Die mutmaßlichen Täter

Ein Kronzeuge packt aus

Der Kronzeuge ist ein Insider der Kunstszene der DDR. Als Kunsthistoriker arbeitete Helmuth Dohnke im Staatsdienst. Nach der Wende wurde der Potsdamer Galerist wegen Handel mit Kunstfälschungen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein umstrittener Zeuge der jahrelang nicht reden wollte. In einer Tonband-Aufzeichnung bestätigt er im Frühjahr 2009, was viele schon seit Jahrzehnten vermuten: Der Staat hatte seine Finger im Spiel.

Organigramm der KoKo (Ausschnitt)
Organigramm der KoKo (Ausschnitt) Quelle: ZDF

Im Protokoll gibt der Kronzeuge zunächst zu, am Handel von Kunstgegenständen aus der DDR beteiligt gewesen zu sein. Doch entscheidend ist der Hinweis zum Sophienschatz: "Die DDR hat im Zusammenhang mit dem Kunsthandel von Ost nach West so einiges gemacht. Dieser Schatz wurde unter eigenartigen Umständen geraubt. Dieser Raub war organisiert." Doch wer kommt für die Organisation des dreisten Raubes in Frage?

Begonnen hat der Ausverkauf schon in den 50-er Jahren. Die Stasi findet in Bergwerksstollen von den Nazis versteckte Kunst. Vieles davon wandert nicht in die DDR-Museen, sondern wird in Nacht- und Nebelaktionen abtransportiert und ins westliche Ausland verkauft. Bis diese Quelle versiegt. Zunächst werden private Kunstgegenstände aufgekauft, mit perfiden Methoden auch ganze Kunstsammlungen einfach beschlagnahmt. Mittels erfundener Delikte, wie angeblicher Steuerhinterziehung, landen die vom Staat enteigneten Personen sogar im Gefängnis.

Befehl von höchster Stelle

Die Machenschaften der Kunst- und Antiquitäten GmbH (KuA) sind dokumentiert. Doch passt auch der Raub des Sophienschatzes in dieses Schema? In den Büchern der KuA tauchen die Stücke aus Dresden nicht auf. Das haben die Ermittlungen der Polizei ergeben. Und doch wächst der Verdacht, dass die KuA die Fäden gezogen hat - nur anders als bisher bekannt. Kronzeuge Helmut Dohnke behauptet, dass der Befehl nicht von Schalck, sondern von höherer Stelle kam: von Stasi-Chef Erich Mielke. Laut Dohnke hat die Stasi den Raub nicht nur organisiert und durchgeführt, sondern war auch direkt am Weiterverkauf ins Ausland beteiligt.

Stasi-Chef Erich Mielke Quelle: ZDF


Tatsächlich gab es engste Kontakte zwischen Staatssicherheit und der Kunst- und Antiquitäten GmbH. KuA-Generaldirektor Joachim Farken arbeitete als IM "Hans Borau" für die Stasi. KuA-Einkäufer Axel Hilpert unter dem Decknamen "Monika". Mit ihnen viele weitere KuA-Mitarbeiter. Die Verbindung von Stasi-Know-How und KuA-Kontakten im Ausland hat beim Sophienschatz funktioniert - sagt Kronzeuge Dohnke - und nennt mit Arne Becker einen weiteren Namen, den auch die Polizei für die Schlüsselfigur in dem Fall hält. Arne Jacob Becker war bisher als einfacher aber seriöser Antiquitätenhändler aus Kopenhagen bekannt. Er muss aber, laut Dohnke, als offizieller Mitarbeiter der KuA eine Doppelrolle gespielt haben. Er kannte den Marktwert und empfahl den Verkauf des Sophienschatzes - so die Aussage des Kronzeugen.

Mögliches Szenario

Nachdem alle Ermittlungen eingestellt sind, übernimmt Becker das Diebesgut Ende der 70-er Jahre irgendwo in der DDR direkt von der Staatssicherheit. Mit dem Auftrag, den Sophienschatz im Westen zu Geld zu machen. Mit diesem Geld finanziert die Stasi vermutlich eigene Agentennetze. Arne Jacob Becker, der im internationalen Kunsthandel einen exzellenten Ruf genießt, bringt den Schatz diskret ins Ausland um ihn gewinnbringend zu verkaufen.


Es ist die wahrscheinlichste Theorie zum Sophienschatz - aber nur eine Theorie. Denn die Beteiligten sind tot - oder schweigen. Arne Jacob Becker stirbt wenige Monate nach dem Verkauf des Schatzes. Erich Mielke im Jahr 2000. Axel Hilpert, heute Hotelbesitzer bei Berlin, schweigt. Joachim Farken ist abgetaucht. Gerüchten zufolge lebt er in Australien. Kronzeuge Helmuth Dohnke stirbt 14 Tage nach dem Interview. Er hinterließ die wertvollste Aussage zum Sophienschatz. Denn er ist der einzige Insider, der jemals ausgepackt hat.

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