Die fünf Bücher Moses

Religiöser Mythos oder Geschichtsbuch?

Spätestens seit der Aufklärung in Europa Mitte des 18. Jahrhunderts streiten sich Gelehrte um die "richtige Lesart" des Alten Testaments. Die einen verstehen das Werk ausdrücklich als "Heilige Schrift", die Gottes Wort und heilbringendes Wirken für die Menschheit in den Mittelpunkt stellt. Sie deuten die Überlieferung als Offenbarung göttlicher Gesetze und Weisheiten an das auserwählte Volk Israel und durch die Juden an die ganze Welt.

Hebräische Bibel
Hebräische Bibel Quelle: ZDF

In einer nicht näher bezeichneten Zukunft, so die Botschaft, werden alle Erdenbürger ausschließlich den einzig Wahrhaftigen verehren. Den Beginn des Ein-Gott-Glaubens (Monotheismus) als universale Religion markieren dabei die Berichte des Pentateuch, die fünf Bücher Moses. Sie umfassen die griechisch-lateinischen Titel Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Unter der Bezeichnung Thora bildet die von Gott offenbarte Weisung noch heute die verbindliche Grundlage der jüdischen Religion.

Elisa Klapeck

Absolute Herrschaft

In der Gemeinschaft fest verankert ist die Vorstellung, Moses habe die Gesetzestexte, die der Herr ihm am Berg Horeb verkündete, eigenhändig niedergeschrieben. Sie sind Zeichen des unwiderruflichen Bündniswillens Jahwes mit dem "heiligen Volk". Die Allianz gründe auf Gottes unerschütterlicher Treue und umfassender Liebe, die stärker sei als Versagen, Schuld und das Böse auf Erden. Im Gegenzug dienen ihm die Israeliten und befolgen die angeordneten Gebote. Dass der Gerechte "sein Volk" auch durch Leid und Elend führte, war eine notwendige Maßnahme, um den Menschen seine Allmacht glaubwürdig vor Augen zu führen. Erst der Beweis seiner absoluten Herrschaft über die Welt, wie besonders in den zehn Plagen demonstriert, ließ die Gemeinschaft an den neuen Gott glauben. So gilt der anschließende Auszug als Sinnbild für ihre Lossagung von der Sklaverei der Sünden - auch wenn der Weg zum Ein-Gott-Glauben voller Rückschläge und Widrigkeiten war.

Die Vertreter der religiösen Auslegung - unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen oder christlichen Glauben - akzeptieren das Alte Testament als "Autorität Gottes". Ob die Personen des Alten Testaments tatsächlich gelebt, die einzelnen Geschichten wie beschrieben stattgefunden haben oder die zeitlichen und geographischen Angaben Tatsachen entsprechen, spielt bei dieser Betrachtung eine untergeordnete Rolle. Widersprüche, Irrtümer oder ethische Bedenken, wie sie Bibelkritiker unterschiedlicher Fachdisziplinen und Epochen immer wieder aufgezeigt haben, werden mit der späten Verschriftung der Texte durch mehrere priesterliche Schreiber, weltanschaulichen Verfälschungen sowie Übersetzungsfehlern erklärt. Aber selbst wenn manche Passagen des Alten Testaments unglaubwürdig oder unzuverlässig erscheinen: Was zählt, ist die theologische Botschaft.

Einzigartiges Quellenbuch

Viele kritische Bibelforscher hingegen betrachten den Pentateuch als einzigartiges Quellenbuch, um die Entwicklung Israels vom Polytheismus zum Monotheismus religionsgeschichtlich zu erfassen. Sie erkennen die Einzigartigkeit auch darin, dass das Volk Israel wie kaum ein anderes Volk im alten Vorderen Orient der Nachwelt eine so umfangreiche Überlieferung an Volkserzählung, Hymnen und propagandistischer Hofchronik hinterlassen hat. Besonders in den fünf Büchern Moses und dem Buch Josua spiegelt sich die Geschichte der Israeliten von ihrem Ursprung als nomadisierende Stämme über die stürmische Zeit des Zusammenfindens bis hin zur Etablierung als völkische Einheit im Land Kanaan. Beschrieben wird diese Entwicklung als Zeit der Proto-Israeliten.

Jahwe spricht im brennenden Dornbusch
Jahwe spricht im brennenden Dornbusch Quelle: ZDF

Nach Meinung der Wissenschaftler beinhaltet der Pentateuch die Gründungslegende des Volkes Israel, der ein historischer Kern zugrunde liegt. Das Augenmerk liegt auf der Suche nach sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fakten, die sie von den tendenziös-religiösen Zutaten trennen. Für die Rekonstruktion der Geschichte in einem größeren nationalen Rahmen studieren sie zudem außerbiblische Quellen aus dem Alten Orient ebenso wie archäologische, geologische oder klimatische Befunde. Dabei gehen die Gelehrten nicht davon aus, dass Moses als Autor der Thora verantwortlich zeichnet. Manche bezweifeln sogar, dass er überhaupt gelebt hat. Wenn doch, spricht nicht zuletzt gegen seine Urheberschaft, dass von ihm ausschließlich in der dritten Person berichtet wird, vor allem aber die ausführliche Beschreibung seines Todes sowie die Erwähnung von Gesetzen, die nachweislich erst in späterer Zeit entstanden.

Ursache der Ungereimtheiten

Ebenso wenig glauben Theologen an einen einzigen Formulierungsvorgang der fünf Bücher. Zu unterschiedlich präsentierten sich die Ergebnisse ihrer literatur- und sprachwissenschaftlichen Untersuchungen. Sie fanden ungleiche Versionen der Schöpfungsgeschichte, der Sintflut, der Erzväter, des Exodus und der Gesetzgebung. Zwar vertraten auch Bibelkritiker die Auffassung, die Berichte seien erst viele Generationen nach den jeweiligen Ereignissen formuliert worden. Allerdings sehen sie die Ursache der Ungereimtheiten in der langen mündlichen Überlieferung, die letztlich zu Überhöhungen, zusätzlichen Erklärungen und Zensuren führten. Was sich heute wie ein organisches Gesamtwerk liest, ist demnach das Ergebnis zahlreicher Ein- und Umarbeitungen von Einzelschriften unterschiedlicher Autoren und Quellen aus unterschiedlichen Jahrhunderten.

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