Die Entschlüsselung von Olgino

Erfolgreiches russisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt

Im Sommer 2009 leben Archäologen 14 Wochen lang unter einfachsten Bedingungen in Zelten: Studenten, Doktoren und Professoren. Mehr als 100 Leute sind beteiligt an dem Projekt der Akademie der Wissenschaft in Jekatarinburg und der Goethe-Universität Frankfurt. Sie ziehen an einem Strang, um das Geheimnis der Uralfestungen zu lüften.

Grabung in Olgino
Grabung in Olgino

Das Grabungs-Team ist schon nach wenigen Tagen eingespielt. Bodenkundler Heinrich Thiemeyer untersucht, wie die Erde in Olgino genutzt wurde. War hier immer Steppe? Oder auch Landwirtschaft? Gab es Nutzungsänderungen? Und wann? Schon knapp unter der Grasnarbe stößt Thiemeyer bei einer Bodenprobe auf die Schichten von vor vier Jahrtausenden. Ein erstes Ergebnis: Schwarzerde, dies bedeutet fruchtbarer Boden und somit ideale Verhältnisse für Ackerbau.

Wertvolle Puzzleteile

An einem kleinen See bohren Öko-Archäologen nach Pollenkörnern. Im feuchten Milieu erhalten sie sich über Jahrtausende. So kann man feststellen, ob der Boden damals tatsächlich bewirtschaftet wurde. Der Vergleich mit den Pflanzen von heute ergibt eine lückenlose Vegetations-Chronologie. Die gewonnenen Öko-Daten sind wertvolle Puzzleteile. Sie helfen, ein Bild zu bekommen, warum hier so früh und so plötzlich mitten in der westsibirischen Steppe erste Städte entstanden. Die Biologen sind begeistert von der Artenvielfalt, die sich hier erhalten hat: eigentlich ein Indiz für Nomadenwirtschaft, die die natürlichen Ressourcen schont.

Wie war der Zustand vor und nach der Besiedelung? Findet das Team nach einer weiteren Bodenprobe innerhalb der Siedlung Gräserpollen oder Reste von Nutzpflanzen? Die Pollenproben werden mit einem vierteiligen Sieb geschlämmt. Dabei wird das Geflecht immer feinmaschiger, so dass auch die kleinste Spur gesichert wird. Der Zeitpunkt kann auf 2000 v. Chr. datiert werden - das war zurselben Zeit, als die Festungen gebaut wurden.

Ackerbau und Viehzucht

Rinderknochen aus Olgino

Tierknochenfunde stecken nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche. Ein Hinweis, dass die Siedlungen nicht sehr lange existierten. In einem Labor in Jekatarinburg soll das Tier bestimmt werden, das hier vor vier Jahrtausenden weidete. Nach einer gründlichen Reinigung bestimmt eine Spezialistin das Stück anhand einer Vergleichssammlung mit tausenden Tierknochen aus dem Ural. Wildtiere wie Bären oder Wölfe scheiden schnell aus. Mit geschultem Blick identifiziert sie das Beweisstückals Rinderknochen. Der Abgleich mit einer größeren Datenbank verfeinert die Analyse: Ein wertvoller Zuchtbulle weidete innerhalb der Mauern von Olgino. Die Bewohner betrieben also auch Viehzucht.

Geophysiker Arno Patzelt soll klären, was die Bewohner von Olgino zu verteidigen hatten, warum sie mitten in der Steppe Palisaden und Stadtmauern bauten und sich einigelten. Mit seinem tragbaren Geomagnetometer misst er dazu Anomalien des Erdmagnetfeldes und erkennt so im Boden verborgene Strukturen. Mauern, Gräben, Straßen. Schon nach kurzer Rechenzeit wird der Stadtplan von Olgino erkennbar, mit einem Festungsring wie in der benachbarten Spiralstadt Arkaim. Auch das Gelände innerhalb der Mauern hat der Physiker untersucht und standardisierte, gleich große Häuser entdeckt. Wie in Arkaim gibt es in Olgino keinen Palast, keinen Herrschersitz. Runde Verfärbungen deuten auf Brunnen hin, die sich in jedem Haus neben der Feuerstelle befanden. Abflusskanäle stehen für eine ungewöhnlich hoch entwickelte Wasserversorgung. Die Festung verfügte über Wall und Graben, zwei Tore und 26 etwa 20 Meter lange Häuser, die einer Kriegerelite von 200 Menschen Platz boten. Ein Teil des befestigten Areals war unbebaut.

Hochmobile Krieger

Kurgane bei Olgino

Mit einem Aufklärungsflug erkundet Vermessungsspezialist Martin Schaich das Umfeld der Festung Olgino und fotografiert auffällige Bodenstrukturen. Neben den Grabungsflächen gibt es seltsame Mulden - und zwei Kreise. Es handelt sich um Kurgane, die Gräber der Bewohner von Olgino. Bei einer Grabung außerhalb der Stadtmauer stießen die Forscher auf prachtvolle Bestattungen: geopferte Pferde, Schafe und wertvolle Beigaben, die auf einen hohen Rang des Verstorbenen deuten, der in einer Grabkammer darunter lag. Mit seinen Waffen und Speisen für die Reise insJenseits. In der untersten Kammer befand sich ein Streitwagen. Einzigartig für die Zeit, ein gutes halbes Jahrtausend bevor sie im Alten Ägypten aufkamen. Eine weitere Weltneuheit ist die scheibenförmige Knebeltrense. Mit diesem Zaumzeug lassen sich Pferde leicht lenken. Die Bewohner der Festungsstädte waren offensichtlich hochmobil.

Das Uralgebirge ist einer der geologisch spannendsten Stellen der Erde. Das Gestein birgt hier Hunderte verschiedene Materialien auf engstem Raum; die wertvollsten sind Gold, Diamanten und Edelsteine. Wussten schon die ersten Städtebauer von Arkaim und Olgino um diesen Reichtum, der in dem 2000 Kilometer langen Gebirge verborgen ist? Der Geologe Anatoli Juminow hat dort sonderbare künstlich abgebaute Krater entdeckt. Die Gesteinsproben enthalten Kupferoxid - ein eindeutiger Hinweis auf Kupfererz.

Erzabbau und -verarbeitung

Innerhalb der Siedlung sind Schlacken und Kupfergegenstände geborgen worden. In einem Labor vor Ort werden die Kupfer-Späne mit dem Erz aus dem Krater verglichen. Das Ergebnis: Der geochemische Fingerabdruck ist identisch. Die Kupferbergwerke wurden also von den Steppenkriegern betrieben, das belegen die Proben eindeutig. Neben Ackerbau und Viehzucht beherrschten sie auch den Erzabbau und die -verarbeitung: Ihre prachtvollen Waffen, Sicheln, Beile, Pfeil- und Lanzenspitzen, Streitäxte haben sie in den befestigten Siedlungen produziert. In den unbebauten Flächen arbeiteten die Handwerker innerhalb der befestigten Stadtmauer.

Auf einem Mini-Lkw hat Vermessungsspezialist Martin Schaich einen Laserscanner montiert. Damit wird das Bodenrelief im Umfeld der Stadtmauer zentimetergenau vermessen und die Strukturen geortet, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. Mit seiner mobilen Konstruktion kann Schaich in kurzer Zeit ein großes Areal erfassen. Auch den Bereich der Mulden, die ihm schon beim Flug aufgefallen sind. Die Livebilder des Scanners werden im Computer später verfeinert und Millionen von Daten ausgewertet. Es zeigt sich, dass die Mulden fast bis an die Befestigung von Olgino heranreichen. Das Gebiet ist wie ein Schweizer Käse durchlöchert. Manche Kuhlen sind tiefe künstliche Gruben.

Gold als Intialzündung für die Siedlung?

Abbauspuren in Olgino-Grube

An einer vielversprechenden Stelle versuchen Rüdiger Krause und Martin Schaich herauszufinden, wie und warum die Gruben entstanden sind. Die Abbauspuren im Schacht zeugen von offensichtlich gut ausgebildeten Bergleuten, die Abbautechnik spricht für ein sehr frühes Bergwerk. Die Gesteinsprobe offenbart das Erstaunlichste: Golderz. Das Gold ist Grund genug, sich mit wehrhaften Mauern zu schützen. Das unvergängliche, strahlende Edelmetall war extrem selten und entsprechend wertvoll. Das Vermächtnis der Steppenkrieger beginnt aufzuleuchten. Gold war anscheinend die Initialzündung für die Gründung ihrer Städte. Auf der freien Fläche von Olgino standen wahrscheinlich die Schmelzöfen, um dem Erz Kupfer und Gold, die begehrten Metalle, abzuringen. Der Grabungsbeweis steht noch aus, doch es spricht vieles dafür.

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