"Die meisten Seeleute starben an einer Seuche"

Fragen an den Archäologen Fred Hocker

Der Archäologe Fred Hocker beschäftigt sich schon lange mit alten Kriegsschiffen und maritimer Wirtschaft, vor allem des Mittelalters und der Renaissance. Seit 2003 forscht er für das Vasa Museum in Stockholm.

Archäologe Fred Hocker
Archäologe Fred Hocker

ZDF: Wie lief eine Schlacht auf See ab?

Fred Hocker: Nun ja, denjenigen von uns, die an moderne Videospiele gewöhnt sind, mögen Seekriege in dieser Zeit wie eine sehr langsame Angelegenheit erscheinen. Und das war es wohl auch teilweise. Aber ich vermute, die damaligen Seeleute empfanden es als sehr schnell. Die meisten Schlachten dieser Zeit begannen langsam, man musste sein Schiff in die richtige Position zum anderen Schiff bringen und das konnte Stunden oder sogar Tage dauern. Besonders wenn man mit der gesamten Flotte arbeitete, die wie eine einzige Waffe funktionieren sollte.

Fünf Minuten zwischen jedem Schuss

Schlachtszene Großer Nordischer Krieg (Animation)
Schlachtszene Großer Nordischer Krieg (Animation)

Zwei gegnerische Flotten in eine Position zu bringen, in der beide Seiten bereit sind, das Feuer zu eröffnen, kann eine lange Zeit dauern, manchmal Tage. Aber wenn die Schlacht einmal begonnen hat, gilt es so schnell wie möglich zu laden und abzufeuern.Damals lagen vielleicht drei bis fünf Minuten zwischen jedem Schuss, auch wenn uns das heutzutage nicht mehr sehr schnell erscheint. In diesen drei bis fünf Minuten wurde eine Menge Arbeit geleistet, um die Kanone zu laden, sie in Stellung zu bringen, abzufeuern und danach zu reinigen, zu laden und das gleiche noch mal zu machen.

ZDF: Wie hat die Kommunikation zwischen den Schiffen während einer Schlacht überhaupt funktionieren können?

Hocker: In jedem Zeitalter mussten Wege gefunden werden, über die Schiffe miteinander kommunizieren konnten, wollte man mit mehr als einem in den Kampf ziehen. Heute benutzen wir Bordfunk oder andere Formen optischer Nachrichtenübermittlung. Aber im 17. und 18. Jahrhundert war die einzig wirkliche Möglichkeit, mit einem anderen Schiff zu kommunizieren, der Gebrauch von Flaggen. Ein visuelles Zeichen, das von einem Schiff aus auf einem anderen gesehen werden konnte. Es ist wirklich eine Sprache, mit Flaggen eine Nachricht von einem Schiff zum anderen zu übermitteln. Und im 17. und 18. Jahrhundert, war die Flaggensprache sehr gut entwickelt.

ZDF: Wie groß waren die Besatzungen an Bord der Kriegssegler?

Hocker: Die Entscheidung über die Größe der Besatzungen basierte auf einer Vielzahl von Faktoren: Man musste genügend Seeleute haben, die das Schiff segelten plus ausreichend Männer, die die Kanonen bedienten und das Schiff im Kampf verteidigten. Außerdem musste eine Person das feindliche Schiff entern. Und man musste damit rechnen, dass einige von ihnen im Kampf getötet wurden! Weil man im entscheidenden Moment nicht mit zu wenigen Soldaten ausgerüstet sein wollte, waren die meisten Flottenschiffe überbelegt.

Auf engstem Raume

Eine Überbelegung war auch deshalb nötig, weil immer davon auszugehen war, dass ein großer Teil der Besatzung an einer Seuche sterben würde. Die meisten, die vor 1900 dem Militär dienten und in Uniform starben, starben an einer Seuche, nicht im Kampf. Der erste Krieg, in dem mehr Menschen im Gefecht, als an einer Seuche starben, war der Erste Weltkrieg. Schiffe hatten ein Problem, weil sie eine große Anzahl an Besatzungsmitgliedern auf engem Raum beherbergten. Wenn einer erkrankte, waren bald alle krank. Diese Verlustmöglichkeiten musste man mit einplanen, man musste Soldaten in Reserve haben und konstant rekrutieren, um diejenigen zu ersetzen, die an einer Seuche starben oder im Kampf getötet wurden.

Opfer der Hedvig Sophia (Spielszene)
Opfer der Hedvig Sophia (Spielszene)

ZDF: Wie war der Alltag an Bord eines so großen Kriegsschiffes?

Hocker: Die meisten Quellen gehen davon aus, dass die Besatzungsmitglieder von Kriegsschiffen in erster Linie mit Langeweile zu kämpfen hatten. Die meiste Zeit segelten sie umher oder ankerten in einem Hafen. Gefechte waren nur ein sehr, sehr kleiner Bestandteil des Lebens auf See und die meisten der Kriegsschiffe, die jemals gebaut wurden, zogen nie in eine Schlacht. Und so war das Alltagsleben an Bord sehr routiniert: Man leistete seine reguläre Vier-Stunden-Schicht und hatte danach vier Stunden frei; man segelte das Schiff, es gab eine Menge harter Arbeit, alles erforderte viel Muskelkraft. Und so war man die meiste Zeit, in der man nicht arbeitete, müde und versuchte, die richtige Gangart zu finden, um nicht zu müde zu werden. Die Verpflegung in der schwedischen Flotte war generell mehr als angemessen, aber auch sie war langweilig. Tag für Tag das gleiche Essen, viele getrocknete Erbsen, viel gesalzenes Fleisch.

Harte Bestrafungen

Regelverletzungen wurden sehr hart bestraft. Bei den meisten Schiffsflotten dieser Zeit gab es zur Aufrechterhaltung der Disziplin sehr harte Bestrafungen, die vor schlechtem Verhalten abschrecken sollten. Und so wurden selbst Regelverletzungen, die wir heute als geringfügig betrachten würden, mit dem Tod bestraft oder man wurde unter dem Schiff hin- und hergeschleift und solche Sachen. Eine andere Sache war die große Entfernung von der Heimat. Das Leben eines Seemanns war kein schönes Leben, wenn man eine Familie hatte, die man liebte. Und eine Sache über Seeleute, die fast auf jedes Zeitalter zutrifft, ist, dass sie nicht viel über das Meer nachdenken. Sie denken daran, wieder an Land zu gehen und freuen sich darauf.

ZDF: Wie wichtig war Disziplin?

Hocker: Immer wenn eine große Anzahl von Soldaten oder Leuten zusammen in einem gefährlichen Umfeld arbeitet - egal, ob es irgendwo in einer Mine oder an Bord eines Schiffes ist - ist Disziplin sehr wichtig, rein aus Sicherheitsgründen. Die Leute müssen die richtigen Dinge zur richtigen Zeit tun, sie müssen aufmerksam gegenüber den Dingen sein, die sie umgeben. Als Seemann lebt man mehr im Jetzt als die Menschen an Land. Man muss die ganze Zeit wissen, was gerade passiert und muss sich an Regeln halten. In einem strukturierten Umfeld wie auf einem Schiff, braucht man einen Kapitän, man kann kein Schiff per Komitee führen.

Automatisierte Reaktionen

Man musste darauf vertrauen, dass die Offiziere das Richtige zu tun wissen, die Seemänner mussten den Offizieren gehorchen und das tun, was sie gesagt bekamen, ohne zu zögern, besonders im Kampf. Die Reaktionen mussten automatisiert sein und sogar während man das Schiff steuerte, nicht in einem Kampf, sondern in einem Sturm - die Sicht konnte schlecht sein, man konnte in Küstennähe sein, in Gefahr - musste man das Richtige tun, wenn es befohlen wurde. Und so gehörte die Aufrechterhaltung der Disziplin immer zu den höchsten Prioritäten innerhalb der sozialen Struktur auf einem Schiff.

ZDF: Warum hat der schwedische Konteradmiral Hans Wachtmeister mit aller Gewalt sein Schiff, die Hedvig Sophia, zerstört?

Hocker: Es ist ein wesentlicher Grundsatz von Militärtaktik, egal, ob an Land oder auf See, dass man dem Feind keinen Vorteil lassen will, wenn man eine Schlacht nicht gewinnen und das feindliche Schiff nicht einnehmen kann oder sogar eine Gefahr der Übernahme für das eigene Schiff besteht. Das Ziel in einer Seeschlacht ist nicht, den Feind zu vernichten, sondern sein Schiff zu kapern, weil man es dann in seine eigene Flotte aufnehmen kann. Bei einer Niederlage möchte man verhindern, dass das Schiff in feindliche Hände fällt. Dann ist es deine Pflicht die eigene Flotte zu versenken, so dass der Feind sie nicht bekommt. Genau das passiert auch heute.

Zerstörung vor Übernahme

Im Zweiten Weltkrieg versenkte die Besatzung der "Bismarck" ihr Schiff, so dass es nicht den Engländern in die Hände fallen konnte. Wachtmeister und seine Crew taten deswegen genau das, was von ihnen in dieser Situation erwartet wurde: Sie bewahrten das Schiff so gut sie konnten vor einer dänischen Übernahme. Obwohl es natürlich besser gewesen wäre, die Schlacht zu gewinnen oder mit dem Schiff zu entkommen. Sind einem aber diese beiden Möglichkeiten verwehrt, dann muss die nächste Option sein, das Schiff für den Feind unbrauchbar zu machen.

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