Die Erstgeborenen

Gottes heiliger Besitz

In erster Linie bezeichnen Theologen jeden realistischen Erklärungsversuch für das Sterben der Ägypter als absurd. Ernst Axel Knauf, Professor für semitische Philologie und biblische Exegese, nennt die zehnte eine "echte theologische Plage", bei der die Bedeutung der Erstgeburt im Zentrum steht.

Plage 10: Hauch des Todes
Plage 10: Hauch des Todes Quelle: ZDF

Im Alten Testament gelten die ersten Abkömmlinge allen Lebens - ob Mensch, Tier oder Pflanze - als heiliger Besitz Gottes. So müssen ihm als rechtmäßigem Besitzer die reifen Erstlingsfrüchte von Äckern, Weinbergen und Bäumen dargebracht werden, damit die Ernte unter seinem Segen steht. Aber auch aus dem Anbau hergestellte Produkte wie Mehl, neuer Wein, Saft, Öl, Gesäuertes und Brotteig stehen auf der Liste der Abgaben.

Bei den Tieren unterscheidet die Bibel zwischen reinen, die auf dem Opferaltar sterben, und unreinen, die dem Anspruch Jahwes nicht genügen und ausgetauscht werden: "Die Erstgeburt vom Esel sollst du auslösen mit einem Schaf; wenn du sie aber nicht auslöst, so brich ihr das Genick.

Jede Erstgeburt gehört Gott

Beim Menschen aber sollst du alle Erstgeburt unter deinen Söhnen auslösen. Und wenn dich heute oder morgen dein Sohn fragen wird: Was bedeutet das?, sollst du ihm sagen: Der HERR hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt. Denn als der Pharao hartnäckig war und uns nicht ziehen ließ, erschlug der Herr alle Erstgeburt in Ägyptenland, von der Erstgeburt des Menschen bis zur Erstgeburt des Viehs. Darum opfere ich dem HERRN alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, aber die Erstgeburt meiner Söhne löse ich aus. Und das soll dir wie ein Zeichen auf deiner Hand sein und wie ein Merkzeichen zwischen deinen Augen; denn der Herr hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt." (Ex. 13, 13-16)

In Bezug auf die Menschen meint der Begriff "Erstgeborener" fast immer den ältesten männlichen Spross des Vaters. Er kann sich aber auch auf die Mutter beziehen, um klarzustellen, dass es sich nicht um den ersten Abkömmling des Mannes handelt, oder um die Bedeutung der Gebärenden zu unterstreichen: "Heilige mir alle Erstgeburt bei den Kindern Israel; alles, was zuerst den Mutterschoß durchbricht bei Mensch und Vieh, das ist mein." (Ex. 13, 2)

Regeln für den Stammbaum

Hebräische Bibel
Hebräische Bibel Quelle: ZDF

Die Register der biblischen Geschlechter heben die Rolle der Erstgeborenen hervor. Über ihre Linie wird der Familienstammbaum fortgeführt, nicht immer erscheinen weitere Söhne in den Auflistungen mit Namen. Töchter stehen stets hinter ihren Brüdern, selbst wenn die Mädchen vor ihnen geboren wurden. Das Erbrecht bestätigt die Vorrangstellung: Der Älteste erhält doppelt so viel wie seine Geschwister. Stirbt der Stammhalter, kann zwar nie der Titel "Erstgeborener", wohl aber das Erstgeburtsrecht auf den Jüngeren übergehen. Wie die Erzählungen über Jakob, Salomon und David offenbaren, liegt die Entscheidung darüber allein in Gottes Hand.

Sara und Abraham verlassen Ägypten
Sara und Abraham Quelle: ZDF

Auch Männer, die Nachkommen von mehreren Frauen haben, finden in der Schrift praktische Hinweise, wie sie sich zu verhalten haben: "Wenn jemand zwei Frauen hat, eine, die er lieb hat, und eine, die er nicht lieb hat, und beide ihm Kinder gebären, und der Erstgeborene ist von der ungeliebten Frau und die Zeit kommt, dass er seinen Söhnen das Erbe austeile, so kann er nicht den Sohn der Frau, die er lieb hat, zum erstgeborenen Sohn machen vor dem erstgeborenen Sohn der ungeliebten; sondern er soll den Sohn der ungeliebten Frau als den ersten Sohn anerkennen und ihm zwei Teile geben von allem, was vorhanden ist; denn dieser ist der Erstling seiner Kraft, und sein ist das Recht der Erstgeburt." (Dtn. 21, 15-17) Neben besonderer Zuneigung genießt der Älteste auch die Gunst eines speziellen Segens durch den sterbenden Vater, dem er als Oberhaupt der Sippe nachfolgt, sowie das Recht zur Ausübung des Priesteramtes.

Die Opferung Isaaks

Die Erstgeburt jener Tiere, die als makellos und rein angesehen werden wie Rinder, Schafe und Ziegen, fordert Gott als Brand? oder Dankopfer. Für Menschen hält das priesterliche Gesetz eine gnädigere Lösung bereit: Nachdem Jahwe im letzten Augenblick Erzvater Abraham von dem Befehl erlöst hat, seinen einzigen Sohn Isaak zu töten, sind die ältesten männlichen Nachkommen fortan von dem grausamen Ritual ausgenommen. Immerhin müssen sie aber gegen Entgelt ausgelöst werden: "Doch sollst du die Erstgeburt eines Menschen auslösen lassen, und die Erstgeburt eines unreinen Viehs sollst du auch auslösen lassen. Du sollst es aber auslösen, wenn es einen Monat alt ist, nach der Ordnung, die dir gegeben ist, um fünf Silberstücke nach dem Gewicht des Heiligtums, das Silberstück zu zwanzig Gramm." (Num. 18, 15-16)

Abraham und Isaak bereiten die Opferstelle vor
Abraham und Isaak bereiten die Opferstelle vor Quelle: ZDF

Die Verse weisen auf eine spätere Epoche hin, als der Tempel von Jerusalem der zentrale Kultplatz war. Die Auslösung konnte aber auch an jedem beliebigen Ort stattfinden, wie ein im zweiten nachchristlichen Jahrhundert verfasster jüdischer Kommentar zum Buch Exodus besagt. Noch heute bezahlen Eltern den Gegenwert von fünf Silberschekeln am 31. Lebenstag ihres erstgeborenen Sohnes. Zu entrichten ist die Gebühr nur bei einer natürlichen Niederkunft, denn bei einem Kaiserschnitt wird der "Mutterschoß nicht durchbrochen". Nach einer Fehlgeburt ist die Entscheidung eines Rabbiners einzuholen.

Zehnte Plage nicht historisch

Theologe Manfred Görg
Theologe Manfred Görg Quelle: ZDF

Vor diesem Hintergrund versteht Professor Knauf die zehnte Plage als symbolisches Opfer an Gott. Auch Ägypten gehört zu seiner Schöpfungsordnung und schuldet ihm die Darbringung der Erstgeburt, wie sie die Thora verlangt. Da aber die Menschen im Niltal die einschlägigen Gesetze nicht kennen, holt sich Jahwe in der Blutnacht das, was ihm zusteht. Wie die meisten seiner Kollegen spricht auch Professor Manfred Görg nicht von einem historischen Ereignis, sondern von "rhetorischer Dramatisierung in der blumigen Sprache des Alten Orients". Auf den ersten Blick handelt die Story von einem brutalen Gott, der Leben auslöscht, nur um seine Allmacht zu demonstrieren. Doch es geht nicht um den realen Tod von Menschen und Tieren, sondern um die bildhafte Zerstörung aller Gefahren, die den Israeliten drohen. Die Verfasser der Erzählung greifen Motive auf, die den Ägyptern seit der Pyramidenzeit vertraut waren.

Was der Ausdruck "Schlagen der Erstgeburt" meint, illustrieren Reliefs auf zahlreichen Tempelwänden. Sie zeigen, wie der Pharao den Feind mit der Keule "schlägt". Die Szene gehört praktisch zum Kanon altägyptischer Steinmetzkunst. Ebenso bekannt war die Redewendung als literarischer Topos. Wenn jemand sagte, er selbst oder die Götter wollten das Böse mit Stumpf und Stiel ausrotten, benutzte er die Floskel von der "Vernichtung der Erstgeburt derjenigen, die Böses tun". Auf den Plagenbericht projiziert, heißt das nichts anderes als: In Zukunft können die Ägypter dem Volk Moses_ nicht mehr gefährlich werden. Jahwe, der die Angst nimmt und für alle Zeit Hoffnung schenkt, hat die Israeliten als Erstgeborene auserwählt, ihnen befohlen, sich mit einem Schutzritus zu legitimieren, und das Passahfest gestiftet. Er lässt den "Verderber", der umgeht und nach Blut dürstet, an ihren Häusern vorüberziehen. Die bestrichenen Türpfosten signalisieren, dass in den Behausungen nichts zu holen ist, weil bereits geschlachtet wurde.

Geburtsstunde Israels

Auch wenn Wissenschaftler den ursprünglichen Zusammenhang vom Mord an der Erstgeburt und Passah kontrovers diskutieren, sehen sie im Ritus der zehnten Plage die Grundlage für die Entwicklung der Passah-Theologie. Das Zentralfest im Kalender des religiösen Judentums begehen die Gläubigen alljährlich in Erinnerung an ihre glückliche Herausführung aus Ägypten. Kein anderer Gedenktag wurzelt in einer ähnlich ausführlichen Schilderung über seine Entstehung. Das einmalige Ereignis der Exodusnacht symbolisiert die Geburtsstunde Israels. Noch heute steht das Rekapitulieren des dramatischen Geschehens im Mittelpunkt des Programms bei der häuslichen Feier, die der Familienvater am Sederabend, dem Vorabend des Passah, leitet.

Ein biblischer Autor
Ein biblischer Autor Quelle: ZDF

In der Vergangenheit gab es mehrere Versuche, das bedeutende Fest zu einer Großveranstaltung aufzuwerten. Als König Josia im 7. Jahrhundert vor Christus den religiösen Kult reformierte und den Tempel von Jerusalem zum Zentralheiligtum ernannte, durften nur noch dort die Opferlämmer geschlachtet werden. Passah wandelte sich vom Gemeinschaftsmahl im kleinen Kreis zur Massenwallfahrt. Doch längst hat es seinen eigentlichen Charakter wieder angenommen. Seit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus durch die Römer gehören das Schlachten der Lämmer und der Blutritus nicht mehr zum Zeremoniell. Nach wie vor essen die Juden zu dem Anlass aber ein Fleischgericht, und auch die Matzen dürfen nicht fehlen.

Kollektive Erinnerung an die Urväter

Das Gebot, sieben Tage lang auf gesäuertes Brot zu verzichten, steht für einen Neuanfang und als Aufforderung an die Menschen, "den inneren Sauerteig auszumisten". Der Zweck, die alten Traditionen zu bewahren, liegt nicht in der korrekten Überlieferung von Geschichtsdaten.

Vielmehr geht es bei der kollektiven Erinnerung an die Urväter, die einst aus Ägypten auszogen, darum, dass jede Generation in ihrer jeweiligen Lebenssituation den Moment der eigenen Befreiung erkennt und so die Vergangenheit in die Gegenwart holt.

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