Die Insel der Gegensätze

Wo Gletscher auf Regenwälder treffen

Neuseeland wirkt auf den ersten Blick ziemlich vertraut. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man, wie fremd und exotisch das Inselreich am Ende der Welt eigentlich ist. Auf engstem Raum gibt es brodelnde Vulkanfelder mit dampfenden Seen, wilde Küsten und gewaltige Stürme, urzeitliche Regenwälder und gewaltige Gletscher.

Der Franz-Josef-Gletscher von oben betrachtet
Der Franz-Josef-Gletscher von oben betrachtet Quelle: ZDF

Einer dieser Giganten ist der Franz-Josef-Gletscher in den Südalpen, in unmittelbarer Meeresnähe. Er transportiert ungeheure Eismassen und zieht sich durch alle Vegetationszonen tief ins Tal, fast bis auf Meereshöhe. Dabei dürfte es solch einen mächtigen Gletscher in diesen Breiten und dieser Lage gar nicht geben. An seinem Fuß entsprechen die Durchschnittstemperaturen denen von Düsseldorf.

Ständig Nachschub an Schnee

Dieser Gletscher wächst entgegen dem weltweiten Trend immer weiter. Und das, obwohl es nur in den höheren Lagen kalt genug ist, dass es überhaupt schneien kann. Das Geheimnis des ewigen neuseeländischen Eises: Es entsteht in einer der niederschlagreichsten Regionen der Erde. Der Wind kommt in diesen Breitengraden stetig aus Westen. Auf dem langen Weg über den Ozean steigt die Luftfeuchtigkeit allmählich an. Treffen die schweren Wolken auf die Bergkette mit ihren Dreitausendern, schneit es dort oben heftig und anhaltend.

In den neuseeländischen Südalpen fällt 20 Mal so viel Niederschlag wie in Düsseldorf. Durch die globale Erwärmung verdunstet künftig noch mehr Wasser. Dadurch bilden sich mehr Wolken, die wiederum stärkere Niederschläge produzieren, und in der Folge wachsen die Gletscher auf der Westseite Neuseelands weiter - eine paradoxe Wirkung des Klimawandels.

Gletscher auf der Rutschbahn

Franz-Josef-Gletscher in einer Luftaufnahme
Franz-Josef-Gletscher Luftaufnahme Quelle: ZDF


Der hohe Niederschlag sorgt für extremen Druck auf die Eismassen. Dieser bewirkt, dass sich der Gletscher ins Tal schiebt. Mit 80 Metern pro Jahr ist der Franz-Josef-Gletscher einer der dynamischsten Gletscher der Welt. Durch den gewaltigen Druck schmilzt das Eis am Grund. Eine schlüpfrige Wasserschicht entsteht, auf der der Gletscher bergab gleitet. Hinzu kommen die hohen Temperaturen am Fuß. Dort schmilzt das Eis stetig. Der Schwerkraft folgend zieht es den Gletscher wie auf einer Rutschbahn ins Tal hinunter.

Auf seinem Weg hinterlässt das Eis eine Spur der Verwüstung. Felsbrocken brechen aus dem Gestein und werden mitgerissen. Der Gletscher gibt diese Fracht erst an seinem Fuß wieder frei. Die Geröllfelder gleichen einer Steinwüste. Doch auch inmitten der unwirtlichen Umgebung am Fuß des Gletschers hat sich das Leben seinen Platz erobert: Ein Vogel, der Schiefschnabel genannt wird, brütet hier. Seine Eier sehen aus wie graue Kieselsteine. Die perfekte Tarnung schützt vor Eierdieben.

Pinguine im Regenwald

Die hohen Niederschlagsmengen an den Berghängen, die bewirkten, dass sich der Franz-Josef-Gletscher durch alle Klimazonen ausdehnen konnte, haben direkt neben der Eiswüste einen üppigen Regenwald entstehen lassen. Das ist einzigartig auf der Welt - ebenso wie die Dickschnabelpinguine, die im Regenwald ihr Zuhause gefunden haben.

Eine Gruppe Dickschnabelpinguine im Wald
Pinguine Regenwald Quelle: ZDF

Die Pinguine genießen hier perfekten Schutz vor Wind und Wetter, aber auch vor Fressfeinden wie räuberischen Seevögeln. In der Vergangenheit müssen die Bedingungen an der Küste so rau gewesen sein, dass nur die Pinguine überlebten, die sich in die Wälder zurückzogen. Die Kehrseite der Umsiedelung: Die Pinguine haben es nun viel weiter zu ihren Jagdgründen im Meer.

Kräfte, die an den Inseln zerren

Die enge Nachbarschaft unterschiedlichster Lebensräume hat ihre Ursache in der lang gestreckten Gestalt Neuseelands mit extremen Höhenunterschieden. So bestimmen mehrere Klimazonen die Inselwelt und schaffen ganz unterschiedliche Lebensbedingungen. Die Vulkane auf der Nordinsel zeugen eindrucksvoll von der Gewalt, die die Inseln geformt hat. Seit Jahrmillionen zerren die Kräfte des Erdinneren an der Gestalt Neuseelands und verändern sie noch heute.

Das neue Land ¿ vor und nach der Bebauung
Neue Landstriche Quelle: ZDF

Erst vor 150 Jahren kam es zu einem folgenreichen Ereignis: Der Meeresboden schob sich aus den Tiefen des Ozeans in die Höhe. Buchstäblich über Nacht veränderten sich Küstenlinien, und ganze Landstriche entstanden neu. Die Zivilisation hat die neuen Flächen in kürzester Zeit erobert. Auf dem ehemaligen Meeresboden wurden Straßen und ein Flughafen gebaut.

Geologisch aktive Zone

Warum Neuseeland den Kräften aus dem Erdinnern so ausgeliefert ist, lässt sich durch seine Geologie erklären: Das Inselreich liegt genau auf der Grenze zweier Kontinentalplatten. Im Bereich der Nordinsel taucht die Pazifische Platte unter die Australische. Auf der Südinsel drücken beide Platten gegeneinander und wandern in gegensätzliche Richtungen. Gebirgsketten wurden so auseinandergerissen, und die Südalpen türmten sich unter dem Druck auf. Noch heute wächst das Gebirge um rund einen Zentimeter pro Jahr - das schnellste Wachstum einer Bergkette weltweit.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet