Die Maß-Mission

Wie die Menschen zum Meter fanden

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein herrschte in Europa ein Chaos der Maßeinheiten. Zwar konnten sich die Baumeister und Architekten der europäischen Kathedralen auf eine gemeinsame Elle einigen, und die Statik dieser Gebäude beruht auf genauen Messungen und Berechnungen von Generationen von Baumeistern. Doch um die Kathedralen herum, auf den Marktplätzen, gab es eine unüberschaubare Vielfalt von Maßen.

Mittelalterlicher Markt, von oben gesehen
Auf den Marktplätzen Europas wurde mit vielerlei Maß gemessen und gewogen. Quelle: ZDF

Jede Stadt konnte selbst bestimmen, wie groß ein Gewicht oder eine Länge sein sollte. Ein reisender Händler musste sich überall neu orientieren. Die für den jeweiligen Markt gültigen Maße fand er am Stadttor, am Rathaus oder an der Kirchenmauer.

Ein Maß für alle

Wenn zum Beispiel ein Tuchhändler in der einen Stadt Rollen mit je 100 Ellen Stoff gekauft hatte, hatte er auf dem Markt einer anderen Stadt möglicherweise nur noch 90 Ellen Tuch zu verkaufen, wenn die dort gültige Elle viel länger war. Auf diese Weise musste er in fast jeder Stadt seine Preise neu kalkulieren. Sogar innerhalb von Paris waren auf dem Markt zwei verschiedene Gewichte in Gebrauch. Acht französische Könige waren bisher daran gescheitert, Vorschriften über Standardmaße und -gewichte zu erlassen - unter anderem weil dies den Interessen des Adels widersprochen hätte.

Doch mit der französischen Revolution 1789 begann eine neue Zeit. Die Franzosen kämpften für die Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und weil Gleichheit auch ein gleiches Maß für alle Menschen bedeutete, sollte eine Kommission die Basis für ein neues Maß finden. Aber was war so dauerhaft und unveränderlich, dass es als allgemeiner Maßstab dienen konnte? 1791 kam die Kommission auf eine Idee: Weil nichts so beständig erschien wie der Umfang der Erde, sollte der zehnmillionste Teil eines Erdmeridian-Quadranten zum neuen Maßstab werden. Allerdings musste man dafür den genauen Umfang der Erde messen - eine knifflige Aufgabe.

Frankreichs wahre Größe

Historische Karte Frankreichs mit Triangulationsdreiecken
Frankreich wurde im 17. Jahrhundert erstmals vermessen. Quelle: ZDF

Die Franzosen besaßen einen reichen Erfahrungsschatz. Bereits hundert Jahre zuvor hatte Ludwig XIV. die erste exakte Landvermessung der Geschichte beauftragt. Mithilfe der Triangulation gelang diese bahnbrechende Leistung - obwohl das Ergebnis damals eine unangenehme Überraschung zutage brachte: Frankreichs Fläche schrumpfte um 20 Prozent. Der Sonnenkönig soll entsetzt ausgerufen haben: "Ihre Landvermessung hat mich mehr Land gekostet, als alle meine Feinde mir bisher nehmen konnten!"

landvermessung mit Triangulationsturm (Spielszene)
An manchen Messstrecken errichteten die Kartografen Vermessungstürme. Quelle: WDR

Noch war es aber nicht möglich, die komplette Strecke vom Äquator bis zum Nordpol und damit den Meridianbogen zu vermessen. Im Sommer 1792, mitten in den Wirren der französischen Revolution, beauftragt die Französische Akademie der Wissenschaften die beiden Geodäten Jean-Baptiste-Joseph Delambre und Pierre-François-André Méchain, die Länge des Meridian-Abschnitts zwischen den beiden Städten Barcelona und Dünkirchen als längstmögliche Nord-Süd-Strecke innerhalb Frankreichs zu erfassen und das Ergebnis hochzurechnen. Delambre startete in Dünkirchen am Ärmelkanal die abenteuerliche Expedition, Méchain in Barcelona im Süden.

Bedeutung der Fixsterne

Eine entscheidende Hilfe bei den Vermessungsarbeiten war die Orientierung an Fixsternen. Ein Beispiel hierfür ist der Polarstern: Je weiter nördlich auf der Erdkugel der Beobachtungspunkt liegt, desto höher steht er am Himmel. Fanden die Kartografen also den Polarstern am nördlichen Ende der Vermessungsstrecke um zehn Grad höher als am südlichen, wussten sie, dass sie auf der Erde ebenfalls einen Bogen von zehn Grad abgemessen hatten. Diese Strecke multipliziert mit neun ergibt die Länge des Bogens eines Erdquadranten von 90 Grad.

Winkelmessung des Polarsterns (Trick)
Je weiter nördlich der Breitengrad, desto höher steht der Polarstern. Quelle: ZDF

Delambre und Méchain peilen von einem markanten Punkt zum nächsten. Wo es keine Kirchtürme oder natürliche Erhöhungen gibt, müssen sie eigens Vermessungstürme bauen. Unterbrochen wird das Projekt immer wieder durch politische Unruhen. Denn in diesen Jahren wird der Norden Frankreichs von preußischen Interventionstruppen besetzt, an der spanischen Grenze marschiert das französische Revolutionsheer auf. Méchain wird unter Arrest gestellt. Nach sechseinhalb Jahren, 1799, können die Kartografen endlich ihr Ergebnis vorlegen: Der Urmeter ist geboren.

Siegeszug des Meters

Das neue Maß wird in 100.000 Ausführungen hergestellt und im ganzen Land als verbindliches "Ur-Maß" verteilt. Vom altgriechischen Wort für Maß, "metron", leitete die Kommission seinen Namen "mètre", zu Deutsch Meter, ab. Was man damals nicht wusste: Um exakt der zehnmillionste Teil eines Erdmeridian-Quandranten zu sein, ist der Urmeter um 0,2 Millimeter zu kurz, teils aufgrund kleinerer Messfehler, teils weil die Erde keine perfekte Kugel ist, sondern an der Oberfläche unregelmäßig geformt. Dessen ungeachtet war bis 1960 eine Metallstange, die im Internationalen Büro für Maße und Gewichte in Sèvres aufbewahrt wurde, das Urnormal des Meters. 1983 erfolgte die Neudefinition des Meters auf Basis der Lichtgeschwindigkeit: Ein Meter ist seitdem die Strecke, die das Licht im Vakuum in 1/299.792.458 Sekunden zurücklegt.

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