Die "Heiligen Höhlen" der Maya

Künstliche Unterwelten für Opferrituale?

Auf der Suche nach Hinweisen über die "andere" Welt der Maya begleitet der Bonner Archäologe Colas eine Expedition in den Dschungel Guatemalas. Er trifft den italienischen Kollegen Francisco Estrada Belli. Gefördert von der National Geografic Society, hat er eine Entdeckung gemacht, die selbst die neidischsten Kollegen als Sensation bezeichnen.

In Guatemala liegt das Herz des alten Maya-Imperiums. "Cival" heißt der Grabungsort, einige überwucherte Ruinen sind schon frei gelegt. Stundenlang kann man hier auf unbekannten Maya-Ruinen laufen; überall sind künstliche Hügel. Es sind Mayapyramiden, vom dichten Wurzelwerk der tropischen Wälder überwachsen. Nicht ohne Stolz führt Estrada Belli Colas in eine ganz besondere Pyramide.

Älteste bisher bekannte Siedlung

Zunächst müssen sich die Forscher durch enge Tunnel ins Innere der Pyramide zwängen. Dann die Überraschung: Steinfiguren mit gigantischen Stuckmasken. Welche Bedeutung hatten sie? Sind es die ersten Könige der Maya? Denn Estrada Belli fand heraus, dass die Figuren etwa 300 vor Christus geschaffen wurden. Das ist die älteste bisher bekannte Maya-Siedlung. Mit einer perfekten Stadtstruktur. Die Maya auf Augenhöhe mit Griechen und Römern. In der Höhle gibt es ein Gesicht eines Mayagottes. Es besitzt viele Himmels- und Wasser-Symbole in den Einbuchtungen der Stirnpartie und an den Ohren. Es könnte ein Chac sein, ein Regengott.



Das Team um Estrada Belli hat noch weitere unbekannte Orte aufgespürt. Die Archäologin Nina Estrada Belli führt Colas zur Puerta Negra, zum schwarzen Tor. Die Wände wurden mit einem harzhaltigen und klebrigen schwarzen Farbstoff bemalt. Über zwei Jahrtausende alte Graffiti. Estrada Belli nennt solche Orte "Heilige künstliche Höhlen." Wurde hier eine künstliche Unterwelt für Opferrituale geschaffen? Am Ende des Ganges ist eine steinerne Kammer in den Felsen geschlagen. Licht fällt durch einen Schacht, den Räuber von oben in die Pyramide getrieben haben. Die Kammer ist leer, nur noch bewacht von Fledermäusen. Auch hier waren Raubgräber schneller.

Perfektes Abbild des Mayakosmos

Das Kreuzsymbol des Höhleneingangs setzt sich außerhalb der Pyramide fort: eine kreuzförmige Grube wird frei gelegt. Sie enthält Jahrtausende alte Wasserkrüge und Jadesteine. Welche Funktion hatte dieser rätselhafte Ort? Wurden hier Wasser-Rituale abgehalten? Für die Maya war Jade ein hochverehrter göttlicher Stein.
Die Grube zeigt ein perfektes Bild des Mayakosmos. Es gibt vier Himmelrichtungen und in der Mitte die fünfte Richtung, die die Unterwelt repräsentiert. Oberhalb der Grube wurde das Loch für einen Stamm gefunden. Das ist die "Axis Mundi", die Weltachse, die den Himmel mit der Unterwelt verbindet.

Die Maya glaubten, dass der Kosmos in drei Welten geteilt sei: die Oberwelt, dann die Erde, die Mittelwelt also, und schließlich die Unterwelt mit ihrem schwarzen Urmeer "Xibalba". Sie werden durch die Weltachse, den Weltenbaum, verbunden. An seinen in die Höhlen reichenden Wurzeln begab sich der König in Trance zu den Göttern und Ahnen.

Expedition zur Wasserhöhle

Eine weitere Expedition führt zu einer Wasser-Höhle, die zwei Stunden Fußmarsch von Belizes Provinzhauptstadt San Ignacio entfernt liegen soll. Die Ausrüstung des Archäologen und des Filmteams muss auf Maultieren transportiert werden. Hier kommen auch Geländewagen nicht mehr weiter. Der Zugang zu dem unterirdischen Fluss liegt mitten im Wald. In dem labyrinthartigen Höhlensystem sollen uralte Maya-Kultstätten verborgen sein.


Schwimmen und Klettern und wieder Schwimmen. Fast einen Kilometer lang. Für dieses Abenteuer muss man einen unbändigen Willen haben. Der Weg erinnert Colas an das heilige Buch der Maya, das Popul Vuh. Es beschreibt einen unterirdischen blutroten Fluss, der zum Herzen der Erde fließt. Nur die Priester durften die Unterwelt betreten. Auch heute scheuen sich die Maya vor diesen einst heiligen Orten. Auf dem Weg entdeckt das Team Nischen mit Opfergaben die in Töpfen deponiert sind.

Zeugnisse von Todes-Ritualen

Dann kommt Colas zu einer Höhle, gewaltig wie eine Kathedrale, 180 Meter lang und mit Keramiktöpfen angefüllt. Zeugnisse von Todesritualen: in einem Seiten-Flügel liegen die Knochen und Schädel von 14 Toten - überzogen von einer dicken im Schein der Lampen glitzernden Schicht. Der herabtropfende Kalk hat sie verewigt.


In einer Nische daneben eine Schale, die ein Priester wohl zum Auffangen des Opferblutes benutzte. In einer kleinen Seiten-Höhle befindet sich ein intaktes Skelett. Untersuchungen werden ergeben, dass der Körper einer jungen Frau gehörte - und dass die Höhle bis ins neunte Jahrhundert als Zeremonialstätte genutzt wurde. Auch ihr Skelett ist von glitzernden Kalzitkristallen überzogen. Über das Schicksal des Mädchens mag man lieber nicht nachdenken.

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