Die Kogge

Handwerk und Technik sichern die Grundlage des Fernhandels

Das Stadtsiegel von Lübeck von 1255 zeigt einen Kaufmann, die Hand zum Schwur erhoben und einen Schiffer, gemeinsam auf einem Handelsschiff. Die Schwurgemeinschaft von Kaufmann, Fuhrunternehmer und Handwerker, vertreten durch das Frachtschiff sind Symbol einer Hafenstadt, Dreh- und Angelpunkt des hansischen Handels. Transportmittel und Verkehrswege ständig weiter zu entwickeln ist die Stärke des Wirtschaftsverbundes der Hanse.

Nachbauten von Koggen
Nachbauten von Koggen Quelle: dpa

Die wichtigsten Städte der Hanse sind Hafenstädte. Köln, Bremen und Hamburg besitzen Zugang zur Nordsee. Für See gehende Handelsschiffe sind sie gut zu erreichen. Lübeck an der Ostsee ist nach dem gleichen Gesichtspunkt angelegt. Ebenso wie die nach Lübecker Recht gegründeten neuen Städte Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald.

Bis zum Baltikum bieten Hafenstädte in Tagesreisen Entfernung voneinander gelegen Stützpunkte und Stationen für den Fernhandel zur See. Mit den Hansekaufleuten taucht ein neuer Schiffstyp in der Ostsee auf: Die Kogge ist ursprünglich ein friesischer Schiffstyp. Sie ist breit, bauchig und flach mit hochgezogenen Seiten. Größer und ausladender als die Schiffe der Nordmänner kann die Kogge mehr Ware, größere Lasten, mit geringerer Besatzung transportieren.

Aufsehen erregender Fund am Darß

Stadtsiegel von Lübeck, 1255 Quelle: Stadt Lübeck

Die Jahrhunderte alte, viel befahrene Handelsroute entlang der Ostseeküste ist für Meeresarchäologen zugleich einer der interessantesten Schiffsfriedhöfe der Welt. Im Jahr 1977 entdeckten Rettungsschwimmer ein unbekanntes Wrack auf dem Grund. Sie vermuteten, es könnte sich um ein Schiff aus der Hansezeit handeln. Doch dem Wissenschaftlern des Schifffahrtsmuseums in Rostock sind die Hände gebunden. Nachforschungen oder gar Bergungsarbeiten vor der Küste waren zur Zeit des "Eisernen Vorhangs" nicht möglich. Das Schiff auf dem Meeresgrund läßt seinem Entdecker, Detlev Mohr, keine Ruhe. Im Jahre 2000 findet er in dem Unterwasser -Archäologen Thomas Förster einen ebenbürtigen Mitstreiter. Gemeinsam gewinnen sie die zuständigen Behörden und Förderer für ihr Projekt. Was sie zu Tage fördern, ist eine Sensation: Das Wrack ist eine gut erhaltene Hansekogge vom Beginn des 14. Jahrhunderts.

Längsschnitt durch den Laderaum einer Kogge Quelle: ZDF

Die Wissenschaftler stellen fest: Das Eichenholz für die Planken stammt aus der Weichselmündung. Die Eichen, die zum Bau des Schiffes benutzt wurden, wurden nahe der Stadt Elbing geschlagen, in den Jahren zwischen 1298 und 1313. Das Elbinger Siegel von 1250 zeigt, wie die Kogge ausgesehen haben könnte. Das Frachtschiff ist 16,50 Meter lang und 7,60 breit. Die Planken 3,50 cm stark und aus einem Stamm herausgesägt. Der flache Boden geht in steile Bordwände über. Die einzelnen Planken sind in Klinkertechnik, übergreifend durch eiserne Nägel miteinander verbunden. 70 bis 80 Tonnen Ladung konnte die Koggen nach Berechnung der Forscher tragen. Die Rumpfform entspricht der Tradition friesischer Frachtsegler. Die Darßer Kogge stammt aus der Weichselregion, sie beweist: Mit den Hanse-kaufleuten hielt neue Technologie im Ostseeraum Einzug.

Was Funde und Ausrüstung verraten

Am gut erhaltenen Heck befand sich ein Heckruder. Das Schiff ließ sich gut steuern. Neben den Planken finden die Taucher Decksbalken auf dem Grund. Am mehr als 10 Meter langen Kielbalken ist deutlich die Mastspur zu erkennen. Nahe dem Steven ist ein Bereich des Frachtraums erhalten. In ihm entdecken die Forscher die eigentliche Sensation: Reste der Ladung, die eindeutige Rückschlüsse auf die letzte Fahrt des Seglers erlauben. Zunächst: Tausende von Fischgräten ohne Köpfe. Die Lösung: Die Kogge transportierte Klippfisch, getrockneten Fisch aus Norwegen und sogar von den Shetlandinseln. Fundamente hansischer Gebäude dort sind der Beleg. Und ein Grabstein erzählt Geschichte: 1573 verstarb hier Kapitän Segbard Detgen aus Bremen. 52 Jahre hatte er Handel mit den Shetlands getrieben. Die bauchigen Koggen kämpften sich fast tausend Seemeilen über das offene Meer um das begehrte Handelsgut dort zu kaufen, wo es preiswert war: Beim Erzeuger.

Tauch-Fund in der gesunkenen Darßer Kogge Quelle: ZDF

Klippfisch diente neben Salzhering überall in Europa als Fastenspeise. Er kam aus Bergen oder von den Shetlands in die Häfen der Nord- und Ostseeküste. Die Darßer Kogge war auf dieser Route unterwegs. Sie hatte aus Norwegen kommend Stockfisch geladen, Rentiergeweihe, Wetzsteine aus Glimmer und, für die Forscher eine Sensation: Ein Fass mit Schwefel aus Island. Das Schiff war also ein Bergenfahrer, wegen der dafür erforderlichen Sund-Durchfahrt um Skagen auch "Umfahrer" genannt. Die Verträge der Hanse mit dem norwegischen König erlaubten ihr den Handel mit wenigen Ausnahmen nur über das Bergener Kontor. Der direkte Handel mit Island war ein Verstoß gegen die Interessen des Königs. Das scherte die Hanse-Kaufleute aber wenig. Im Heck der Darßer Kogge findet Thomas Förster auch eine Hansekanne aus Zinn mit den Besitzmarken mehrerer Eigentümer, Hinweis auf die mögliche Anwesenheit des Kaufherren.

Koggen, Holken und Kraweele

Die Kogge gelangte aus dem Mittelmeer in die Ostsee. Und auch in der Folgezeit gelangten Neuerungen von dort nach Norden: Das geschah über Schiffbauer, die den Kaufleuten folgend in neu gegründeten Städten ansässig wurden. Und nachweislich auch durch Schiffsverkäufe: So erwarben Hamburger Kaufleute im Jahr 1466 ein Kraweel aus Flandern, als Vorbild für weitere Frachtschiffe. Den Beweis liefert das Wrack eines ebenfalls in der Ostsee geborgenen Seglers. Anhand der Holzanalyse steht fest: Er wurde in Hamburg gebaut, nach 1476.

Nachbau einer mittelalterlichen Kraweel "Lisa von Lübeck"
Nachbau einer Kraweel "Lisa von Lübeck" Quelle: dpa

Verbesserte Rumpfkonstruktion und Weiterentwicklung der Takelung erlauben den Bau immer größerer Schiffe. Im 14.Jahrhundert kommt ein neuer Schiffstyp in Gebrauch, der die Kogge nach und nach verdrängt: Die Holk. Holken können mehr als 300 Tonnen Last befördern. Sie sind bauchiger und erhalten teils mehrstöckige Aufbauten an Bug und Heck. Mitte des 15.Jahrhunderts erobert dann das Kraweel die Meere. Seine Kennzeichen sind drei Masten statt eines einzigen, Schnelligkeit und Tragfähigkeit über 400 Tonnen. Wrackfunde belegen Tragfähigkeiten bis zu 800 Tonnen. Als mit schweren Kanonen bewaffnetes Kriegsschiff setzt sich das Kraweel in Nordsee und Atlantik durch. Damit beginnt die große Zeit der Entdecker und des Überseehandels nach Amerika, Afrika und Asien. Nur wenige Städte der Hanse nehmen an dieser Entwicklung noch Teil.

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