Die Kinderpolizei des Propheten

Politischer Umsturz mit Mafia-ähnlicher Organisation

Im November 1495 geht Savonarole in Florenz aufs Ganze. Er plant den kompletten Umsturz der politischen Machtverhältnisse - und setzt dabei auf Kinder. Scheinbar ein Akt der Verzweiflung.

Savonarola kommandiert seine Kinderscharen wie eine straff organisierte Privatarmee - ähnlich der heutigen Mafia.

Bedingungsloser Gehorsam

Es gibt in jedem Stadtbezirk einen kindlichen "Capo" als Anführer. Er hat vier Berater unter sich, die zugleich als Spitzel dienen. Der bedingungslose Gehorsam dieser Knaben sichert dem Propheten innerhalb weniger Wochen die unangefochtene Gewalt über die Stadt. Ein genialer Schachzug.

Soziale Revolution

Die Bürger von Florenz sind an viele Freiheiten gewöhnt, die mit Geld käuflich sind. Jetzt wandelt sich das Bild der Stadt. Savonarolas Kinderpolizei patrouilliert durch die Straßen und sammelt Almosen. Scheinbar geht es nur um Mildtätigkeit. Durch Brotverteilungen dämmt der Prediger Hungersnöte ein, unterstützt die Ärmsten der Armen. Unmerklich nimmt eine neue Herrschaftsform Gestalt an: der Gottesstaat. Savonarolas Engelsscharen sollen die verderbte Welt retten. Ihre weiße Kleidung symbolisiert Unschuld.


Doch aus dem Sammeln freiwilliger Spenden wird bald Zwang. Unter Anleitung Savonarolas nehmen die Kinderpolizisten von den Reichen und geben es den Bettlern. Es ist eine soziale Revolution. Kaum jemand wagt den Widerstand, die Reichen fürchten um ihr Leben. Einzig gestützt auf seinen unbeugsamen Willen versucht der Prophet, alle Sünde der Welt auszumerzen.

Gott der Rache

Savonarolas Visionen bekommen vor allem die Frauen in Florenz am eigenen Leib zu spüren. Die Kinderpolizei des Mönches errichtet Straßensperren und kontrolliert die Moral. Wagen sich die herausgeputzten Frauen der Oberschicht auf die Straße, wird ihnen der Schmuck abgenommen. Die Mode der Renaissance ist freizügig und erotisch. Als neuester Schrei gelten raffiniert entblößte Brüste. Für Savonarola eine unerhörte Gotteslästerung. Wie die "Weiber der Muslime" sollen sie ihr Gesicht vollständig verhüllen - befiehlt Savonarola den florentinischen Schönheiten.


Tag für Tag drängen 16.000 Menschen in den überfüllten Dom, um Savonarolas Wort zu vernehmen. Höllenstrafen malt der Prophet den verängstigten Bürgern aus. Sein Gott ist ein Gott der Rache. "Macht ein Feuer, das ganz Italien ergreift!" fordert der Prediger. "Straft nicht mit Geldbußen und hinter verschlossenen Türen, sondern schafft Gerechtigkeit!" Vorerst sind es nur Visionen, um Gotteslästerer, Homosexuelle und Huren auszurotten. Alles Fremde und Andersartige muss vernichtet werden. Wenige Jahre später werden im Namen dieser Idee Scheiterhaufen in ganz Europa lodern, im Zeitalter der Hexenverfolgung.



Das Dominikanerkloster San Marco in Florenz ist bis heute ein geheimnisumwitterter Ort. Vor 500 Jahren errichtete Savonarola dort die Schaltzentrale seines Gottesstaates. Savonarolas kärgliche Zelle ist unverändert geblieben. In dem Kloster leben noch heute die Getreuen Savonarolas, als würde der Prophet unter ihnen weilen. Im Angesicht eines Kosmos' voller Engel, den heute weltberühmten Fresken seines Klosterbruders Fra Angelico zieren. Einige Reliquien erinnern an Savonarola. Da ist zum einen sein eigner Rosenkranz, mit dem er betete und ein Stück Holz, das vom Pfahl stammt, an dem er gehängt wurde, bevor man ihn verbrannte.

Zweites Jerusalem

Florenz soll ein zweites Jerusalem werden, eine Stadt Gottes auf Erden. Die strengen Regeln seines Klosters sollen für die ganze Welt, für alle Menschen gelten - mit letzter Konsequenz. Diese bekommt im Februar 1497 auch der gefeierte Hofmaler der Medici, Sandro Botticelli, zu spüren. Wenige Jahre zuvor hat er mit seiner "Geburt der Venus" ein erotisches Universum erschaffen, das bis heute als unerreichter Höhepunkt der Malerei gilt. Jetzt liefert er freiwillig seine Bilder aus - zur Vernichtung. Sie sind ein Sinnbild all dessen, worauf Savonarola nur eine Antwort kennt.

Fanal einer neuen Zeit

Auf einem von seiner Kinderarmee errichteten Scheiterhaufen soll auf der Piazza della Signoria im Zentrum von Florenz alles zerstört werden, was an die verhasste Welt der Medici erinnert. Savonarola verbietet den Karneval mit seinen heidnischen Exzessen und ersetzt ihn durch ein von ihm erfundenes Fest. Er nennt es "Fegefeuer der Eitelkeiten". Den Flammen fallen Kleider und Schmuck, Spielkarten, verdächtige Bücher und sinnenfreudige Kunst zum Opfer.


Es ist die Abrechnung mit einer ganzen Epoche und das Fanal einer neuen Zeit. Seine Idee einer Ausmerzung aller Sünden verbreitet sich wie ein Feuersturm und droht, ganz Europa in Brand zu setzen. Die Flammen schlagen so hoch, dass selbst der Papst das Zeichen nicht übersehen kann - er muss handeln.

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