Die Lagerstätte von Hallstatt

Ältestes Salzbergwerk der Welt birgt spektakuläre Funde

Ein wichtiges Industriezentrum nahe der Route der legendären Bernsteinstraße, die quer durch Europa bis zur Ostsee führte, war Hallstatt. Im heutigen Österreich eine abgeschieden Region am Hallstätter See. In der späten Bronzezeit, etwa um 1200 vor Christus, für arbeitswillige Siedler ein lohnendes Ziel.

Landschaft Hallstatt Quelle: ZDF

3500 Jahre altes Bastseil

In der Nähe erhebt sich der so genannte Salzberg, der in jener Epoche für den Wohlstand der Menschen sorgte. Die Lagerstätte von Hallstatt gilt als das älteste Salzbergwerk der Welt. Um 500 vor Christus gab es dort eine Katastrophe. Ein gewaltiger Bergrutsch begrub alles unter sich.

Für Aufsehen in der Fachwelt sorgte der Archäologe Dr. Kern. Mit seinem Team kann er nachweisen, dass in Hallstatt viel früher als bisher angenommen Salz gefördert wurde. Auf der Liste der Indizien ganz oben steht ein Bastseil. Aus Lindenrinde geflochten, nachweislich 3500 Jahre alt - eine Rarität. Das älteste je gefundene Seil hat den Zahn der Zeit nur wegen der konservierenden Wirkung des Salzes überstanden.

Bastseil von Hallstatt

Die Arbeit in den engen Stollen bei geringer Luftzufuhr war eine Tortur. Mit Kienspänen im Mund hackten Männer und Kinder das harte Salz aus den Wänden. Jede Fackel brannte nur fünf Minuten. Meterhohe Schichten von Kienspanresten sind bizarre Relikte des damals intensiven Bergbaus. Schon bald erforderte er eine Wandlung der Gesellschaft. Im Umland entstanden Betriebe und Siedlungen, die für Hallstatt produziert haben. Das funktionierte wie heutzutage eine Firma. Einige waren für die Nahrungsmittel zuständig, andere für Gerätschaften, Holzwerkzeuge oder Metallwerkzeuge. Nur so konnte der Salzabbau funktionieren.

Holzstiegen in Serienproduktion

Mit einem Presslufthammer befreien Archäologen die erste Holzstiege der Menschheit aus dem Salzgeröll. Auf der über einen Meter breiten Schürfstiege konnten mehrere Personen nebeneinander stehen. Die Konstruktion funktioniert ohne ein einziges Stück Metall und ist flexibel. Die Trittflächen waren verstellbar und konnten der Neigung des Salzstollens problemlos angepasst werden. Inzwischen sind die Wissenschaftler auf weitere Exemplare gestoßen. Das Gerät wurde also in Serie produziert. Das Alter der Hilfstreppen datieren Spezialisten auf 1344 vor Christus.

Holzstiege von Hallstatt

Die Bronzezeitler schätzten offenbar auch eine gewisse Hygiene. Mussten sie ein stilles Örtchen aufsuchen, nahmen sie Blätter mit als Toilettenpapier. Die vom Salz über Jahrtausende konservierten Exkremente der Bergleute sind für die Wissenschaftler von heute einzigartige Studienobjekte. Im Naturhistorischen Museum Wien kommen die organischen Überreste zu Dr. Kern und seinen Kollegen ins Labor. Die Untersuchung soll Aufschluss geben über Essgewohnheiten und Krankheiten der Männer aus Hallstatt. Die prähistorischen Kotpartikel werden auf Parasiten getestet. Das Ergebnis verwundert nicht. Bandwurmeier deuten auf den Verzehr von rohem Fleisch hin, Peitschen- und Spulwürmer auf einfachste Lebensumstände. Vermutlich hausten die Menschen auf engstem Raum mit Tieren zusammen.

Bronzezeitliches Toilettenpapier

Untersuchung von Blättern mit Exkrementen Quelle: ZDF

Der Biologe Dr. Vitek bestimmt das bronzezeitliche Toilettenpapier. Die Pflanze gehört zu den Korbblütengewächsen. Sie gedeiht rund um Hallstatt - in sehr feuchter Umgebung. Bei den Pflanzenresten handelt es sich wahrscheinlich um eine Pestwurz. Die Pestwurz enthält antiseptische Inhaltsstoffe und wurde wahrscheinlich über Jahrhunderte oder Jahrtausende als Medizin verwendet oder auch für andere Zwecke wie als Toilettenpapier. Die Bergleute benutzten die Pestwurz auch als Wundauflage, um sich gegen Darmwürmer Linderung zu verschaffen. In Bayern nennt der Volksmund die Pflanze noch heute "Arschwurzen".

Den Betrieb von Hallstatt organisierte ein effektives Management. Firmeneigene Bauern versorgten die Arbeiter täglich mit Nahrung. Schon in der Bronzezeit wussten die Menschen, wie sie die Haltbarkeit der frischen Lebensmittel verlängerten. Und zwar durch Einsalzen. Bis zu 2000 Schweinehälften hängten die Schlachter in den Stollen auf. Im Rauch der Fackeln und Kienspäne wurde das Fleisch geräuchert. Im Berg gab es keine Fliegen, die Temperatur lag konstant bei acht Grad Celsius - wie in einem modernen Kühlschrank.

Schweinehälften werden in den Schacht getragen (Spielszene) Quelle: ZDF

Ausgeklügelte Logistik

Der Produktionsstätte war eine Art Vertriebsabteilung angeschlossen, die den Salzverkauf mit ausgeklügelter Logistik regelte. Aus der Landbevölkerung formierte sich eine Gruppe von Kaufleuten. Sie stiegen in das internationale Geschäft ein und zogen in die Welt, um ihre Produkte feilzubieten und gegen andere einzutauschen. Vielleicht auch in der fernen Ägäis.

Begonnen hat der Aufschwung mit der Jagd nach Kupfer und Zinn, um den Heißhunger nach Bronze zu stillen. Die Nachfrage brachte den Seehandel ins Rollen. Der Anfang einer goldenen Ära, in der neue Ideen die Welt eroberten. Das östliche Mittelmeer erlebte einen Wirtschaftsboom, der sich über ganz Europa bis hoch in den Norden fortsetzte. Erst Klimaeinbrüche und Kriege stürzten die Menschen ins Chaos. Das Ende der Bronzezeit.

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