Die Jagdunfall-Theorie

General Haremhab unter Verdacht

General Haremhab besitzt durchaus ein handfestes Motiv. Der Oberbefehlshaber trägt die Verantwortung für die innere Sicherheit. Den Frieden im Reich langfristig zu gewährleisten - für ihn mehr als nur die Ausübung eines Amtes.

Denkbar, dass Haremhab an den Fähigkeiten des unerfahrenen Pharao zweifelte und selbst den Thron besteigen wollte. Tutenchamun standen schwierige Zeiten bevor: Er muss nicht nur die Unruhen im eigenen Land in den Griff bekommen, sondern auch die mächtigen Hethiter in Schach halten. Haremhab weiß um die Gefahr und will sie um jeden Preis abwenden. Würde er dafür sogar einen Königsmord begehen?

Schlussfolgerung der Experten

Die Mumie des Herrschers bringt die Fahnder auf die Spur. Der Leichnam von Tutenchamun zeigt sich in schlechterem Zustand als die beiden Föten. Experten ziehen daraus den Schluss: Sein Körper war noch feucht, als die Priester ihn mit Binden umwickelten. Ein Frevel, denn dem Glauben nach gehörte die vollständige Austrocknung des Gewebes zu einer standesgemäßen Balsamierung. Nur unversehrt konnte der Tote im Jenseits wieder auferstehen. Um den Verwesungsgeruch zu überdecken, schütteten die Bestatter Unmengen von duftendem Harz über die Mumie. So die Vermutung.

Sechs Streitwagen dokumentiert Howard Carter im Felsgrab. Drei davon dienten ausschließlich zeremoniellen Zwecken. Zwei aber benutzte der jugendliche Regent für die Jagd. Trotz seiner schweren Behinderung liebt Tutenchamun die sportliche Herausforderung und lenkt die schnellen Gefährte häufig selbst. Viele Darstellungen zeugen davon.

Unheilvolles Szenario

Die amerikanischen Agenten entwickeln ein unheilvolles Szenario: Der Pharao starb bei einem Jagdunfall - fern der Heimat. Das verhängnisvolle Ereignis passiert in menschenleerer Wildnis. Die Gluthitze beschleunigt den Zersetzungsprozess. Bis Sonne und Wind aber einen Toten natürlich mumifizieren, vergehen Jahre. Doch der Verunglückte wird innerhalb von wenigen Tagen nach Theben überführt. Der Weg zurück kostet wertvolle Zeit. Selbst die routinierten Balsamierer können die fortgeschrittene Verwesung des Körpers nur noch stoppen. Der Schaden ist nicht mehr rückgängig zu machen.

Legte Haremhab Hand an und half dem Schicksal nach? Immerhin galt Tutenchamun als geschickter Wagenlenker. Wenig wahrscheinlich, dass er den tödlichen Sturz selbst verschuldete. Als ständiger Begleiter auf den Ausflügen des Regenten bieten sich für Haremhab zahlreiche Gelegenheiten, den Jungen zu beseitigen. Unbeobachtet von den Getreuen am Hofe hätte der General seinen teuflischen Plan leicht in die Tat umsetzen können. Ein angeschnittener Zügel, ein gelockertes Rad - schon kleine Manipulationen reichen aus. Eine Bestrafung für die Gräueltat muss der angesehene Feldherr nicht fürchten. Denn er weiß: Der Zweck heiligt die Mittel, wenn es um den Fortbestand des Reiches geht.

Mensch zweiter Klasse

Seine politische Unbedarftheit machte den Pharao zu einer Gefahr für Ägypten. Die körperlichen Gebrechen zu einem Menschen zweiter Klasse - trotz der edlen Herkunft. Nach den Moralvorstellungen jener Zeit zwei gewichtige Rechtfertigungen für ein Attentat. Das Opfer - angeschlagen durch die Knochenkrankheit - für den Täter leichte Beute. Selbst wenn Tutenchamun mit dem Hinterkopf nur in weichen Sand gefallen ist, entstehen dabei schon tödliche Verletzungen. Der steife Nacken verhindert ein reflexartiges Abrollen. Das heißt: Der Schädel schlägt mit ungebremster Wucht auf. Das perfekte Verbrechen - getarnt als Jagdunfall.

Fünf Jahre nach dem Ableben des Kindkönigs besteigt Haremhab tatsächlich den Thron. Nur nicht so schnell wie erhofft. Vor ihm übte ein anderer die Macht aus. Ein Mann, der die Pharaonenwürde allein aufgrund seiner Stellung am Hofe für sich beanspruchte. Grund genug also, an der Täterschaft des Generals zu zweifeln. Haremhabs oberstes Gebot konnte ebenso lauten, das Leben seines Herrn unter allen Umständen zu schützen. Schon, um in Ägypten eine abermalige Krise zu verhindern. Ein frühzeitiger Tod des kinderlosen Pharao lag nicht in seinem Interesse. Denn die Dynastie war dem Untergang geweiht. Und ein Kampf um die Krone unausweichlich. Für Feinde von außen eine willkommene Chance.

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