Die innere Kraft des Chi

Streben nach Harmonie

Die Ausbildung allein macht noch keinen Meister. Was ist das Geheimnis der Leidensfähigkeit der Shaolin-Kämpfer? Meister Han erklärt es mit dem Begriff "Chi". Dieses "Chi", eine Art innere Kraft, werde durch jahrelange Übungen so trainiert, dass sie keine Schmerzen mehr empfinden.

Nicht allein körperliches Training stärkt das Chi. Das Chi ist eine geistige Macht, die die Mönche mittels Meditiation beherrschen lernen sollen. Das eigentliche Ziel ist es, durch das jahrelange Training dem Buddha, der Erleuchtung nahe zukommen. Kung Fu ist nur ein Mittel zur geistigen Vervollkommnung.

Höchste Kraft

Hans Schüler demonstrieren, wie die Atemübungen bei der Meditation ihre Körper zu Stahl werden lassen. Nicht Muskelkraft oder Masochismus macht sie unempfindlich. Atemübungen Gegen die Kraft des Chi kommt selbst Eisen nicht an. Die Mönche glauben, dass die Energie des Chi nicht aus dem Kämpfer selbst kommt: Sie fließt aus der Natur in den Kämpfer hinein und durch ihn hindurch. Alles in der Natur strebt nach Harmonie. Wenn Körper und Geist in Harmonie sind, entsteht höchste Kraft.

Eine Kraft, die nicht lange hinter Klostermauern verborgen blieb. Ein General der Ming-Zeit suchte im 16. Jahrhundert die besten Kämpfer des Landes auf und fertigte Zeichnungen von ihnen an. Ihm verdanken wir einige der ältesten bildlichen Zeugnisse des Wushu. Bis heute sind Kung-Fu-Kämpfer eine Attraktion. Eine Herausforderung auch für den modernen Verstandesmenschen. Wie sind diese Kunststücke überhaupt möglich, die man auch schon mal zahlungskräftigen Touristen vorführt. Wissenschaftler erklären das Phänomen mit einer Selbsthypnose, in die sich die Mönche versetzen. In Trance werden sie schmerzunempfindlich und so rasch in den Bewegungen, dass das Auge ihnen kaum folgen kann.

Kampf gegen Piraten und Mongolen

Wie vor vierhundert Jahren werden heute noch die Waffen der Mönche von Hand geschmiedet. Während der Ming-Zeit blühte das Shaolinkloster auf. Den Mönchen übertrug die Ming-Dynastie eine neue, wichtige Aufgabe. Sie sollten die Armee bei der Landesverteidigung unterstützen. Fortan zogen sie gegen marodierende Mongolen und Piraten in den Kampf - als soldatische Einheit, deren Ruf bald Angst und Schrecken bei den Feinden Chinas auslöste. Doch nach Jahrhunderten treffen die Shaolin auf einen Feind, gegen den sie keine Chance haben.

Im Jahr 1928 führt der Generalissimus Tschiang Kai-Schek Krieg, um die Macht der Provinzfürsten zu brechen. Gegen Maschinengewehre richten Schwerter und Fäuste nichts aus. Das Kloster wird zerstört, sämtliche Aufzeichnungen und Lehrbücher vernichtet. Die meisten Mönche flüchten vor den Gewehren Tschiangs. Eine Jahrhunderte lange Tradition ist jäh zu Ende.


Ein halbes Jahrhundert später erzählt ein Film aus Hongkong die Legende der Shaolin-Kampfmönche. Der Film "Shaolin-Si" löst eine Welle der Begeisterung aus. Plötzlich ist der Shaolin-Kampfsport wieder in aller Munde.

Aus ärmlichsten Verhältnissen

Das Tagespensum der Mönche beginnt morgens um 5 Uhr 30 mit zehn Kilometer Dauerlauf durch den kleinen Ort unterhalb des Shaolin-Klosters. Seit der Film den Mythos neu belebt hat, zieht diese Gegend Tausende an. Die Alleen mussten für die Läufer verbreitert werden. Heute lassen sich hier 15000 Schüler in verschiedenen Ausbildungsstätten trainieren. Die meisten Schüler kommen vom Land, aus ärmlichsten Verhältnissen. Ihre Eltern haben sich die 30 Euro Monatsgebühr vom Mund abgespart, damit ihr Kind eine Zukunft hat: als Polizist, als Bodyguard, vielleicht sogar als Schauspieler in Kung-Fu-Filmen.

Die Bedingungen sind so hart, dass die wenigen Ausländer, die hierher kommen, meist schon nach kurzer Zeit kapitulieren. Immer wieder hämmert der Trainer seinen Schülern die Grundsätze des Kampfes ein: Bewegt sich der Gegner schnell, reagiere schnell. Bewegt er sich langsam, folge ihm langsam.

Von den Schülern kann Meiling nicht viel erfahren. Sie bestaunen eine reife Meisterin. Heutzutage lernt der Nachwuchs nur noch wenige Übungen aus der unendlichen Vielfalt des Wushu. Meilings Ausbildung war viel umfassender, sie lernte weit mehr als nur den Shaolin-Stil. Für diese Shaolin-Schüler ist das Chi nur ein Begriff, nicht aber Metapher für eine universelle Kraft. Meiling wird dieses Universum in den Ursprüngen des chinesischen Kampfsports finden müssen.

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