Die Muschelbrüder schlagen zu

Villon als Mitstreiter in einer kriminellen Vereinigung

Der Marktplatz in St. Denis, heute ein Vorort von Paris, ist im Mittelalter ein Ausflugsziel der Pariser Studenten und bekannt für seinen billigen Wein. Die jungen Männer kommen eigens zu den großen Märkten, um zu feiern und sich zu betrinken. Er könnte zu den von Villon besuchten Orten gehört haben.

Spielszene Muschelbrüder grüßen Villon in einer Taverne

In den Kneipen von St. Denis, wie auch in Paris tauchen im 15. Jahrhundert immer häufiger Männer auf, die sich mit einer Muschel schmücken. Die unheimlichen Gestalten werden von der Bevölkerung mit Argwohn betrachtet. Die Muscheln mit den typischen Bohrlöchern werden offensichtlich als Abzeichen getragen. Ursprünglich von Jakobspilgern, die sich damit als Pilgerreisende ausweisen wollten. Dann aber auch von Menschen, die nur vorgaben Pilger zu sein und dabei anderes im Sinn hatten.

Kriminelle Vereinigung

Was genau, das zeigt ein Aufsehen erregender Prozess im Jahre 1455 bei dem 27 Personen in Dijon vor Gericht stehen, und sich für ihre Verbrechen - Betrug, Diebstahl, Mord - verantworten mussten. Es handelt sich um eine kriminelle Vereinigung, die sich die Muschelbrüder nennt. Die Muschelbrüder haben eigene Gesetze. Sie sind zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet. Verrat bestrafen sie mit dem Tod. Sie wählen sogar aus den eigenen Reihen ihren König. Er regiert über Ex-Söldner, Ausgestoßene, Menschen ohne Zukunft. Eine Gesellschaft am Rande der Gesellschaft. Kidnapping und Lösegeldforderungen sind keine modernen Begleiterscheinungen einer Großstadt, sondern bereits im Mittelalter nachweisbar. Der Tagebuchschreiber berichtet von Gräueltaten in Paris.

In der Kneipe La Mule auf der Seine-Insel, unweit von Notre-Dame, isst Villon, oftmals auf Kosten des Hauses - dafür singt er hin und wieder. Die Taverne ist auch Treffpunkt der Unterwelt von Paris. Dass Villon inzwischen zu den berüchtigten Muschelbrüdern gehört, zeigen zwölf Balladen, die er im so genannten Jargon, der Geheimsprache der Bruderschaft verfasst hat, und deren Bedeutung bis heute nicht vollständig entschlüsselt ist. Der Jargon ermöglicht es den Mitgliedern in aller Öffentlichkeit ihren nächsten Coup zu planen.

Villon begeht Kirchenraub

Villon muss zumindest als Informant für die Geheimgesellschaft tätig gewesen sein. Er erinnert sich, wie er als junger Student am Collège de Navarre die vielen Goldstücke gesehen hat. Das Kolleg liegt im Quartier Latin, nur wenige Minuten von Notre-Dame entfernt. Während der Semesterferien sind die Studenten zuhause bei ihren Familien. Eine bessere Gelegenheit für einen Einbruch gibt es nicht. Im Schutz der Dunkelheit machen sich Villon und seine Kumpane auf den Weg zum Collège de Navarre. Unbemerkt von den Sergeanten der Stadtpolizei. Das Ziel der Bande ist die Sakristei des Kollegs, denn dort liegt das Geld verwahrt. Villon geht ein hohes Risiko ein. Er begeht Kirchenraub, ein Vergehen, das besonders hart bestraft wird. Bei einer Verhaftung wäre ihm diesmal der Galgen sicher.

In der Sakristei finden die Männer eine bewusst unauffällig gestaltete Truhe vor, in der die eigentliche Geldtruhe verwahrt ist. Die äußere Kiste ist kein Problem für die Einbrecher, aber das Innenleben der zweiten Truhe hat es in sich. Einen gut gesicherten mittelalterlichen Tresor aus Eisen kann nicht jeder knacken. Hier muss ein Spezialist ans Werk. Doch Villons Helfer sind auf alles vorbereitet. Sie haben Colin de Cayeux dabei, den Sohn eines Schlossers. Der hat eigens Nachschlüssel und Sperrhaken mitgebracht. Seine Fähigkeiten als "Tresorknacker" bringen ihn später in Rouen ins Gefängnis. Allerdings gelingt es ihm, dort wieder auszubrechen.

Mechanischer Verschluss eines Tresors

Überwältigt von der Beute

Nur ein Schlüssel mit dem richtigen Bart passt ins Schloss. Die Mechanik ist handgeschmiedet. Nur wenige spezialisierte Schlosser können so präzise Truhenschlösser herstellen. Über Gestänge werden die Riegel an allen Seiten der Truhe angesteuert. Trotzdem gelingt es den Dieben, den Kasten zu öffnen. Villon ist überwältigt von der Beute. 500 Goldstücke - ein Vermögen, von dem eine Familie viele Jahre leben könnte. Doch das Geld bringt Villon kein Glück. Sein Name taucht von nun an immer öfter in den Polizeiakten auf. Villons letztes bekanntes Werk ist ein Gnadengesuch in Versform. Eine Todesstrafe wird 1463 in Verbannung umgewandelt.

Sein größter Wunsch geht erst lange nach seinem Tod in Erfüllung: Francois Villon wird als Dichter berühmt. Schon zu seinen Lebzeiten liebten die Menschen Villon und seine Gedichte. Aber erst der Buchdruck macht eine weitere Verbreitung möglich. Seine Texte erscheinen zum ersten Mal 1489 als Buch, das viele Auflagen erlebt - ein Bestseller der damaligen Zeit. Mit seinen bewegenden Balladen war Villon der erste Großstadtdichter und bewahrte die Erinnerung an eine Zeit, die längst aus dem Stadtbild des modernen Paris getilgt ist.




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