Die "Ohrfeige von Anagni"

Phillip der Schöne zeigt dem Papsttum die Grenzen der Macht

Bonifaz VIII. eröffnet eine neue Runde im Kampf der Päpste gegen die weltlichen Herrscher: Seine Wahl 1294 lief nicht nach den Regeln, die das Wahlgesetz vorschreibt. Denn eigentlich tritt erst nach dem Tod eines Papstes die Wahlversammlung zusammen.

Gemälde König Phillip IV. Quelle: ZDF

Nun aber wird der vom Amt überforderte "Engelpapst" Coelestin V. nach nur fünf Monaten Pontifikat zum Rücktritt gedrängt und Bonifaz VIII. nimmt seinen Platz ein. Vermutlich hat er sogar die Abdankungsurkunde abgefasst, die Coelestin im Dezember 1294 verliest. Zum Papst gewählt, lässt Bonifaz seinen Vorgänger unverzüglich in der Festung Fumone bei Ferentino einkerkern, wo dieser zwei Jahre später stirbt.

Bonifaz VIII. Quelle: ZDF

Wie ein römischer Imperator

Kurios war sein Auftreten in der schon an einiges gewöhnten Öffentlichkeit. Bonifaz liebte die Maskerade, kleidete sich gern wie ein römischer Imperator. Selbstverliebt wie er war, schätzte er vor allem die Macht. Die sollte ihm eines Tages zum Verhängnis werden. Er hat zwei Ziele: lange zu leben und viel Geld zu verdienen. Da ist das Amt Mittel zum Zweck. Und Geld fließt aus ganz Europa in die Kassen nach Rom. Und ein drittes Ziel verfolgt er: Er betreibt eine ausgesprochene Machtpolitik zum Vorteil seiner Familie. Bonifaz versorgt seine Verwandten so reichlich mit Grundbesitz und Ämtern, dass man fürchtet, seine Familie werde bald die gesamte Kirche beherrschen.

Im Jahr 1300 führt Bonifaz VIII. das Jubeljahr ein, eine neue kirchliche Tradition, die bis heute fortgesetzt wird. Ein geschicktes Mittel, die Gläubigen nach Rom zu locken. Wer in diesem Jahr an die heiligen Stätten pilgert, dem werden alle Sünden erlassen. Und dann landet Bonifaz seinen politischen Coup: "Jeder Mensch schuldet dem im geistlichen und weltlichen Bereich dominierenden Papst Gehorsam", verkündet er. Auch Könige und Kaiser müssen sich diesem Anspruch unterwerfen. Um diesen Anspruch durchzusetzen, braucht man aber politisches Gewicht, und das verschafft man sich vor allem mit dem Besitz eines großen Reiches. Es ist eine uralte Gleichung: je größer das Land, das man besitzt, desto größer der Machtanspruch.

Konstantinische Schenkung Quelle: ZDF

Weltpolitik mit gefälschter Urkunde

Schon im achten, neunten Jahrhundert haben die Fürsten gemerkt, dass es sich mit Landbesitz im Rücken leichter regieren lässt. Ein Fälscher - niemand weiß bis heute wer - kam damals auf die geniale Idee, dem Papst ein großes Reich einfach zuzusprechen. Vermutlich ist es Papst Paul I. um die Mitte des achten Jahrhunderts, der eine anonyme Fälscherwerkstatt mit der Schenkungsurkunde Konstantins beauftragt. Die so genannte Konstantinische Schenkung wurde im Mittelalter das wichtigste Dokument für machthungrige Päpste: Eine Urkunde aus dem vierten Jahrhundert, die behauptet, dass der römische Kaiser Konstantin dem Papst ganz Italien und dazu halb Europa geschenkt habe. "Der wahre Kaiser", so die Auslegung im Mittelalter, "ist der Papst." Mit dieser Urkunde lässt sich Weltpolitik machen.

Die Urkunde ist schweres Geschütz - auch wenn es in Wirklichkeit eine Fälschung ist. Dass es sich bei diesem Dokument bloß um eine Fälschung handelt, hat der Vatikan erst im 19. Jahrhundert zugegeben. Zur Zeit von Papst Bonifaz VIII. gilt die Konstantinische Schenkung als echt. Für Phillip den Schönen, König von Frankreich, ist die Auslegung der Urkunde eine echte Kampfansage. Denn der ist zu dieser Zeit der eigentlich starke Mann. Von Paris aus regiert er ein mächtiges Reich. Muss sich der schöne Phillip von einem Papst Vorschriften machen lassen?

Auszug aus der Konstantinischen Schenkung Quelle: ZDF

Duell mit ungewissem Ausgang

Mit der wirtschaftlichen Blüte Frankreichs zu Beginn des 14. Jahrhunderts unter seinem König Phillip IV. wächst das Verlangen, allein zu herrschen. Doch der Papst fordert in einem Brief Anerkennung seiner Macht und Unterwerfung. Ein neues Duell mit ungewissem Ausgang wird eröffnet. Der König von Frankreich will verhindern, dass die enormen Kirchensteuern an ihm vorbei nach Rom fließen. Philipp IV. braucht Geld, um seinen aufwendigen Krieg gegen England zu finanzieren. Eine Tagesreise von Rom in ländlicher Idylle residiert Papst Bonifaz VIII. in einem kleinen Palast in dem Städtchen Anagni. Hier erhält er die Antwort des französischen Königs. Hat der eigenwillige Papst vielleicht zuviel riskiert?

In den Abendstunden des 7. Septembers 1303 kommt es zum Eklat. Der französische König lässt Bonifaz in seinem Palast auflauern. Ein Trupp Bewaffneter unter französischem Kommando findet Bonifaz in vollem Ornat auf dem Thron, auf dem Haupt die Krone, in den Händen ein Kreuz, das er andächtig küsst. Plötzlich steht ein Angreifer vor ihm. Mit einem eisernen Handschuh schlägt er zu. Der Papst soll den Wütenden entgegengeschleudert haben: "Hier ist mein Nacken, hier mein Haupt." Er wolle lieber sterben als abdanken. Der Papst wird eingesperrt. Zwei Nächte und einen Tag bringt Bonifaz im Kerker zu, ohne etwas zu essen, weil er fürchtet, vergiftet zu werden. Der Papst erholt sich von diesem Anschlag nicht mehr. Als "Ohrfeige von Anagni" geht dieses Attentat in die Geschichte ein.

Bonifaz VIII. und Angreifer in der Burg Quelle: ZDF

Weitreichende Folgen

Die Folgen sind weitreichend, der französische König hat gezeigt, was Staatsräson bedeutet: Die Belange der Macht rangieren vor jeder Rücksicht auf Kirche und Tradition. Diese Lektion sollen andere Herrscher aufnehmen. Das Papsttum darf sich nicht mehr durch Sakralität geschützt oder gar unangreifbar fühlen.

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