"Die Legende einer verlorenen Stadt"

Interview mit Thierry Jamin und Herbert Cartagena

Filmautorin Uta von Borries sprach mit den Forschern Thierry Jamin und Herbert Cartagena unter anderem über Abenteuerlust, Schwierigkeiten bei Expeditionen und über Paititi.


Uta von Borries: Was ist eigentlich Paititi?

Lebenstraum


Thierry Jamin: Paititi ist eine fantastische Geschichte. Das ist die Legende einer verlorenen Stadt am äußersten Ende Perus. Man weiß nicht genau, ob es ein Mythos oder historische Wahrheit ist. Seit fünf Jahrhunderten bemühen sich Generationen von Forschern darum, Paititi zu finden. Vor einigen Jahren haben Herbert Cartagena und ich selbst einen Ort im Süden Perus gefunden, im peruanischen Andengebiet, von dem wir glauben, dass es sich um Paititi handeln könnte. Wenn es Paititi ist, dann wäre das eine archäologische und kulturelle Revolution für Peru und ganz Südamerika.



von Borries: Was bedeutet es Ihnen, Paititi zu finden?



Jamin: Das ist mein Lebenstraum. Ich habe meine Studien an den Universitäten Paris und Toulouse absolviert. Alles im Hinblick auf diese Forschungsarbeit. Ich denke daran, seit ich 15 Jahre alt bin. Das ist ein Traum, den ich hoffentlich dieses Jahr verwirklichen kann.


von Borries: Was bereitet Ihnen bei den Expeditionen am meisten Schwierigkeiten?


Jamin: Wir haben bereits fünf oder sechs Expeditionen organisiert. Für mich liegt das Problem darin, dass wir uns in Regionen bewegen, in denen praktisch seit Jahrhunderten niemand mehr gewesen ist oder in denen überhaupt noch nie jemand war. Geographische Schwierigkeiten, zerklüftetes Gelände und die Moskitos - deshalb sind unsere Expeditionen oft nicht so gelaufen, wie sie eigentlich hätten laufen sollen.

Abenteuer und Forschung


Herbert Cartagena: Jede Expedition ist problembehaftet. 2001 ist das Boot zerschellt. Wir haben beinahe die Insassen verloren. 2004 ist das Boot gekentert. Das Stromaggregat, die Lebensmittel - wir haben fast das gesamte Material verloren. Wegen der Strömung konnten wir es nicht retten.



von Borries: Sehen Sie sich als Archäologen oder als Abenteurer?



Cartagena: Wir sind in erster Linie Archäologie-Forscher. Ich bin ein leidenschaftlicher Forscher in Sachen Archäologie, aber ich bin Amateur, kein Profi. Ich habe kein Diplom. Meine Kenntnisse habe ich mir selbst durch die Lektüre der Fachliteratur angeeignet oder von Kollegen vermittelt bekommen, auch von Thierry. Aber das Abenteuer zieht mich natürlich auch an.


von Borries: Was ist für Sie Abenteuer?


Cartagena: Abenteuer hat für mich immer mit Wissen zu tun, mit Wissensbereicherung. Man geht dabei über das hinaus, was man kennt. Die Gefahr, die Emotion, das Adrenalin in sich hochsteigen zu spüren - das fühlt sich gut an, das hält mich am Leben. Ich hoffe, dass ich noch lange leben werde, um weitermachen zu können.

Leidenschaftliches Interesse


von Borries: Was treibt Sie an, weiterzumachen?


Cartagena: Die Überzeugung, dass wir eines Tages etwas finden werden. Ich glaube ganz fest daran, dass wir etwas finden werden. Wir werden uns durch den Urwald schlagen und Dinge erleben, die uns wehtun. Wir werden wieder tausend Stiche bekommen, aber wir werden schließlich doch ankommen.


Jamin: Leidenschaftliches Interesse an Peru, an der Geschichte des Landes, an den verschwundenen Zivilisationen. Bei jeder Expedition haben wir etwas Neues gefunden. Wir sind uns sicher, dass es diesen Ort gibt, und diese Gewissheit verleiht mir Flügel. Ich möchte diese Stätte mit meinen eigenen Augen sehen.


von Borries: Was ist Ihre größte Sorge bei den Expeditionen?


Jamin: Die Plünderung der Fundstelle. Es gibt viele Schatzsucher, die uns beobachten. Wir möchten das große Kulturerbe Perus, das dort verborgen liegt, entdecken und der Welt bekannt machen. Aber wir müssen es vor Plünderungen durch andere Schatzsucher schützen.

Finanzielle Schwierigkeiten


von Borries: Wie finanzieren Sie Ihre Expeditionen?


Jamin: Es gibt nur wenige Institutionen, die sich bereit finden, solche Touren zu unterstützen. Für 15 bis 20 Tage Expedition müssen wir elf Monate lang mit finanziellen Schwierigkeiten fertig werden - Herbert in Cuzco und ich in Paris. Wir versuchen die ganze Zeit, Geld aufzutreiben für diese sehr kostspieligen Expeditionen. Universitäten und Forschungsinstitute haben kein Geld dafür. Also müssen wir auf privates Geld zurückgreifen, auf unsere Ersparnisse. Das Geld für mein Flugticket habe ich mir von Freunden geliehen. Das muss ich zurückzahlen.


von Borries: Wo liegen die Wurzeln Ihrer Leidenschaft für Paititi?


Jamin: Das reicht in meine früheste Kindheit zurück. Ich war immer vertieft in die faszinierenden Geschichten des Colonel Fawcett der sein ganzes Leben damit verbracht hat, eine verschwundene Stadt zu suchen. Wahrscheinlich hat er sie nie gefunden. Aber für mich war und ist er der Held meiner Kindheit, mein persönlicher Held. Ich war auch ganz hin und weg, als es die Fernsehserie "Die Mysteriösen goldenen Städte" gab, die Abenteuer von TinTin. Schon als ich noch klein war, habe ich Bücher über Archäologie gelesen. Die Geschichte der verschwundenen Zivilisationen Südamerikas, vor allem die von Peru, haben mich schon immer begeistert. Mit 15 fand ich in den USA eine Zeitschrift mit Satellitenbildern, die pyramidenähnliche Strukturen im Regenwald zeigten, in einer Gegend, in der man bereits vor 450 Jahren nach Paititi gesucht hat. Seitdem höre ich nicht mehr auf, in dieser Region zu suchen. Es gibt eine leise Stimme in mir, die mich leitet und mir sagt: "Es gibt da etwas Verborgenes. Geh' hin und such' es!"

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