Die industrielle Revolution in Deutschland

Motor auf dem Weg zum Deutschen Kaiserreich

Das 19. Jahrhundert beginnt mit dem Sieg über Napoleon (1815). Der Frieden erfüllt jedoch nicht die Hoffnung des deutschen Bürgertums. Die politische Einheit der Deutschen lässt auf sich warten. Die industrielle Revolution wird zum Motor auf dem Weg zum Deutschen Kaiserreich. England ist das Vorbild.

Eine Reihe wichtiger Erfindungen, denen eine Agrarreform vorausging, verschaffen Englands Wirtschaft entscheidenden Vorsprung vor den übrigen Staaten in Europa: Eisengewinnung mit Koks (1735), Dampfmaschine (1769), mechanischer Webstuhl (1785) – die Entdeckung des Puddel- und Walzverfahrens für die Eisenerzeugung (1783). In Bergwerken werden eiserne Schienen eingesetzt. Auf ihnen laufen Loren zum Abtransport der geförderten Kohle schneller. Die Schwerindustrie produziert und verbraucht wachsende Mengen an immer besserem Eisen und Stahl. Einen gewaltigen Schub bringt die Eisenbahn. 1825 wird der Personenverkehr auf der Strecke von Stockton nach Darlington eröffnet. Eine Dampflokomotive zieht die Wagen.

England als Vorreiter der industriellen Entwicklung

Gemälde alte Dampfmaschine
Die Erfindung der Dampfmaschine revolutioniert die Arbeitswelt Quelle: ZDF

Das englische Beispiel weckt auf dem Festland Begehrlichkeit. Die Briten können mehr Waren schneller produzieren und, dank besserer Verkehrswege, auch besser verkaufen. Um den Vorsprung zu schützen, erlässt die englische Regierung strenge Ausfuhrverbote für Maschinen. Die Auswanderung von Mechanikern und Konstrukteuren wird unter Strafe gestellt. Doch die Verbote werden umgangen. Konstruktionspläne und ganze Anlagen werden durch Schmuggler außer Landes geschafft. Techniker und Facharbeiter, die für Nachbau, Betrieb und Wartung der Maschinen nötig sind, lassen sich durch die Strafandrohung nicht abschrecken. Sie wandern aus und treten in fremden Dienst. Vor allem mechanische Webstühle, Spinnmaschinen und Dampfmaschinen sind in Deutschland und ganz Europa gefragt.

England kann die Verbreitung der neuen Technik zwar bremsen, doch nicht aufhalten. Industriespionage hat Hochkonjunktur. Das Interesse gilt besonders den geheimnisvollen Verfahren der Stahlherstellung. In den Hütten von Sheffield entstehen die besten Stahlprodukte der Welt. "Legierung" heißt die Zauberformel. Nach streng geheimen Verfahren wird flüssiges Eisen mit anderen Metallen zusammen geschmolzen und gemischt, bis der Werkstoff entsteht, den das Industriezeitalter so dringend benötigt. Viele Deutsche reisen nach England und versuchen, den Schleier der Geheimhaltung zu lüften. Einer von ihnen ist der junge Uhrmacher Jacob Mayer. Schon bald bemüht man sich auf dem Kontinent um Weiterentwicklung und Eigenbau neuer Maschinen und Fabrikanlagen.

Zollunion und Industrialisierung auf dem Weg zur Einheit

Gemälde von Stephensons "Locomotion"
Vorbild England: Jungfernfahrt der "Locomotion" 1825 Quelle: ZDF

Die vom Bürgertum gewünschte politische Einheit lässt sich gegen die konservativen Regierungen der Teilstaaten schwer durchsetzen. Die Beseitigung von Zollschranken und der Ausbau des Straßennetzes fördern jedoch den Warenaustausch und das Wirtschaftsgefüge in Deutschland. 1834 wird der Deutsche Zollverein unter Führung Preußens zur Vorstufe der politischen Einigung und eröffnet der Industrialisierung neue Chancen. 1835 fährt der erste deutsche Dampfzug von Nürnberg nach Fürth. Der strategische Ausbau der Verkehrswege, besonders der Eisenbahn, gibt der Schwerindustrie Auftrieb. Die Bahngesellschaften benötigen beinahe unbegrenzte Mengen an Eisen und Stahl für Schienen, Achsen und Räder.

Steigende Anforderungen an die Belastbarkeit des Materials ist für die Stahlwerke eine ständige Herausforderung. Unfälle durch Materialermüdung sind häufig. Kohlezechen und Eisenhütten rücken zusammen. Stahlkonzerne werden zur Schlüsselindustrie des Jahrhunderts. Und die Bevölkerung in Europa wächst. In Deutschland verdoppelt sich die Einwohnerzahl  von 25 Millionen im Jahr 1816 bis zum Ende des Jahrhunderts. Landflucht und wachsende Städte führen zu sozialen Fragen, die die konservative Politik auf den Prüfstand stellen. Unternehmerpersönlichkeiten wie Friedrich Engels, Jacob Mayer und Alfred Krupp gehen unterschiedliche Wege, um die wachsende Zahl ihrer Belegschaft in den wirtschaftlichen Aufschwung einzubinden.

Das Ruhrgebiet, die Stahlschmiede des Deutschen Kaiserreiches

Radierung von Otto von Bismarck
Reichskanzler Otto von Bismarck Quelle: Verl. Schottlaender, Breslau

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 bringt die Einheit unter Preußens Führung. Verstaatlichung der Eisenbahn und Ausbau des Militärs führen dazu, dass sich die großen Konzerne immer mehr auf die Bedürfnisse ihres Hauptkunden ein- stellen. Das Ruhrgebiet wird industrielles Machtzentrum und zur "Stahlschmiede für das Reich". Gewaltige Kohleflöze erstrecken sich quer durch Europa, von Polen bis England. Im Ruhrgebiet liegt das beste Revier, die Kohle zu fördern, die für den Stahl gebraucht wird. Wenige Konzerne beherrschen den Markt. "Stahlbarone" nennt man die Unternehmer. Alfred Krupp wird Symbolfigur für eine ganze Epoche. Er verkehrt mit Staatsmännern wie Reichskanzler Bismarck und dem Deutschen Kaiser auf Augenhöhe.

In den Gründerjahren, nach 1871, verdoppelt sich bei Krupp die Produktion. Das Unternehmen wächst zum größten Industriekonzern Europas. Die "soziale Frage" löst der Konzernchef für "seine" Belegschaft durch strenge Regeln und soziale Fürsorge. Als Reichskanzler Fürst Bismarck Rat für seine fortschrittliche Sozialgesetzgebung in Deutschland sucht, findet er ihn in Essen bei Alfred Krupp. Am Ende des 19. Jahrhunderts steht Deutschland auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution und seiner Macht. Die dann folgenden Kriege haben die Herrschaftsformen und die Kontrolle der politischen Macht verändert. Auch die Wirtschaft muss sich dem fügen. Doch die industrielle Revolution ist noch nicht am Ende. Ihre Geschichte bewahrt für geniale Erfinder und zielstrebige Unternehmer wie Alfred Krupp und Jacob Mayer einen festen Platz.

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