Die Entdeckung des Unsichtbaren

Wie man dem Schwarzen Tod auf die Schliche kam

Die Grenzen der sichtbaren Wirklichkeit haben sich in den letzten Jahrhunderten immer weiter hinausgeschoben. Dank Vergrößerungstechnik blicken wir in den Mikrokosmos, in die Welt der Einzeller, Bakterien und Viren. Im Spätmittelalter hingegen kannten die Menschen noch keine Krankheitserreger. Wie aber begegnet man einer unaufhaltsam um sich greifenden tödlichen Seuche, wenn die Ursache unbekannt ist?

Im 14. Jahrhundert ahnten die Menschen noch nichts von unsichtbaren Lebewesen, die Krankheiten übertragen. Die Pest, eine geheimnisvolle Seuche, deren Herkunft niemand deuten konnte, verbreitete sich von den Mittelmeerinseln aus in ganz Europa. In großen Städten wie London fiel die Hälfte der Bevölkerung dem sogenannten Schwarzen Tod zum Opfer.

Spekulation über die Ursachen

Planetenkonstellation im Wassermann (Animation)
Eine seltene Planetenkonstellation wurde als göttliches Zeichen gedeutet.

Eines der häufigsten Erklärungsmuster für Unheil und Seuchen waren Planetenkonstellationen. So forschte man verzweifelt nach Zeichen am Himmel. König Philipp VI. von Frankreich veranlasste eine Untersuchung, die die Ursache der Pest klären sollte. Und tatsächlich fanden die Gelehrten einen Anhaltspunkt: Drei Jahre zuvor hatten sie im Sternzeichen Wassermann eine besondere Planetenkonstellation verzeichnet. Die auffällige Anordnung von Mars, Jupiter und Saturn deuteten sie als göttliches Signal. Vor allem Saturn gilt seit jeher als Unheilsverkünder. Der Himmel muss die Pest geschickt haben, als göttliche Strafe, so das Fazit.

Ebenfalls populär war die Lehre von den Miasmen: giftige Ausdünstungen aus dem Boden, die sich als üble Gerüche über die Luft verbreiten. Immerhin bewirkte diese Theorie zur Erklärung der Seuche, dass Quarantänemaßnahmen eingeführt und Kranke isoliert wurden. So ließen sich einige Pestherde regional begrenzen. Aber erst im 19. Jahrhundert gelang es, die wahre Ursache der Pest zu finden: 1894 untersuchte der Mediziner Alexandre Yersin Gewebe aus den Beulen von Pestopfern unter dem Mikroskop. Zum ersten Mal erblickte ein Mensch den Auslöser des Schwarzen Todes – das Bakterium, das später seinem Entdecker zu Ehren Yersinia pestis getauft wurde.

Erreger und Überträger

Das Ratten-Experiment von Paul-Louis Simond
In einem Versuch konnte Simond den Überträger des Pesterregers nachweisen.

Yersin war klar, dass allein das Wissen um den Erreger die Krankheit nicht besiegen konnte. Den entscheidenden Gedanken hatte ein Kollege, Paul-Louis Simond. Ihm war aufgefallen, dass bei Pestausbruch auch Ratten massenweise starben. Simond hatte die Rattenflöhe als Krankheitsüberträger in Verdacht. Denn mit dem Mikroskop ließ sich der Pesterreger auch in den Flöhen nachweisen. In einem Experiment überprüfte er seine Theorie. Dazu sperrte er eine gesunde und eine pestkranke Ratte gemeinsam in einen Versuchsbehälter. Die Tiere hatten keinen direkten Kontakt. Nur die Flöhe konnten die Distanz überwinden. Das Experiment bestätigte Simonds Verdacht, dass die Flöhe die Pesterreger übertragen, denn nach dem Tod der kranken Ratte starb auch die zuvor gesunde.

Mit diesem Wissen läst sich die Verbreitung des Schwarzen Todes im Mittelalter erklären: Mit Schiffen waren die unvermeidlichen Ratten über das Meer nach England gekommen. In ihrem Fell reisten, wiederum als blinde Passagiere, die Flöhe mit den Pesterregern mit. So enthüllte das Mikroskop die wahre Ursache für die Seuchenkatastrophe im Spätmittelalter und veränderte damit unser Weltbild grundlegend.

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