Die Macht der Frauen

Männchen werben, aber Weibchen wählen

Sie kommen imposant daher. Sie strahlen Dominanz und Stärke aus. Oft sind sie prächtiger gefiedert, bunter gefärbt, bulliger gebaut als ihre schlicht und schüchtern wirkenden Weibchen. Die Männer vieler Wirbeltiere vermitteln auf den ersten Blick Bedeutsamkeit und Macht. Doch oft ist der Unterschied zwischen Schein und Sein ungeahnt groß, denn in Sachen Familienplanung haben meist die Damen die Hosen an - und das hat weitreichende Folgen.

See-Elefanten
See-Elefanten Quelle: ZDF

Dass Männchen, wenn es um Familienleben und Liebe geht, körperliche Überlegenheit gegen ihre Weibchen einsetzen, kommt eher selten vor. Die Herren der Schöpfung verfolgen im Wesentlichen zwei Strategien, um bei den Damen zum Zuge zu kommen. Die einen bevorzugen die direkte "Anmache", indem sie sich vor den Augen der Weibchen in arttypischer Weise produzieren: Sie singen, tanzen, zeigen ihre Kraft oder geben mit einer guten Behausung an und versuchen auf solche Weisen das andere Geschlecht zu beeindrucken. Das Okay oder das No kommt dann aber immer von ihr. Die anderen Kerle regeln die Ansprüche zunächst einmal unter einander: Sie kämpfen eine Rangordnung aus, wobei es sehr derb zugehen kann, und nur der Sieger darf die Weibchen beanspruchen. Wann der dann aber tatsächlich zu seinem Recht kommt, entscheiden in den meisten Fällen wieder die Damen.

Prächtige Pantoffelhelden

Ein leuchtendes Beispiel für Typen mit hohem Anspruch und relativ bescheidener Wirklichkeit sind die Dschelada-Männchen. Mit wallender Mähne und furchterregendem Gebiss schinden sie gewaltig Eindruck - untereinander und auch beim menschlichen Beobachter. Nur die Weibchen lässt das Macho-Gehabe ziemlich kalt. Sie leben mit ihren Geschlechtsgenossinnen, mit denen sie meist auch verwandt sind, in kleinen Harems (1 - 12 Weibchen) zusammen. Chef ist ein Männchen, das aber eher für die "Außenpolitik" zuständig ist und im Harem selbst wenig zu melden hat. Daneben können sich noch Männchen niederen Ranges, so genannte Follower, bei der Gruppe aufhalten, die zwar flirten dürfen, aber mehr auch nicht. Mehrere solcher Harems - insgesamt bis zu 260 Tiere - leben gemeinsam in einem Gebiet, in dem die Tiere Gras als fast ausschließliche Nahrung und Wasser finden. Bei Gefahr helfen sie einander, bei "innenpolitischen" Streitigkeiten bilden sie Koalitionen, in denen auch die Weibchen mitmischen.

Gelegentlich, vor allem bei Nahrungsknappheit, schließen sich mehrere solcher Großgruppen zu Herden von bis zu 600 Individuen zusammen. Solche Verbände sind jedoch sehr instabil. Allein die starken Bindungen der Weibchen untereinander garantieren die Zusammenhalt auf Haremsebene. Wenn ihnen der Harem zu groß wird und ein attraktives Männchen in der Nähe ist, dann wechseln sie, ganz gleich, was der "Chef" dazu sagt. Daher sind die vermeintlichen Herren stets bemüht, sich des Rückhalts ihrer vermeintlichen Untertanen zu versichern, indem sie sich beispielsweise um die Kinder kümmern und auch sonst "soziale Kompetenz" aufscheinen lassen - Freundlichkeiten, die bei den Damen ankommen, nicht nur bei Dscheladas.

Paradiesvogel balzt
Paradiesvogel balzt Quelle: ZDF

Gefährliches Gefallen

Die Macht der Frauen zeigt sich jedoch nicht nur, wenn es heißt: "Damenwahl". Die weiblichen Entscheidungen haben langfristig Einfluss auf die männlichen Formen, sowohl auf Körper als auch auf Verhalten. Indem sie bestimmte Merkmale oder Eigenschaften der Bewerber bevorzugen, sorgen die Weibchen dafür, dass sich diese "Pluspunkte" in den folgenden Generationen paarungswilliger Verführer immer stärker durchsetzen. "Female Choice" oder "sexuelle Selektion" heißen die Stichworte. Da sich beispielsweise Pfauen-Hennen unter anderem durch farbenprächtiges langes Schwanzgefieder beeindrucken lassen, haben sich die Hähne entsprechend entwickelt. Dafür haben sie Tarnung und Fluchtvermögen eingebüßt beziehungsweise reduziert - gefährliche Zugeständnisse an die holde Weiblichkeit.

Doch diese Extrementwicklung balanciert sich von selbst aus. Bislang sind offenbar so viele Hähne ihren Fressfeinden entkommen, dass sie genügend Nachkommen zeugen konnten. Ähnliches gilt auch für viele Paradies-Vögel, bei denen die Männchen mit höchst unpraktischem Federschmuck durchs tropische Geäst turnen, um bei den unscheinbaren Weibchen anzukommen. Auch diese faszinierenden Vögeln scheinen das Optimum erreicht zu haben. Jede weitere Entwicklung, die so nachteilig für einen Hahn wird, dass er nicht mehr zur Fortpflanzung kommt, wird durch seinen genetischen Ausfall gebremst. Das trifft ebenso auf extravagante Verhaltensweisen wie besonders anstrengende Performance oder aufwändige Bautätigkeiten zu. Im Augenblick der Überforderung zieht die Evolution, genauer gesagt die Selektion, die Notbremse. So sind die Herren, wie die Damen sie möchten, aber innerhalb "vernünftiger" Grenzen.

Bullige Beachmaster

Ja, es gibt sie auch - die die harten Kerle, die ein anderes Frauenbild zu haben scheinen. So sind die Bullen der See-Elefanten Respekt einflößende Erscheinungen, doch das hat in diesem Fall wenig mit den Wünschen der Weibchen zu tun. Die werden nämlich von ihren wenig zimperlichen Männchen nicht gefragt.

See-Elefantenkampf
See-Elefantenkampf Quelle: ZDF

Haben die Bullen nach spektakulären Fights geklärt, wem die an einem bestimmten Strandabschnitt lagernde Damenschar gehört, robbt sich der Sieger, der so genannte Beachmaster, gleich wieder an seine Weibchen heran, um für Nachwuchs zu sorgen - ohne Rücksicht auf im Weg liegende Jungtiere und die Wünsche der Kühe. Solche Feinheiten zu berücksichtigen, hat ein männlicher See-Elefant gar keine Zeit. Bis zu 50 Weibchen gilt es schließlich zu begatten, während ständig Konkurrenten auftauchen. Und im Prinzip sind die Damen ja so weit.

Auch bei vielen Haien haben die Weibchen oft keine Wahl. Kaum zeichnet sich ihre Empfängnisbereitschaft ab, nehmen manchmal ganze Rudel von liebestollen Verfolgern ihre Duftspur auf. Einige prügeln sich um die Poleposition, andere beißen sich einfach an den Flossen ihrer Auserwählten fest und zwingen sie zur Kopulation. Ob man da noch von "einvernehmlicher" Paarung sprechen kann, ist für den menschlichen Beobachter schwer zu entscheiden. Physiologisch ist das Weibchen gewiss darauf eingestellt, denn das hat sie mit ihrem Duft signalisiert. Wie ja überhaupt das Liebesgeschehen bei allen Tieren von Vielem gesteuert wird - nur nicht vom freien Willen.

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