschaft an und riss den männlichen Thronfolger an sich, um ihn als ihr eigenes Kind aufzuziehen. Schmiedete sie am Ende sogar ein Mordkomplott ? Kija verschwand im 12. Regierungsjahr Echnatons, etwa zu der Zeit als Tutanchamun geboren wurde. Niemand weiß, was mit Kija geschah. Die Mumie der jüngeren Dame könnte tatsächlich Kija sein.

Nach den bisherigen Ergebnissen erwarten Zahi Hawass und sein Team auch einen schlüssigen Hinweis auf die Identität der älteren Dame. Einige Ägyptologen sehen in ihr die Mumie der Nofretete. Die ersten CT-Aufnahmen scheinen diese Annahme zu stützen. Die ausgeprägte Oberlippenrinne, der markante Kiefer, die feine Nase, die hohen Backenknochen und der charakteristische Schwanenhals. Der linke, noch am Körper befindliche Arm ist in typisch königlicher Haltung angewinkelt.

...und Teje die ältere Mumie?

Die Mumifizierung ist eindeutig der 18. Dynastie zuzuordnen. Im Detail ist sie besser als die der jüngeren Dame. Doch der CT liefert Fakten, die nicht für Nofretete sprechen: Eine Degenerierung der Knochen besonders am Knie. Das geschätzte Alter liegt zwischen 40 und 60, zu hoch für Nofretete. Aber es passt genau auf Königin Teje, die Mutter Echnatons. Historiker schätzen ihre Lebenszeit auf etwa 50 - was mit den Ergebnissen des CTs übereinstimmt. Auch physiognomische Besonderheiten weisen auf Teje.

Ein verblüffend schlagkräftiger Beweis für diese Theorie stammt aus überraschender Quelle: dem Grab des Tutanchamun. Dort fand sich ein Miniatursarg mit dem Namen von Königin Teje. Darin befanden sich geflochtene Haarsträhnen. 1978 unterzogen Wissenschaftler diese Haare einer Elektronenstrahlmikroanalyse. Dann nahmen sie eine kleine Probe vom Schopf der Älteren Dame. Sie stimmten überein. Auch die zweite Mumie ist nicht Nofretete, sondern Tutanchamuns Großmutter. Eine äußerst wichtige Persönlichkeit der Amarna Dynastie. Teje war eine der bedeutendsten Königinnen des Alten Ägyptens. Auch sie hatte große Macht inne. Vielleicht spielte sie in dem Augenblick eine Schlüsselrolle, als Amarna seinen Höhepunkt überschritten hatte und der unvermeidliche Niedergang begann.

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