Die Minoische Zeit auf Kreta

Morgenröte der europäischen Kultur

Es ist eines der unsterblichen Liebesabenteuer, für die Gott Zeus schon bei den alten Griechen berühmt war: Zeus verliebt sich in eine phönizische Prinzessin mit Namen Europa. In Gestalt eines Stiers entführt er die Geliebte nach Kreta und zeugt mit ihr einen Sohn, Minos, der im Bund mit den Göttern Kretas Macht begründet.

Kultur der Paläste und Altäre

Ausgrabung: Minoischer Palast auf Knossos
Ausgrabung: Minoischer Palast auf Knossos Quelle: ZDF

König Minos wird, der Sage nach, vom Göttervater beraten und gibt seinem Volk kluge Gesetze. Seine Herrschaft reicht weit über die Inseln des Ägäischen Meeres hinaus. Doch die Gier wird dem König zum Verhängnis. Er betrügt den Meeresgott Poseidon um einen kostbaren Opferstier.Die Rache des Erzürnten folgt prompt: Er belegt die Königin mit einem Liebesbann und sie zeugt mit dem Stier den Minotaurus. Halb Stier, halb Mensch lebt das Ungeheuer in einem Labyrinth nahe dem Königspalast und muss durch Menschenopfer bei Laune gehalten werden. Tatsächlich entdeckten Archäologen auf Kreta nahe dem Hauptort Knossos einen gewaltigen Palast und viele weitere, die über die Insel verstreut liegen. Arthur Evans, der als der Entdecker von Knossos gilt, benennt die Kultur, auf die er stößt, nach dem sagenhaften König Minos. Er bezeichnet sie als die "Minoische Kultur".

Die ältesten Siedlungsspuren auf Kreta belegen: Die Insel war bereits vor 9000 Jahren von Menschen bewohnt. Der Aufstieg zum Machtzentrum gelingt mit Beginn des 3. Jahrtausends, als der Ausbau des Fernhandels über das Meer Kreta zum sichern Stützpunkt macht. Als Teil der Inselkultur des östlichen Mittelmeers entstehen auf der Insel palastartig gesicherte Speicher und Werkstätten in Verbindung mit Wohnräumen.

Kreta in günstiger Lage

Die geographische Lage zu den mächtigen Reichen der Hethiter, Assyrer, Babylonier und Ägypter auf dem Festland ist günstig. Die Entwicklung der Palastarchitektur spiegelt den steigenden Reichtum der kretischen Seefahrer-Könige. Über das Leben und den Alltag auf der Insel ist nur wenig bekannt. Wegen der zentralen Bedeutung der festungsartigen Handelshöfe sprechen Wissenschaftler weniger vom Volk der Minoer, als vielmehr von einer minoischen Palastkultur, die in unterschiedlichen Stufen den Beginn der europäischen Zivilisation prägt.

Um das Jahr 2000 vor Christus beginnt sich die Machtkonzentration in den Palästen zu beschleunigen. Lage und Ausstattung der Wohnräume über den Speichern und Werkstätten belegen, dass Macht und Reichtum bei einer Oberschicht liegen, die sich von der übrigen Bevölkerung abhebt. Die mächtigsten Palastbauten jener Zeit in Knossos, Mallia, Vasiliki und Phaistos sind zugleich Verwaltungszentren, denen unterschiedliche Siedlungsgruppen zugeordnet sind.

Heiligtümer und Handel

Heilige Orte für religiöse Kulthandlungen befinden sich zu allen Epochen der minoischen Zivilisation außerhalb von Siedlungen, in Höhlen und auf Berggipfeln. Doch Kulträume in Palastbauten nach 2000 vor Christus weisen darauf hin, dass die mächtigen Familien auch besonderen Zugang zur Welt der Götter besitzen. Um 1700 vor Christus verursacht ein Erdbeben schwere Zerstörungen. Dem sofortigen Wiederaufbau folgt eine Blütezeit minoischer Kultur und Macht, die ihr Zentrum nun in Knossos findet.

Ausgrabung eines minoischen Palastes
Ausgrabung eines minoischen Palastes Quelle: ZDF

Kreta ist im zweiten Jahrtausend vor Christus Heimat und Basis des ersten Reiches in der Geschichte, das seine Macht mit einer Flotte begründet. Das gesamte östliche Mittelmeer gerät unter seinen Einfluss. Seine Kapitäne beherrschen den Handel zwischen den Städten an der kleinasiatischen Küste und der ägäischen Inselwelt. Sie machen Geschäfte mit den Griechen auf dem Peloponnes, segeln über Kleinasien hinaus ins schwarze Meer und treiben Handel mit den Reitervölkern der russischen Steppe. Kretische Ortsnamen tauchen in einer Inschrift des ägyptischen Königs Amenophis II (1388 - 1351 v. Ch) auf. Wandbilder zeigen, dass der Austausch sich nicht nur auf Handelswaren wie Keramik und Metallgegenstände beschränkt, sondern auch Handwerkstechniken und Gemeinsamkeiten der Bildersprache ein- schließt.

Minoische Kolonien auf Nachbarinseln

Auf Kreta nahen Inseln wie Rhodos, Melos und besonders auf Thera, entstehen minoische Kolonien. Auf Thera legen Archäologen unter dicken Schichten Asche Reste der Hafenstadt Akrotiri frei, die um 1400 vor Christus durch Erdbeben und den anschließenden Vulkanausbruch zerstört wurde. Die Einwohner waren offensichtlich vorgewarnt: Während Tote und wertvoller Schmuck in den teils intakten Häusern fehlen, blieben Möbel und Keramik unzerstört zurück.

Theras Eigenständigkeit beweisen Wandbilder mit einer Fülle von Motiven: Blumen, Menschen, Landschaften und Kulthandlungen, die in dieser Bandbreite aus Kreta nicht bekannt sind. Viele der Keramikgefäße sind eindeutig minoischer Herkunft und zeitlich vor Beginn der minoischen Spätzeit einzuordnen. Zeitnah zum Vulkanausbruch auf Thera wird auch Kreta von Wellen der Zerstörung durch Naturkatastrophen heimgesucht. Danach, nach 1400 vor Christus, beginnt die letzte Phase der minoischen Palastkultur, die von neuen Einflüssen, von Machtverfall und griechischer Invasion geprägt ist.

Tempel, Schrift und Malerei

Die Götterwelt auf Kreta ist vielfältig. Einige Namen alter Gottheiten haben sich bis in die Zeit der Römer erhalten, wie der von Diktynna, Göttin der Tierwelt und der Berge. Andere werden später von griechischen Göttergestalten überlagert. Auf vielen Gefäßen und Wandbildern sind Darstellungen von Kulthandlungen überliefert. Danach bestimmten die verehrten Götter unterschiedliche Orte für ihre jeweiligen Rituale: In Hainen, Opferhöhlen und Bergheiligtümern, oder in den Höfen und Kulträumen der Paläste. Festliche Bankette und Prozessionen, Niederlegung geweihter Statuetten und Altaropfer in Natur und Tempeln - die Vielzahl bildlich überlieferter religiöser Festakte ist groß.

Minoische Klinge für Menschenopfer
Minoische Klinge für Menschenopfer Quelle: ZDF

Archäologen fanden auch den Beweis für Menschenopfer in der so weltoffenen Gesellschaft auf Kreta. Ein Erdbeben begrub die Teilnehmer der blutigen Zeremonie: Unter dem eingestürzten Dach eines Tempels entdecken die Forscher einen geopferten jungen Mann auf einem Altar, Priesterin und Priester und einen Diener mit dem Gefäß, in dem das Blut des Opfers aufgefangen wurde.

Stiersprung: Kultpraxis oder Sport?

Ein um 1400 vor Christus entstandenes Wandbild im Palast von Knossos zeigt junge Frauen und Männer, die über einen Stier hinweg springen. Ob es sich dabei um ein religiöses Ritual handelt, oder um sportliche Spiele ist ungewiss. Der Stierkult ist auf Kreta und im gesamten Mittelmeerraum verbreitet, ebenso, wie die Darstellung sportlicher Wettkämpfe, besonders von Laufwettbewerben und dem Faustkampf. Ob zur Körperertüchtigung, oder Religion, solange allein die Bilder existieren, ist keine Gewissheit möglich.

Als eine Kultur der Händler und Handwerker braucht die minoische Kultur verlässliche Dokumentationssysteme. Bereits vor 2000 vor Christus entstehen Siegelsteine auf denen unterschiedliche Zeichenkombinationen Versuche zur Entwicklung einer Schrift beweisen. Zu Beginn des zweiten Jahrtausends existiert ein anderes, neues minoisches Schriftsystem, von dem viele Dokumente überliefert sind, die bisher nicht entziffert werden konnten. Mit Ende der minoischen Palastkultur geht auch das Wissen verloren.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet