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Die "Nadeln Gottes"

Ehrgeiziges Bauprogramm

Hatschepsut will so stark sein wie ihr Pharaonenvater Tutmoses I. Bis zum fernen Euphrat hatte er Ägyptens siegreiche Armee geführt. Und auch die junge Herrscherin zertritt unter ihren Sohlen symbolisch die feindlichen Völker samt ihrer Waffen - doch sie will mehr. Sie bricht mit den Traditionen der Männerregentschaft.

Auf ihren Bauten lässt Hatschepsut einen Überraschungscoup sondergleichen verkünden: Mit einem kühnen Trick hat sie die Alleinherrschaft übernommen - und beraubt damit den kleinen Stiefsohn und Neffen Tutmoses III. für zwei Jahrzehnte seines rechtmäßigen Thronerbes. Ein für das Nil-Reich ungeheuerlicher Vorgang. Sie lässt verbreiten, dass Obergott Amun selbst sie zum Pharao bestimmt habe.

Der achte Pylon

Karnak ist das wichtigste Heiligtum Ägyptens. Jeder Pharao hat die Verpflichtung, die prächtige Anlage immer weiter auszubauen. Auch die neue Frau auf dem Thron startet ein ehrgeiziges Bauprogramm: Der achte Pylon wird errichtet. Auf der monumentalen Frontwand erscheint sie selbst: von den Göttern erkoren und beschützt - Mittler zwischen Himmel und Erde. Gott Amun offenbart sich ihr: "Du wirst die Gesetze festsetzen und den Streit vertreiben, du wirst den Zustand inneren Aufruhrs beenden. Du wirst den Lebenden Befehle erteilen, und sie werden sich an deine Weisungen halten!"

Als die Königin in Karnak zu bauen beginnt, ist sie nach Landessitte bereits volljährig. Hatschepsuts weltlicher Vater Tutmoses I. nutzte die Beute aus seinen Kriegszügen und die Tributzahlungen der Vasallen, um den Tempel mit imposanten Bauten und zwei Obelisken zu verschönern. Die junge Königin will ihrem geliebten Vater nacheifern und gibt die Errichtung noch höherer Obelisken in Auftrag. Damit ihre Fürbitten an den "Nadeln Gottes" dorthin aufsteigen können, wo ihr himmlischer Vater Amun regiert.

Spitzen bis zum Himmel

Die Inschrift auf der Obelisken-Spitze verewigt Hatschepsuts Worte: "Ich saß also in meinem Palast und gedachte meines Schöpfers. Mein Herz leitete mich, ihm die beiden Obelisken zu schaffen, deren Spitzen aus Weißgold bis zum Himmel reichen." Der zweite Obelisk stürzte um, nur seine Spitze blieb erhalten. Sie zeigt die Königin bei der Krönung vor dem göttlichen Vater Amun, dem sie die Obelisken weihte, "um meinen Namen dauern zu lassen in diesem Tempel für immer und ewig." Amun soll bei ihrer Krönung verlangt haben, dass Hatschepsut alle die von asiatischen Eroberern zerstörten Tempel wieder aufbauen solle und die Spuren der Ungläubigen austilge. Gegenüber dem legendären Winterpalast in Assuan ist ihre architektonische Pflichterfüllung auf der Nil-Insel Elephantine zu bestaunen: der Satet-Tempel. Hatschepsut behauptet voller Stolz von ihren Taten: "Ich habe befestigt, was verfallen war!"

Der Name Hatschepsut steht heute unbestritten für eine ganze Epoche, die zu den Glanzzeiten der ägyptischen Geschichte zählt. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht haben die offiziellen Darstellungen der Königin in Schrift und Bild nichts Weibliches mehr. Als älteste und ranghöchste Vertreterin der Königsfamilie, als Hauptgemahlin und Tochter eines Pharao, hat sie das Recht zu regieren - so jedenfalls scheinen es ihre Untertanen widerspruchslos zu akzeptieren.

Hatschepsut vermännlicht

Im Metropolitan Museum in New York befindet sich die weltweit größte Figurensammlung von Hatschepsut. Gefunden wurden sie in einem Erdversteck am Totentempel. Die Statuen belegen den Wandel ihrer offiziellen Erscheinung: Die Königin streift ihr biologisches Geschlecht ab - sie vermännlicht. Anfangs hat ihr Körper noch Busen gezeigt, bald trägt sie nur maskulinen Kopfputz und schnallt sich einen künstlichen Bart um. Keine ägyptische Königin tat wohl Gleiches vor ihr. Transsexualität oder politische Notwendigkeit? Auch die Bildhauer scheinen verunsichert. Mal spricht der Hieroglyphen-Text von einem Mann, gleich darauf von einer Frau - gemeint ist dieselbe Person.

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