Die neuen Herren am Bosporus

Exotische Welt zwischen Harem und "Kafes"

Konstantinopel, die größte Stadt der Christenheit, ist jetzt in islamischer Hand. Und die größte Kirche der damaligen Welt, die Hagia Sophia, wird zur Moschee. Schrifttafeln preisen jetzt Allah und den Propheten Mohammed.

Das einst mächtigste christliche Reich der Welt wird durch ein jüngeres, dynamisches, islamisches Reich ersetzt, das von nun an für die nächsten Jahrhunderte Europa in Atem halten wird.

Schaltzentrum der Macht

Die neuen Herren in Konstantinopel bauen eine Residenz - den Topkapi-Palast. "Topkapi" heißt "Kanonentor" und soll an Mehmets gewaltiges Geschütz erinnern. 400 Jahre lang ist hier das Schaltzentrum der Macht im Osmanischen Reich. Aber von Anfang an gehen auch Christen im Palast des Sultans ein und aus. Denn Zwangsbekehrung zum Islam ist nicht Politik der neuen Herrscher.

Im Gegenteil, die neuen Herrscher beschäftigen christliche Beamte in Spitzenpositionen. Sie übernehmen die erfahrenen Bürokraten für die Verwaltung, die nun in ihren Händen liegt. Innerhalb von hundert Jahren ist aus dem winzigen Fürstentum Osmans eine Großmacht geworden, mit der Europa von jetzt an rechnen muss.

Erotisches Schlaraffenland

Mit einem Donnerschlag hat eine neue Großmacht die Bühne der Weltgeschichte betreten. Mit Schrecken - aber auch mit Faszination hören die Europäer die Nachrichten über die Sultane, die neuen Herren am Bosporus. Exotisch soll es an ihrem Hof zugehen. Frivol, geradezu orgiastisch. Dutzende, ja Hunderte Frauen tummeln sich - so hört man - in den Palastgemächern des Sultans. Den Harem stellt sich vor allem die Männerwelt als eine Art erotisches Schlaraffenland vor, in dem unzählige schöne Frauen nur darauf warten, einen einzigen Mann zu verwöhnen. Doch die Realität des Harems ist kein Stoff für einen Erotikroman - eher schon für eine Kriminalgeschichte.


Geschichten von Mord und Totschlag sind es, die sich im Harem des Topkapi-Palastes abgespielt haben im hermetisch abgeriegelten Privatbereich der Herrscher am Bosporus. Außer dem Sultan und Eunuchen darf sich kein Mann im Reich der Frauen aufhalten. Neben vier offiziellen Gattinnen bevölkern bis zu 500 Konkubinen die Gemächer. Sklavinnen, die dem Sultan zum Geschenk gemacht werden. Die große Zahl der Frauen ist eine reine Prestigefrage. Tatsächlich bekommen die meisten ihren Gebieter nur selten oder überhaupt nicht zu Gesicht.

Hinterhältige Machenschaften

Der Harem ist alles andere als eine gemütliche Familienidylle. Der Palast gleicht einer Schlangengrube. Die Gemächer des Topkapi sind Jahrhunderte lang Schauplatz hinterhältiger Machenschaften. Im Zentrum dieser Kämpfe steht die Nachkommenschaft des Sultans. Denn unter den Söhnen des Herrschers, die am Hof zu einem Leben in Müßiggang verurteilt sind, ist zunächst keiner bevorzugt. Es gibt kein Gesetz, das die Nachfolge regelt. In der Praxis heißt das: der raffinierteste Taktiker gewinnt. Er muss sich durch Bestechung auf den Thron heben lassen - und dann alle seine Brüder aus dem Weg räumen.




Mord als politische Institution: am Tag seiner Machtübernahme 1595 lässt Sultan Mehmed III. neunzehn seiner Brüder töten. Die Prinzen werden mit einer Bogensehne erdrosselt. Auch für die Konkubinen, die von seinem verstorbenen Vater schwanger sind, ist dies der letzte Lebenstag. Die Opfer bestattet der neue Sultan feierlich in den Mausoleen der Herrscherfamilie. Manche Särge messen kaum einen Meter. Sogar Kleinkinder fielen dem Massenmord zum Opfer. Ein grausames System, das auch politisch schadet. Denn es führte beinahe zur Ausrottung der gesamten Dynastie.

Vornehme Gefängnisse

Die osmanischen Herrscher erkannten das und schufen im 17. Jahrhundert eine neue Einrichtung. Vornehme Gefängnisse für die eigenen Söhne. "Kafes" heißen sie auf türkisch - die goldenen Käfige. Eingesperrt und zur Langeweile verurteilt - aber sicher vor Mordanschlägen - so lebten seitdem die männlichen Nachkommen des Sultans. Starb der Herrscher, wählten hohe Beamte aus den Reihen der Brüder einen Nachfolger. Ein Fortschritt an Humanität, aber mit einem entscheidenden Nachteil:

Doch der Osmanische Staat war organisiert genug, selbst unfähige Sultane zu verkraften. Denn in diesem Pavillon innerhalb des Topkapi trafen sich die Männer, bei denen die wirklichen Fäden der Macht zusammenliefen: der Kronrat des Herrschers, der Diwan. Hier wurden die politischen Weichen gestellt.

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